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X-big green man
Die meisten Menschen meiden dunkle Gassen nach Mitternacht. Man kann nie genau sagen, was sich alles in dieser undurchdringlichen Dunkelheit tut. Ratten suchen im Abfall nach etwas Freßbarem. Unheimliche Gestalten treiben sich in ihnen rum. Penner schlafen in den Hauseingängen. All das würde jeden normalen Menschen davon abhalten, kurz nach zwei Uhr morgens in eben solch eine Gasse zu gehen.
Doch Jeffrey Goynes schien das alles nichts auszumachen. Er war ein etwas untersetzter, schon leicht angegrauter Mann. Vor einiger Zeit war er einmal einer der besten Genforscher der Ostküste gewesen; er hatte die Methode erfunden, wie man Kühe aus in der Milch vorhandenen Zellen klonen kann.
Aber er wollte sich nicht von Gesetzen einschränken lassen und auch mit menschlichen Genen über alle Moral hinaus experimentieren. Als man ihm dabei auf die Schliche kam, wie er in menschliche Em-bryonen Krebszellen pflanzte, um diese genetisch zu verändern und daraus einen "Impfstoff gegen Krebs" zu entwickeln, wurde er angeklagt und verurteilt. Er floh allerdings bei der Überführung ins Ge-fängnis. An diesem Tag schwor er Rache.
Jeffrey war nun an einem Hintereingang eines Nebengebäudes des General County Hospitals in Utica angelangt. Er brach die Tür auf. Aus AIPler-Zeiten wußte er noch, daß dieses Gebäude mit dem Haupt-haus in Verbindung stand. Also ging er durch den Keller, der die Verbindung darstellte, zu den Laboren des Krankenhauses.
Alles war still. In der Nacht wurde eine kleines Labor im Erdgeschoß des Krankenhauses benutzt, so daß es hier im Keller nun völlig ruhig war. Goynes öffnete die Tür zu einem der Labore. Er ließ den Lichtstrahl der Taschenlampe, die er schon die ganze Zeit anhatte, durch den Raum mit den Reagenzgläsern und Blutproben schweifen. Dann trat er rasch auf ein Kühlschrank mit der Aufschrift "Onkologie" zu, brach ihn auf, griff nach einer Blutprobe und verließ das Labor. Dann wandte er sich der nächsten Tür zu und trat in ein weiteres Labor. In diesem ging er zu einem der Kühlschränke, der der Gynäkologie angehörte, brach auch diesen auf und entnahm ihm ein Reagenzglas mit einer unbefruchteten Eizelle.
Mit den beiden Reagenzgläsern eilte Jeffrey nun leise und sich immer umsehend durch die Kellerräume.
Er suchte das Labor, in dem die Samenspenden aufbewahrt wurden. Auch hier stahl er ein Reagenz-glas.
Goynes ging nur eine Tür weiter und setzte sich an ein Mikroskop. Wie bei seinen letzten Experimenten als Genforscher isolierte er in gewohnheitsbedingter Schnelligkeit den Krebserreger aus der ersten Pro-be. Dann pflanzte er ihn und ein Sperma in die Eizelle. Zufrieden sah er sich sein Werk an. Doch er war noch nicht fertig. Jeffrey zog ein viertes Reagenzglas aus der Tasche. Diesem entnahm er eine grünliche Flüssigkeit, die er in eine Petrieschale füllte und diese dann unter eine Rotlichtlampe stellte. Als letztes setzte er die genetisch veränderte Eizelle hinein. Noch einmal warf er ein väterlichen Blick auf das kleine Gefäß unter der Wärmelampe. dann verließ er den Raum
Noch bevor er wieder aus der Tür, durch die er vor zweieinhalb Stunden gekommen war, ging, fing die Zelle in der Petrieschale an, sich zu teilen...
Mulder und Scully saßen in einem Mietwagen. Erst vor knapp zwei Stunden waren sie in Albany/New York gelandet und unterwegs nach Utica.
Mulder saß am Steuer, Scully blätterte in einem Berg von Akten. An seinem Gesichtsausdruck konnte man erkennen, daß er nicht gerade glücklich über diese Situation war. "Scully, was sollen wir denn da? Ich hatte mich so auf ein paar geruhsame Tage in meinem Appartement gefreut. Nur mein Videore-corder und ich..." Jeder, der sich etwas mit Mulder’s Vorliebe für gewisse Videos auskennt, konnte sich nun am Glänzen in seinen Augen ausmalen, woran er gerade dachte. Scully warf ihm diesen Blick zu, die sie ihm immer zuwirft, wenn er von kleinen grauen Männchen erzählte. Aber auch in diesem Augen-blick war er sehr passend. "Mulder", es war der Ton, bei dem man annehmen könnte, sie wäre seine Mutter und müsse ihn zum x-ten Mal zu einer Sache belehren, "wir haben einen Job." "Aber... Worum geht es denn nun, Scully?" "Um ein Monster, das in einem Krankenhaus Menschen zerfleischt", sie grinste ihn an, "wenn ich mich mal auf Ihre Art und Weise ausdrücken darf." Er warf ihr ein ironisches Grinsen zu. Sie ignorierte es einfach.
"Also, im General County Hospital in Utica werden seit vergangenem Monat Menschen von Jemandem ermordet. Er geht dabei wie bei einem Ritual vor, das heißt er führt bei seinem Opfer einen sauberen Schnitt vom Bauchnabel bis zur Kehle durch. Dann entnimmt er ihm das Herz, die Lunge, die Leber und die Nieren. Die Opfer waren dabei noch lebendig, werden allerdings vorher durch einige Schläge ruhig gestellt. Vorgestern wurde wieder ein Mann angegriffen. Er hat es aber überlebt. Der Täter hat sich da-rauf beschränkt, ihn zusammenzuschlagen. Dieser Mann heißt Mark Greene und ist der Oberarzt der Notfallstation." "Und wieso sollte dieser Fall mit den anderen in Verbindung stehen? Immerhin lebt der Mann noch." "Und das sollte auch so bleiben, Mulder! Lassen Sie mich ausreden. Vielleicht wurde der Täter gestört. Außerdem gibt es da noch einen eindeutigen Beweis: An jedem Tatort wurde eine grün-liche Flüssigkeit gefunden. An jedem! Außerdem fanden alle Morde in diesem Krankenhaus statt." Mulder sah sie ungläubig an."Was ist?", fragte sie in der Annahme, irgend etwas an ihrem Outfit stimme nicht. "Alle Morde fanden nur in dem Krankenhaus statt?" Sie nickte, erleichtert, daß ihr Verdacht unbe-gründet war.. "Tja..."; Scully überflog die Akten noch ein mal, "ach so, einen Tag vor dem ersten Angriff wurde in das Krankenhaus eingebrochen. Um genauer zu sein, in die Labore. Es wurden eine Blutprobe eines an einem Tumor erkrankten Patienten, eine Samenspende und eine unbefruchtete Eizelle gestoh-len. Und eines der Labore wurde verwüstet." "Vielleicht war das ein Irrer, der sich sein Kind selber zusam-menstellen wollte, na ja bis auf die Blutprobe." Mulder sah Scully verschmitzt grinsend an, doch es ver-ging ihm schnell als er Scully’s wehleidigen Gesichtsausdruck registrierte. "Es tut mir...", meinte er ent-schuldigend. Sie sah ihn versöhnlich an. "Ist schon gut." "Aber wer stiehlt das alles und wozu?", fragte er, sich wieder auf den Fall konzentrierend. "Ich weiß es nicht." Er sah sie kurz an und erkannte, daß sie in dem Fall genauso ratlos war wie er. Dann schaute er zurück auf die Straße. Doch er nahm sie nur zur Hälfte wahr; seine Gedanken kreisten jetzt um den Fall. Die Videos waren vergessen.
Fürs erste.
Mulder parkte den Wagen auf dem Besucherparkplatz des General County. Er und Scully betraten das Krankenhaus und fragten an der Information nach Mark Greene.
"Moment, ich sehe einmal nach... Nein, er wurde heute Morgen entlassen.", war die Antwort der Schwester. "Aber versuchen Sie es doch drüben bei der Notfallstation. Vielleicht hat er gerade Dienst." Sie nickte mit dem Kopf in Richtung Ostteil des Gebäudes.
Mulder und Scully gingen in die ihnen bedeutete Richtung. "Scully, würden Sie zwei Tage nachdem Sie zusammengeschlagen wurden gleich wieder arbeiten wollen?" Sie passierten die Tür zur Notaufnahme. "Na ja, wenn ich nette Kollegen hätte..." Mulder warf ihr einen entsetzt, verzweifelten Blick zu. Auf so ei-ne Antwort war er nicht gefaßt gewesen. "Aber..." Scully lächelte ihn nur mit ihrem ‘reingelegt-Mulder’-Lächeln an.
Er wollte gerade zu einem Satz ansetzen als den Gang runter vor ihnen eine Tür aufflog. Zwei Sanitäter stürmten herein. Sofort waren auch zwei Ärzte und eine Schwester zur Seite. Einer der Ärzte, der Mann, hatte deutliche Schwellungen im Gesicht. Scully deutete auf ihn. "Das muß Dr. Greene sein." Mulder gab ihr mit einer Geste recht.
"...sie im Schlamm im Park gefunden. Wahrscheinlich Überdosis." "Ok, wir machen großes Blutbild, Blut-gase, Blutalkohol und werden ihr den Magen auspumpen."
Mulder und Scully merkten gleich, daß sie Greene jetzt keine Fragen stellen konnten. Also gingen sie zur Rezeption, die gegenüber der Tür lag, durch die die Trage vor ein paar Sekunden gebracht wurde.
Mulder wandte sich an einen Arzt, der hinter dem Tresen stand und etwas in ein Krankenblatt schrieb. "Entschuldigen Sie, Sir. Das ist Special Agent Dana Scully und ich bin Special Agent Fox Mulder vom FBI. Wir sind wegen der mysteriösen Mordfälle hier." "Ah..." Der Arzt reichte zuerst Scully dann Mulder die Hand über den Tresen. "Ich bin Doug Ross, Kinderarzt. Sie wollen sicherlich mit Mark reden." Mulder nickte ihm zu. Ross wies mit dem Kopf zum Behandlungsraum zwei. "Er ist grad in B2. Kann ‘ne Weile dauern. Überdosis." In diesem Moment ging die Tür von B2 auf und eine Schwester stürmte heraus, di-rekt auf die drei Personen zu. "Doug, es ist Charly!" Der Kinderarzt zuckte zusammen. "Entschuldigen Sie mich. Ich werde Ihnen Mark raus schicken." dann eilte er mit der Schwester zu dem Behandlungsraum. Die beiden Agenten schnappten nur noch ein väterlich besorgtes ‘Sie ist doch erst 14!’ auf.
"Da haben Sie es in der Pathologie doch bedeutend ruhiger." , witzelte Mulder. "Um so mehr Streß hab ich dann mit Ihnen.", konterte sie gelassen. Jetzt übertreibt sie aber, dachte er leicht gekränkt.
Da öffnete sich die Tür des Behadlungsraums und der angeschlagene Arzt kam nun auf die FBI-Agenten zu. "Mark Greene, guten Tag!" "Dana Scully", meinte Mulder mit einer Handbewegung zu Scully, "und Fox Mulder.". "Kommen Sie! Wir gehen in einen ungestörteren Raum."
Das war auch sehr angebracht, denn um sie herum wimmelte es nur so von Ärzten und Schwestern, die geschäftig Krankenblätter bearbeiteten und zwischen den Behandlunsräumen hin und her eilten.
Der Arzt führte Mulder und Scully in einen der Behandlungsräume, in dem, bis auf eins, alle Betten unbe-legt waren. "Tut mir leid, aber ein ruhigeres Zimmer haben wir zur Zeit nicht. Das Ärztezimmer wird gera-de renoviert.", entschuldigte Greene die etwas sterile Umgebung. "Das ist William Bradley", er nickte zu dem einzigen Patienten in dem Raum. "Er ist bei uns quasi Stammkunde." Der Mann in dem Kranken-hausnachthemd in der anderen Ecke des Zimmers richtete seine Aufmerksamkeit ganz auf Scully. "Diesmal habe ich mir die Fingerkuppe abgesägt und meine Teternusimpfung war überfällig." , grinste er ihr stolz entgegen.
Sie, die ja eigentlich zur Befragung des Arztes hier war, nickte nur kurz und versuchte, ihre Aufmerksam-keit wieder ganz auf den zu Verhörenden zu richten, was ihr zugegebener Maßen nicht so ganz leicht fiel. Bradley war nämlich ein unverschämt gut aussehender Mann Anfang 30, kurze, blonde Haare, blaue Augen und drei-Tage-Bart, der ihm außerordentlich gut stand. Selbst durch das sterile Nachthemd zeichneten sich seine einzelnen Muskeln deutlich ab. Und er hatte ein Lächeln, daß sie unsagbar faszi-nierte. Irgend wie hatte Scully das Gefühl, sie kenne dieses Lächeln, irgend woher.
"Was ist eigentlich genau passiert?" Mulder’s Worte rissen Scully aus ihren Gedanken. Sie wandte sich jetzt Greene zu, der im Gegensatz zu dem Kranken in dem Zimmer, nicht so ein wohlwollender Anblick war. Er war eher schmächtig, trug eine Brille und die Prellungen in seinem Gesicht ließen ihn nicht gera-de vorteilhaft aussehen.
"Ich hatte Nachtdienst und mußte noch einmal runter ins Labor. Normaler Weise haben wir für die Nacht, da da weniger los ist, ein kleines Labor hier oben, so daß wir nicht immer runter müssen. Doch ich brauchte eine Blutprobe von vor einigen Wochen und die werden unten aufbewahrt. Also bin ich mit dem Aufzug runter und gerade als ich in das Labor wollte, wurde ich von hinten angegriffen. Ich hab den Kerl nicht gesehen, nur seine Hände und die sahen irgendwie...na ja...unnormal aus." "Unnormal, inwiefern?", fragte Mulder in einem Ton, an dem man erkennen konnte, daß er wieder ganz in seinem Element war. "Na ja...sie waren von einer Art feuchten, grünen, schutzfilmartigen Schicht überzogen. Die Finger waren ungewöhnlich lang und die Haut stark verschrumpelt."
"Er griff Sie also von hinten an. Und was passierte dann?" Scully spürte die Blicke von Bradley deutlich auf ihrem Rücken, obwohl sie zu dem Arzt gewandt stand. Sie versuchte, sich nicht zu dem Kranken um-zudrehen und konzentrierte sich angestrengt auf Greenes Aussage.
"Ja, er hat mir einen Schlag auf den Kopf verpaßt und mich dann herumgewirbelt. Das ging alles so schnell, ich konnte ihn nicht erkennen. Als nächstes hat er mir in die Magengegend geboxt und mir noch eins ins Gesicht verpaßt wie man ja deutlich sieht. Von da ab kann ich mich an nichts mehr erinnern." "Können Sie sich vorstellen, warum er von Ihnen abgelassen hat?" "Nein, aber ich bin froh, daß ich nicht wie ein Thanks-Giving-Truthahn aufgeschlitzt wurde." "Wo fanden eigentlich die anderen Angriffe statt?", fragte Mulder, der bei dem Gedanken an einen Truthahn eine deutliche Leere in sei-nem Magen verspürte. "Alle unten bei den Laboren. Und immer nur dann, wenn es Nacht oder absolut keiner in der Nähe war. Die Leute trauen sich schon gar nicht mehr dahin."
"Was für Angriffe, bitte?", klang eine verunsicherte Stimme aus der Ecke des Zimmers. Bradley, der ja alles mit angehört hatte, sah Scully aus entsetzten Augen an. Sie wollte ihm gerade antworten als Mul-der, der das scheinbar überhört hatte, Dr. Greene fragte, ob er ihnen einen gutes Motel in der Nähe empfehlen könne.
Nachdem dieser ihm eines genannt hatte, reichte Mulder ihm eine Visitenkarte mit seiner Handynum-mer. "Sie können mich jederzeit erreichen, wenn etwas ist. Ich hätte jetzt nur noch gerne eine Probe von der grünen Flüssigkeit, die man an allen Tatorten gefunden hat." "Sie wird unten in einem der Labo-re aufbewahrt." "Wie passend!", meinte Mulder zynisch an Scully gerichtet, "Dann wollen wir sie mal ho-len."
Mulder stand schon in der Tür als Scully sich noch einmal zu Bradley umdrehte, der jetzt wie ein verängs-tigtes Kind in seinem Bett saß. Sie warf ihm ein entschuldigendes Lächeln zu.
Als die beiden Agenten aus der Tür waren, sah Bradley den Arzt an, der noch immer auf einem der lee-ren Betten saß, und wiederholte seine Frage. "Was für Angriffe?" "Es ist alles in Ordnung.", entgegnete Greene nur beruhigend. "Wer waren die Beiden?" William ließ nicht locker. "Das waren Agent Mulder und Agent Scully, vom FBI.", meinte der Doktor im Gehen. In der Tür drehte er sich noch einmal zu dem Verletzten um. "Du wirst noch ein paar Stunden hierbleiben. Wir machen noch ein paar Untersuchun-gen und wenn wir nichts Weiteres finden, kannst du gehn." Bradley nickte zufrieden.
Mulder und Scully standen in dem Aufzug, der sie runter zu den Laboren bringen sollte.
Scully war in Gedanken noch immer bei Bradley. Insgeheim wünschte sie sich, ihn nicht zum ersten und letzten Mal gesehen zu haben. Er hatte etwas, was sie unheimlich anzog.
"Scully, was meinen Sie," Scully fuhr zusammen wie ein kleines Kind, das man bei einer verbotenen Sa-che ertappt hatte, "bleibt der Täter die ganze Zeit hier?" Die Tür des Aufzugs öffnete sich, die beiden Agenten gingen in den durch grelle Neonlampen hell erleuchteten Gang. "Oder kommt er immer, um sich seine Opfer auszusuchen:" Scully sah sich den Korridor und die durch Türen abgetrennten Labore an. "Auch wenn es angesichts dieser Übersichtlichkeit unwahrscheinlich klingt, würde ich sagen, daß sich der Täter die ganze Zeit hier aufhält. Wie sollte er sonst wissen, wann jemand allein hier unten ist und er seine Opfer ungesehen..." "...ausnehmen kann.", beendete Mulder mit einem sarkastischen Unterton den Satz. Er blieb stehen, sie tat es ihm gleich. "Genau der Meinung bin ich auch. Nur wo hält er sich die ganze Zeit auf, Scully?" "Tja, die einfachste Antwort wäre, der Täter ist einer der Mitarbeiter. So könn-te er auch ungesehen ein und aus gehen." "Genau der Gedanke ist mir auch schon gekommen, aber an einen Punkt haben wir dabei noch nicht gedacht." Scully blickte erwartungsvoll zu ihm auf. Er legte seine Hände auf ihre Schultern, um seinen folgenden Worten Nachdruck zu verleihen. "Die grüne Flüs-sigkeit." "Die grüne Flüssigkeit?", Scully’s Stimme klang schon fast etwas enttäuscht, man könnte glau-ben, sie hätte jetzt sonstwas erwartet. "Ja, die grüne Flüssigkeit!", wiederholte Mulder., "Sie haben mir doch vorhin selbst vorgelesen, daß man an jedem der Tatorte eine grünliche Flüssigkeit gefunden hat. Und auch Dr. Greene hat etwas von einer Art grünlichem Schutzfilm auf der Haut des Angreifers erzählt. Und welcher Mensch besitzt die schon?" Er machte eine Pause, allerdings nicht um auf eine Antwort von Scully zu warten, sondern vielmehr um seine Gedanken zu ordnen. "Also, was wäre, wenn nicht Je-mand sondern Etwas all die Menschen umgebracht hat?" In Mulder’s Blick lag ein Leuchten, das er im-mer hatte, wenn er anfing von kleinen grauen Männchen zu erzählen. "Mulder, nein! Bitte!" "Aber..." Das Leuchten in seinen Augen verschwand.
Er haßte diese Situationen, in denen er noch nicht genug oder gar keine Beweise hatte, um Scully seine Theorie glaubhaft zu machen. Von da her konnte er es ihr noch nicht einmal übelnehmen, daß sie so re-agierte. "Scully,", seine Stimme klang wieder gefaßt, "ich schlage vor, daß wir diese grüne Flüssigkeit erst mal von jemandem untersuchen lassen." "Von Ihren Freunden, nehme ich an." "Genau. Ich werde ih-nen eine Probe schicken und darum haben wir auch heute den Rest des Tages frei. Denn ich muß ih-nen das Zeug ja wie gesagt erst zuschicken und wir bis jetzt keinen weiteren Anhaltspunkt haben." "Endlich mal eine gute Idee. Wir hatten schon lange nicht mehr frei. Und wenn es nur ein halber Tag war." "Eben!"
Mulder ließ sich von einem der Labormitarbeiter eine Probe der Flüssigkeit geben.
Die beiden Agenten gingen zurück zu dem Lift. Schweigend fuhren sie nach oben und freundeten sich mit dem Gedanken an, den Rest des Tages frei zu haben. Sie ließen ihre Gedanken weit ab von ihrem Fall schweifen, obwohl sie ihm in diesem Moment so nah waren, wie sie es nie erahnt hätten. Denn ge-nau über ihnen, auf dem Lift, saß etwas, das sie durch die nicht ganz geschlossene Zugangsluke, durch die man in Notfällen in den Lift kam, die ganze Zeit beobachtete: ein Paar unnatürlich grüne Augen.
Mulder und Scully waren zum ‘Checkpoint’, das Motel, das Dr. Greene ihnen empfohlen hatte, gefah-ren.
Mulder war eine Runde joggen, was er schon seit Wochen nicht mehr gemacht und seiner Meinung nach mal wieder nötig hatte. Denn so wie Scully vorhin den Verletzten im Krankenhaus angesehen hat-te, der (das auch mußte Mulder zugeben) wirklich gut durchtrainiert war, wollte auch er mal wieder von ihr beachtet werden. Ihn baute an manchen Tagen eben nichts mehr auf als ein bewundernder Blick von Scully, den er aber, fand er jedenfalls, viel zu selten bekam. Anscheinend mußte er was dafür tun.
Scully lag auf ihrem Bett und laß ein Buch. "Dreizehn" hieß es und Mulder hatte es ihr gegeben. Er war ganz begeistert davon gewesen. Nach den ersten paar Seiten verstand Scully auch warum, das Buch war genauso wie Mulder’s Theorien über ihre Fälle: verwirrend und undurchdringlich.
Bei Seite 147 legte Scully das Buch zur Seite und sah auf die Uhr. 18:34, Zeit um was zu essen, dachte sie sich. In dem Moment klopfte es an ihrer Tür. Sie blieb auf dem Bett liegen, denn Mulder würde sowieso gleich rein kommen, so wie er es immer machte. Doch nichts geschah. Ein paar Augenblicke später klopfte es wieder. Scully verdrehte die Augen und stand mißmutig auf. Genervt ging sie zur Tür und öff-nete. "Kommen Sie nur rein, Mul..." Scully beendete den Satz nicht, denn zu ihrem Erstaunen war je-mand an der Tür mit dem sie überhaupt nicht gerechnet hatte.
"Mr Bradley!" "Ich hatte vorhin mitgehört, das Ihnen Dr. Greene dieses Motel empfohlen hatte. Na ja, und ich wollte Sie unbedingt wieder sehen!", ein zaghaftes Lächeln huschte über das Gesicht des Man-nes. "Ich...äh...wollte Sie fragen, ob Sie nicht Lust hätten, mit mir essen zu gehen:" Es klang so als hätte Bradley mit einer glatten Absage gerechnet. Um so überraschter war er auch über Scully’s Antwort. "Natürlich, gerne!" Sie strahlte ihn regelrecht an. "Hat Ihr Partner denn nichts dagegen?" Er war immer noch sehr zurückhaltend. "Ach der, nein! Er ist wahrscheinlich noch joggen. Und wenn schon." "Ich mei-ne nur,...er hat Sie vorhin immer so angesehen...so besitzergreifend." "Ach, auf so was dürfen Sie bei ihm gar nicht achten!", meinte sie und ein leicht verächtlicher Unterton schwang ihrer Stimme mit.
"Gut, dann lassen Sie uns gehen!" Bradley klang so erleichtert als hätte er schon seit Monaten keine Verabredung mehr gehabt, was sich Scully bei seinem Aussehen und seiner Art beim besten Willen nicht vorstellen konnte.
Knapp fünf Minuten nachdem Scully und Bradley weggefahren waren, kam Mulder vom Joggen zu-rück.
Er ging als erstes zu Scully’s Zimmer und klopfte. Keine Antwort. Das ist immer ein Zeichen, daß ich rein-kommen kann, dachte er. Er drehte den Türknauf. Abgeschlossen. Mulder klopfte noch einmal. Keine Antwort. Er sah durch das kleine Fenster neben der Tür. Das Zimmer war leer. Wo steckt sie nur? Sie hätte wenigstens auf mich warten können. Das ist doch sonst nicht ihre Art, überlegte er enttäuscht.
Bradley war mit Scully in ein französisches Restaurant gefahren. Sie saßen beim Wein und warteten auf ihr Essen.
"Was macht ihr Finger?" Scully deutete mit einem Kopfnicken auf den Verband an Bradley’s Hand. "Ach das geht schon wieder. War halb so schlimm, zum Glück hab ich mir nichts geholt." "Wie ist das überhaupt passiert?" "Ich wollte für meine Schwester ein Kinderbett bauen. Sie wird in ein paar Wo-chen Mutter. Na ja, und beim Bretter zuschneiden ist halt irgendwie mein Finger dazwischen gekom-men. Zum Glück haben die Sanitäter als sie kamen die Fingerkuppe wieder gefunden und so konnten sie die mir wenigstens wieder annähen. - Ich hoffe, diese Geschichte hat Ihnen nicht den Appetit ver-dorben?", fragte er vorsichtig. Sie lächelte."Nein, keine Angst. Ich kenne so was. Ich bin nämlich selbst Ärztin. Von da her bin ich noch Schlimmeres gewohnt." "Dann werde ich das nächste Mal, wenn ich mir was tue, zu Ihnen kommen." Er lächelte sie ebenfalls an. "Bradley..." "Nein, nein!", unterbrach er sie. "Nennen Sie mich Brad. Das tun alle. Das ist quasi schon mein Vorname." "Brad?", sie klang etwas ver-dattert. "Ja, Brad. Wie Brad Pitt.", meinte er und sah sie aus seinen blauen Augen an. "Das kam so:", begann er sie aufzuklären. "Vor einem knappen Jahr war meine Schwester bei mir zu Besuch. Sie schal-tete im Fernsehen umher, während ich in der Küche war. Als ich zu ihr kam, sah sie zu mir auf. Einen Moment sah sie mich einfach nur an. ‘Was ist?’, hab ich sie gefragt. Dann hatte sie mich zu sich gewun-ken und deutete auf den Bildschirm. ‘Du siehst aus wie er!’, meinte sie. Na ja, sie hatte sich gerade ei-nen Film mit Brad Pitt angesehen und meinte, ich sähe ihm unheimlich ähnlich. Von da an nannte sie mich immer nur Brad und das hat sich sehr schnell auf andere Leute übertragen. Ich finde zwar nicht, daß ich ihm ähnlich sehe, aber es ist ein Kompliment, denn der Mann sieht ja nun wirklich nicht schlecht aus." "Ihre Schwester hat Recht, Brad!" Wenn sie ehrlich sein sollte, hatte sie es erst jetzt bemerkt, aber es stimmte. Und wie es stimmte. Er hatte Pitt’s Lächeln, und Scully dachte schon vorher, im Krankenhaus, daß sie es irgendwoher kennt (ja, auch Scully sieht sich Filme mit Brad Pitt an. Sie darf doch auch mal ih-ren Spaß haben, bei Mulder hat ja auch keiner was dagegen).
"Was wollten Sie mich fragen, Miss Scully?" "Dana." Sie lächelte ihn an. "Ok, Dana.", sagte er, ebenfalls lächelnd. "Ich wollte Sie fragen, was..." Doch in diesem Augenblick klingelte Scully’s Handy. "Oh, nicht jetzt!" Genervt kramte sie ihr Handy aus der Tasche. "Entschuldigen Sie, Brad!"
"Scully!" "Hey, Scully! Ich bin’s." , erklang eine Stimme vom anderen Ende der Leitung. "Wer auch sonst!" "Scully, was ist mit Ihnen? Sie klingen so genervt." "Es ist nichts, Mulder!" Sie sah Brad, der ein lei-ses ‘Wußte ich’s!’ in den Raum warf, entschuldigend an. "Na dann ist ja gut. Scully, wo stecken Sie?" "Ich bin etwas essen gegangen." "Allein?" Das klang sehr herausfordernd. "Nein." "Mit wem?" Mulder hörte sich nun erstens sehr überrascht und zweitens enttäuscht an. "Brad." "Brad?" Er wiederholte Mul-der fast hysterisch. "Ja und ich würde jetzt gerne in Ruhe essen.", meinte sie und legte auf.
Am anderen Ende der Leitung sah Mulder entgeistert sein Handy an. "Brad?", wiederholte er. "Wer zum Teufel ist Brad?" Ein Anflug von Eifersucht schwang in seiner Stimme mit. "Und ich müh mich hier ab..."
20:17. Ein Auto fuhr die Einfahrt zum Motel hoch. Ein paar Minuten später stand Scully in ihrer Tür. Brad hatte sich an den Türrahmen gelehnt. "Danke für die Einladung!" Scully sah zu ihm hoch, in seine schö-nen, blauen Augen. "Ich würde mich morgen gerne revanchieren. Ich hoffe, Sie hätten nichts dage-gen, wenn ich uns etwas zu essen hierher bringen ließe?" "Nein. Ganz und gar nicht.", strahlte er sie an. "Ok, dann morgen um die gleiche Zeit hier?", fragte Scully, Brad immer noch in die Augen sehend. Er warf einen Blick auf die Uhr. "Ich werde da sein!" Er sah sie, man könnte schon sagen verliebt an, beug-te sich dann zu ihr und gab ihr einen Kuß auf die Wange. Dann drehte er um und ging zurück zu seinem Auto.
Scully schloß die Tür. Sie lehnte sich einen Moment dagegen und überlegte, wie vertraut ihr Brad doch eigentlich vorkam. Gerade als sie zu ihrem Bett gehen wollte, klopfte es. Scully drehte sich wieder um und öffnete die Tür. Draußen stand Mulder. Er sah aus wie bestellt und nicht abgeholt.
"Brad?", fragte er und deutete auf das Auto, das gerade vom Hof fuhr. "Brad.", meinte sie nur darauf-hin. Sie musterte Mulder mit hochgezogener Augenbraue. "Was ist?", fragte sie dann, "Haben Sie er-wartet, ich sitze hier und warte nur darauf, daß Sie mir ein Sahnequarkbrötchen bringen?" Scully drehte sich um und setzte sich an den kleinen Tisch in ihrem Zimmer. Mulder schloß die Tür und setzte sich Scully gegenüber.
Er hatte immer noch einen betretenen Gesichtsausdruck, von dem sich Scully aber nicht beeindrucken ließ. Mulder verscheuchte diesen Blick und legte ein Blatt Papier auf den Tisch. "Was ist das?"; fragte Scully und nahm den Zettel. "Das wurde gerade gefaxt. Von den Lone Gunmen. Sie haben die Probe untersucht, konnten aber nicht viel damit anfangen. Sie meinen, daß die Flüssigkeit weder organisch noch anorganisch wäre. Außerdem ist sie, chemisch gesehen, gar nicht existent. Sie ist wie ‘Vibuti’. - Nur mit dem kleinen Unterschied, daß wir es hier bestimmt nicht mit einem Geistwesen oder der transferier-ten Energie einer Person zu tun haben."
"Sie wollen also quasi behaupten, daß dieses...dieses Ding, wenn es denn kein Mensch sein soll, nur auf-grund von flüssiger Vibuti besteht?", fragte Scully ungläubig, obwohl sie die Antwort eigentlich schon kannte. "Das ist keine Vibuti. Das glaube ich jedenfalls. Und ja ich denke das dieses Wesen nur mit Hilfe von dieser Flüssigkeit überleben kann. Wahrscheinlich ist es auch nur mit deren Hilfe...entstanden."
Scully sah Mulder kopfschüttelnd an. "Ich verstehe Sie nicht! Ich..." "Und ich verstehe Sie nicht!", unterbrach er sie. Sie sah ihn nur fragend an. "Brad!", beantwortete er abfällig ihren Blick. "Brad. Sie ge-hen mit einem Kerl aus, den Sie noch nicht ein mal kennen?" Schon wieder schwang ein eifersüchtiger Ton in seiner Stimme. Doch zu seiner Erleichterung hatte sie ihn nicht bemerkt. Scully antwortete ihm nicht. Also schüttelte Mulder nur noch einmal den Kopf stand auf und ging zur Tür. Er hatte schon den Knauf in der Hand, da drehte er sich noch einmal zu ihr um. "Wir werden morgen ins Krankenhaus fah-ren und nach dem...Täter suchen. Immerhin sind wir uns ja einig, daß er sich die ganze Zeit dort aufhält." Scully nickte nur und Mulder verließ ihr Zimmer.
Ein paar Minuten später lag Scully in ihrem Bett. Sie dachte nach. Über den Fall. Aber bald schoben sich andere Gedanken vor ihr geistiges Auge. Denn plötzlich sah sie Brad’s Lächeln. Sie kam sich vor wie in ihrer Jugend. Melissa und sie hatten sich immer gegenseitig etwas von Jungen aus ihrer Schule vorge-schwärmt.
Zu gern hätte sie Melissa jetzt von Brad erzählt, nur... Und da hatte Scully wieder das Gefühl an Melissa’s Tod schuld zu sein. Hätte sie sie doch damals nur eher warnen können.
Bei dem Gedanken an ihre Schwester schlief Scully ein.
Im General County ging die Arbeit auch nachts weiter.
Es wurde eine Patientin mit Abdomenschmerzen eingeliefert. Die behandelnde Ärztin, Susan Lewis, er-kannte sie sofort. "Das ist Bettsy Hagopien. Sie wurde bis vor drei Monaten mit Chemo und Strahlung behandelt. Sie hatte einen inoperablen Pancreastumor. Malik, ich brauche ihre alten Blutwerte. Aller-dings sind die unten..." Der Pfleger Malik sah die Frau auf der Trage an, die sich unter ihren Schmerzen krümmte. "Wenn ich in fünf Minuten nicht wieder da bin...", mit diesen Worten verließ er den B4.
Als Malik im Aufzug stand, spürte er wie das Adrenalin durch seinen Körper gepumpt wurde und seine Hände feucht wurden. Aber er mußte ins Labor. Die Ärzte brauchten die Werte.
Ein paar Augenblicke später öffneten sich die Türen vom Lift. Der Korridor lag in einer undurchdring-lichen Dunkelheit. Mit klopfendem Herzen tastete Malik nach dem Lichtschalter, der neben der Aufzug-tür war. Er zuckte leicht zusammen als das grelle Neonlicht aufflackerte. Nervös sah sich der Pfleger um. Der Gang war leer. Malik atmete noch einmal tief durch und ging dann zielstrebig auf das Labor, in dem die benötigten Werte waren, zu.
Seine Schritte hallten laut durch den Kellerflur. So laut, daß er das schlurfende Geräusch hinter sich nicht bemerkte. Eine Gestalt kam auf ihn zu. Leise und sehr schnell.
Malik hatte plötzlich das Gefühl, nicht allein zu sein. Ruckartig drehte er sich um. Der Anblick dessen, was er dort sah, hätte ihn laut aufschreien lassen müssen, doch der Laut erstarb in seiner Kehle.
Durch ein lautes Klopfen an der Tür wurde Scully wach. Sie sah auf die Uhr, 3:49, und ging dann zur Tür. Es war Mulder. "Gerade hat mich jemand aus dem Krankenhaus angerufen. Vor zehn Minuten mußte ein Mitarbeiter runter ins Labor. Und sie haben es sich so ausgemacht, daß wenn er nach fünf Minuten nicht wieder oben ist oder sich gemeldet hat, sie mich anrufen. Es ist wahrscheinlich unser..." "...grüner Freund.", beendete Scully.
Nur ein paar Minuten später waren die beiden Agenten im Krankenhaus. Sie fuhren mit dem Lift gleich runter zu den Laboren. Man hatte ihnen gesagt, Malik, der Mitarbeiter, wollte nur ein paar ältere Blut-befunde holen und in spätestens fünf Minuten wieder da sein. Nur kam er nicht zurück. Und keiner der anderen Angestellten traute sich zu den Laboren, aus Angst zu enden wie schon ein paar vor ihnen.
Endlich öffnete sich die Tür des Fahrstuhls. Als Mulder und Scully das letzte Mal diesen Korridor betreten hatten, war er hell erleuchtet. Doch jetzt war es dunkel. Beide Agenten suchten nach ihren Taschen-lampen und knipsten sie an. Die kleinen Lichtkegel tauchten den langen Flur in ein schummeriges Däm-merlicht, das verzerrte Schatten an die Wände warf und so den Korridor fast noch unheimlicher wirken ließen als er ohnehin schon war.
Doch das störte Mulder und Scully nicht, denn erstens waren sie so etwas gewohnt und zweitens such-ten sie nach jemanden, so daß sie alles Andere vergaßen.
"Malik?" Mulder’s Stimme hallte in dem Gang wider. Plötzlich vernahmen beide ein entferntes Ge-räusch. Es hörte sich an als würde jemand mit gedämpften Schuhen den Flur entlang rennen. Dieses Geräusch entfernte sich. Die Agenten begannen los zu rennen. In ihrer Eile achteten sie nicht auf den Boden, sondern nur auf die vor ihnen liegende Dunkelheit, in der sie den Verursacher der leisen Schritte zu erkennen hofften.
Nach ein paar Metern stolperte Mulder, aber er konnte seinen Sturz noch abfangen. Er und Scully ließen die Lichtkegel ihrer Taschenlampen auf den Boden gleiten. Dort bot sich ihnen ein grauenhafter An-blick. Denn dort lag Malik. Sein Bauch war aufgeschlitzt und blutverschmiert. Seine Augen starrten tot ins Leere. Um ihn herum war eine immer größer werdende Blutlache. Scully kniete sich neben ihn, sah aber auf den ersten Blick, daß sie zu spät kamen. Also stand sie gleich wieder auf und folgte Mulder, der, ihr ein paar Meter voraus, den Täter weiter verfolgte.
Mulder konnte in dem schwachen Schein seiner Lampe vielleicht 20 Meter vor sich eine verschwom-mene Gestalt erkennen. Mulder rannte schnell, fast glaubte er die Gestalt einholen zu können, doch plötzlich verschwand diese wie im nichts. Als Mulder an der Stelle ankam, an der die Gestalt verschwun-den war, erkannte er, daß sich genau dort eine Tür zu den eigentlichen Kellerräumen, in denen sich sämtliche Sicherungen und so was befanden, war. Vorsichtig stieß Mulder die Tür auf und betrat dann, sich umsehend und mit der Waffe im Anschlag den Raum. In dem Augenblick tauchte Scully, die in eingeholt hatte, an seine Seite auf. Er bedeutete ihr mit einem Kopfnicken, daß sie in den linken Gang, der von Rohren gebildet wurden, gehen sollte. Er wandte sich nach rechts.
Scully senkte den Lichtstrahl ihrer Taschenlampe und entdeckte auf dem Boden Fußspuren. Fußspuren aus einer grünen Flüssigkeit. "Mulder, kommen Sie mal her!" Mulder folgte der Aufforderung. "Es muß hier irgendwo sein. Wir folgen den Spuren.", meinte er. "Genau das hatte ich vor.", erwiderte sie trok-ken. Sie folgten den Spuren mit entsicherten Waffen. Doch plötzlich endeten die Fußabdrücke. Im Nichts. Suchend sahen sich beide um. Nichts. "Was geht hier vor?", fragte Mulder, immer noch nach Spuren suchend. Scully wollte ihm gerade antworten als ein gellender Schrei durch die Flure hallte.
Mulder und Scully sahen sich kurz an und rannten in die Richtung, aus der der Schrei gekommen war. Schon aus einiger Entfernung sahen sie jemanden neben der Leiche von Malik stehen. Im ersten Mo-ment dachten beide, es wäre der, oder besser gesagt das was sie gesucht hatten, aber sie erkannten schnell, daß es zwei Gestalten waren, die sich jetzt über den Toten gebeugt hatten.
Als sie die Stelle erreichten hatten, an der Malik lag, erkannten sie, daß es Doug Ross und eine Schwes-ter waren. "Ich bin über ihn gestolpert.", meinte die Schwester. Das pure Entsetzen stand in ihrem Ge-sicht. Ross nahm sie in den Arm. "Ist schon gut, Carol. Es wird wieder gut.", flüsterte er ihr beruhigend ins Ohr. "Wir kamen zu spät. Es tut mir leid.", sagte Scully. "Ich habe es gesehen, Scully. Wir werden alle Räume hier unten durchkämmen lassen."
Eine knappe Stunde später waren die Kellerräume des General County vollständig abgesperrt. 25 Poli-zeibeamte sicherten Spuren, nahmen die Aussagen von Dr. Ross und Carol Hathaway auf und ließen sich von Mulder zeigen, wo genau er die Gestalt zum letzten Mal gesehen hatte.
Scully führte derweil die Obduktion von Malik durch, obwohl die Todesursache eindeutig war. Die Ge-stalt, die Mulder scherzenshalber vorhin ‘big green man’ genannt hatte, hatte seinem Opfer das Herz regelrecht aus dem Leib gerissen. ‘Big green man’ mußte ungeheure Kräfte haben, da Mulder weder als es weglief noch sonst irgendwann ein Werkzeug bei ihm gesehen hatte und der Brustkorb des Opfer aufgerissen worden war, um an die Organe zu gelangen.
Als Scully fertig war, ging sie runter in den Keller, wo Mulder und die Beamten noch immer damit be-schäftigt waren, Spuren zu suchen und schon gefundene auszuwerten.
"Wir kommen nicht weiter. Es ist wie vom Erdboden verschluckt. Es kann überall sein und nirgends.", meinte Mulder enttäuscht zu Scully als die ihn endlich gefunden hatte. "Wenn wir wüßten, was es für Fähigkeiten hat..." Er sprach nicht weiter, da er selbst wußte, daß sie ein ‘wenn’ nicht weiter brachte.
"So werden wir es nie finden.", sagte er zu Scully und an den leitenden Beamten gewandt: "Die Keller-räume sind gesperrt. Für jeden! Man soll alles, was wichtig ist mit hoch in das Nachtlabor nehmen. Ich will in einer Stunde hier niemanden mehr sehen!" Und wieder zu Scully: "Wir werden es aushungern, dann muß es sich zeigen!" Ein Hauch von Optimismus war jetzt wieder in seiner Stimme.
Wieder eine knappe Stunde später war außer Mulder und Scully niemand mehr unten im Keller. Jeden-falls schien es so, denn irgendwo leuchteten wieder grüne Augen durch die Dunkelheit des Kellers.
Mulder hatte, bis auf eine, alle Türen abschließen lassen, so daß ‘big green man’ nicht ungesehen aus dem Haus konnte. Denn die eine Tür, die durch die Goynes gekommen war, wurde nun Tag und Nacht von zwei Beamten bewacht, die bei der kleinsten Regung sofort Verstärkung rufen konnten.
Mulder und Scully gingen zu ihrem Wagen. Scully sah auf die Uhr. "Mulder, ich finde es ist Zeit zum Früh-stücken." Mulder willigte ein und hielt bei dem nächsten Café. So frühstückten beide Agenten zusam-men, was ja sonst nicht unbedingt ihre Art ist. Scully sah Mulder an, wie sehr ihm dieser Fall zu schaffen machte. "Mulder, wir kriegen es!", versuchte sie ihn aufzumuntern. "Ich hätte zu Hause bei meinem Vi-deorecorder bleiben sollen. Aber nein...", war seine Antwort. Dann sah er sie an. "Scully, was glauben Sie wie lange es noch dauern wird, bis es sich zeigt?" "Das kann man schwer sagen. Immerhin ist es die letzten zwei Male gestört worden. Nur ist nicht gesagt, das es nicht auch anderes zu sich nehmen kann, um nicht zu verhungern. Jedenfalls lagen zwischen dem Angriff auf Greene und den auf Malik drei Ta-ge." "Oh, mein Gott. Was machen wir so lange?", fragte er und sie glaubte, daß das bißchen Optimis-mus von vorhin wieder verschwinden würde. "Ich glaube, wir können nicht mehr als warten, Mulder."
Mulder verbrachte den Rest des Tages damit angestrengt auf sein Handy zu starren, das dann klingeln sollte, wenn die Polizisten, die die besagte Tür bewachten, Verstärkung anforderten. Außerdem ging er wieder joggen. Erstens um sich etwas von dem Fall abzulenken und zweitens wie schon am Vortag et-was für seine Figur und Scully’s Bewunderung zu tun.
Scully hingegen las weiter in dem Buch, auch wenn es ihr nicht zu sehr zusagte, und wartete darauf, daß es endlich soweit sein würde, daß Brad kommt. Sie fieberte diesem Moment regelrecht entgegen. Sie war wie ein kleines Kind, das nur darauf wartete, endlich seine Geburtstagsgeschenke zu bekom-men. Eigentlich kam sie sich schon etwas kindisch vor, so, na ja, aufgeregt zu sein. Aber sie konnte nichts dagegen machen.
Es kam ihr vor als würde die Zeit einfach nicht vergehen, aber dann war es doch irgendwann 19:30 und Scully bestellte Essen beim Chinesen. Mulder hatte sie gefragt, ob sie nicht mit ihm noch irgendwohin etwas essen gehen wolle, aber sie hat dankend abgelehnt, was Mulder, nicht nach außen hin, schon wieder fast persönlich nahm.
Gegen zehn nach acht klingelte es. Scully zuckte zusammen, aber als sie die Tür öffnete, stellte sie fest, daß es nur das Essen war. Nicht Brad.
Als es allerdings daraufhin sieben Minuten später wieder klingelte, war es logisch, daß es diesmal Brad sein würde. Außer Mulder würde sie wieder wegen irgend etwas stören.
Aber es war Brad. Als Scully die Tür öffnete, strahlten sie seine blauen Augen an. "Hallo!", meinte er schüchtern. "Komm doch rein!", antwortete sie.
Komm doch rein? Hatte sie ihn gestern nicht noch mit ‘Sie’ angeredet? Aber das schien ihr heute ge-nauso egal zu sein wie ihm. Jedenfalls kam er dann auch rein und setzte sich an den Tisch.
Schweigend fingen sie an zu essen. Man hatte das Gefühl, sie wären erst um die 14 und hätten ihr erstes Date. Als sie dann doch anfingen zu reden, waren ihre Themen so beiläufig wie das Wetter. Man hätte fast schon denken können, sie würden sich auch verstehen, wenn sie sich nur ansehen.
Als sie mit dem Essen fertig waren, sie waren bei ihrem Gespräch gerade bei ‘Familie’ angelangt, fing Brad an von seinem Hund ‘Blue’ zu erzählen. Blue war ein Schäferhund Mischling, den Brad über alles liebte. Er trug auch immer ein Bild von ihm mit sich, was er Scully stolz zeigte. Da fiel Scully ‘Quiqueg’ ein und sie begann von dem kleinen Hund zu erzählen. "Hast du auch ein Foto von ihm?", fragte Brad nach einer Weile. Natürlich hatte sie. Es war bei ihrem Ausweis, der jetzt auf dem Nachttisch lag.
Scully stand auf, um es zu holen. Brad folgte ihr. Er setzte sich auf ihr Bett. Scully suchte das Foto heraus, gab es ihm und setzte sich neben ihn. Brad betrachtete das Foto eine Weile. "Er ist süß, aber ein biß-chen klein.", meinte er schließlich. "Passend zu mir!" Sie lächelte ihn an. Er legte das Foto beiseite und rutschte etwas näher zu ihr. "Und genau das mag ich so an dir." Er sah ihr tief in die Augen. "Dana, ich habe das Gefühl, dich schon ewig zu kennen." Seine letzten Worte waren schon mehr gemurmelt. Langsam kamen sie sich immer näher, bis sich ihre Lippen sanft berührten. Brad nahm Scully in den Arm und zog sie näher an sich.
Es war ein unendlich langer Kuß und mit der Zeit wurden die Beiden immer leidenschaftlicher. Scully be-gann langsam Brad’s Hemd aufzuknöpfen, sie ließ ihre Hände über seinen gut trainierten Oberkörper streichen. Auch Brad begann, noch etwas zaghaft, Scully’s Bluse zu öffnen. Die ganze Zeit über küßten sich Beide.
Scully streifte Brad das Hemd ab und wanderte mit ihren Küssen langsam seinen Hals entlang. Dann lehnte sie sich zurück aufs Bett und Brad beugte sich über sie. Er öffnete den dritten Knopf ihrer Bluse und sah ihr dann tief in die Augen, als wenn er für das, was er jetzt tun würde ihr Einverständnis haben wolle. Aber sie küßte ihn einfach weiter.
Draußen klopfte es. Scully und Brad, die, sich immer noch küssend, auf dem Bett lagen, hörten das nicht. Es klopfte noch einmal. Aber auch dieses Mal nahm keiner von Beiden es war.
Für Mulder, der draußen klopfte, war kein Zeichen ein Zeichen, daß er rein kommen könne. Er öffnete langsam die Tür, die Scully dummer Weise nicht abgeschlossen hatte.
"Scully, ich -", doch was er nun sah, verschlug ihm die Sprache. Scully lag knutschend mit einem Typen auf ihrem Bett, der noch dazu halbnackt war.
In dem Moment erst schreckten Scully und Brad auf. Brad sprang vom Bett und suchte sein Hemd in der anderen Ecke des Zimmers, in die Scully es vorhin in ihrer Leidenschaft befördert hatte.
Mulder, der immer noch in der Tür stand und aussah als wären ihm die Augen raus gefallen, murmelte ein Entschuldigung, schloß die Tür und ging.
Scully setzte sich in ihrem Bett auf. Brad kam zu ihr und knöpfte sein Hemd wieder zu. "Ich glaube, es ist besser, wenn ich jetzt gehe. Schade.", meinte er etwas verlegen. Scully nickte beklommen. Brad küßte sie noch einmal. "Ich ruf dich an, mein Schatz!", flüsterte er verliebt in ihr Ohr. Dann strich er ihr über das Haar und ging.
Scully knöpfte ihre Bluse wieder zu, strich sich ihre Sachen glatt und ging zu Mulder. Sie hätte ihn erwür-gen können, aber sie zwang sich ein Lächeln auf als sie in sein Zimmer kam. "Was wollten Sie?", fragte sie ihn, froh darüber, daß sie die Verärgerung in ihrer Stimme unterdrücken konnte. "Das war also Brad. Endlich hab ich ihn auch mal kennengelernt.", war Mulder’s Antwort. Er sah aus wie ein kleines Kind, dem man den Lolli weggenommen hat.
"Ja, das war Brad.", meinte sie daraufhin kühl. "Was war den nun?" Sie mußte sich ziemlich beherr-schen, um nicht die Kontrolle über sich und ihre Stimme zu verlieren. "Ich...ich wollte Sie eigentlich nur fragen, ob...ach das ist ja auch egal." Mulder sah regelrecht betreten drein.
Nach ein paar Momenten, die Mulder und Scully sich schweigend ansahen, fragte er: "Wollen wir die Kellerräume nicht noch einmal durchsuchen? Vielleicht finden wir es doch." "Mulder, es weiß bestimmt ganz genau, wo es sich verstecken muß. Und es war doch heute wie vom Erdboden verschluckt."
Es ist schon faszinierend wie Scully Mulder’s "Flüssiger-Vibuti-Schutzfilm-für-das-Etwas"-Versoin annahm, wo sie doch sonst immer alles versuchte, um seine Mutanten-Theorien zu widerlegen.
Aber vielleicht glaubte sie es, weil sie erstens auch keine vernünftige und plausible Antwort hatte und zweitens weil sie in den vergangen fünf Jahren doch schon oftmals vor solchen Fällen stand.
"Dieses Warten macht mich noch wahnsinnig!" Mulder verdrehte die Augen.
"Also, wenn es Ihnen dann besser geht, können wir unseren Freund gerne noch einmal suchen. - Aber bitte nicht mehr heute." Scully drehte sich zum gehen.
"Scully?", hielt Mulder sie auf. "Ja?" "Ach, äh, nichts..." Scully zuckte kurz mit den Schultern und ging.
Eigentlich wollte sie Mulder fragen, wie ernst ihr die Sache mit Brad war. Aber die Antwort hatte er ja eigentlich schon gesehen. Er kannte Scully und so etwas wie mit Brad machte sie nicht mit jedem.
Mulder lag im Dunkeln auf seinem Bett und starrte an die Decke, auch wenn er sie durch die Dunkelheit nur erahnen konnte. Aber das war ihm jetzt egal. Er dachte an Scully. Und an Brad. Und an das, wobei er die Beiden gestört hatte. Ein Hauch von Eifersucht durchflutete ihn. Eigentlich war es nicht nur ein Hauch, aber mehr wollte sich Mulder nicht eingestehen.
Scully lag auch in ihrem Bett und dachte nach. Sie dachte an das, was passiert wäre, wenn Mulder nicht reingeplatzt wäre. Und sie überlegte, ob sie das auch schon wirklich gewollt hätte. Immerhin kann-te sie Brad erst seit zwei Tagen. Aber irgend etwas sagte ihr, daß das egal wäre. Irgend etwas sagte ihr, daß sie Brad wiedersehen würde, wenn Utica wieder verlassen würde.
Beide schliefen letztendlich über ihren Gedanken ein.
In den Kellerräumen des General County herrschte eine bedrückende Stille. Plötzlich waren schlurfende Schritte zu hören. In der Dunkelheit des Ganges zeichneten sich die Umrisse einer Gestalt ab. Einer Ge-stalt die nach Fleisch lechzte. Nach menschlichem Fleisch.
Etwas kratzte an der Tür. Zuerst ganz leise, dann immer aufdringlicher.
Nach einer Weile wurde Scully durch dieses Kratzen wach. Verwirrt lies sie ihren Blick durch das Zimmer schweifen, bis sie erkannte, woher das Geräusch kam. Sie stand auf, zog sich ihren Bademantel über und ging zur Tür. Im öffnen meinte sie: "Mulder, Sie könnten ja auch klopfen." Doch vor der Tür war nicht Mulder. Dafür drängte sich zwischen ihr und dem Türrahmen etwas ins Zimmer. Verwundert drehte Scully sich um. Träumte sie oder saß da tatsächlich ein Hund schwanzwedelnd neben ihrem Bett.
Scully sah den Hund an. Dann sah sie noch einmal zur Tür heraus, doch da war niemand. Also wandte sie sich wieder dem Hund zu. Erst da fiel ihr auf, daß das Tier etwas an seinem Halsband hatte. Scully schloß die Tür und näherte sich langsam dem Hund. Sie hatte das Gefühl, ihn schon mal gesehen zu ha-ben. Plötzlich schoß ihr die Antwort durch den Kopf. "Blue?", meinte sie ungläubig. "Blue, bist du das?" Wie als wolle ihr das Tier antworten, bellte der Hund.
Scully setzte sich neben Blue auf das Bett. "Was machst du denn hier?", fragte sie als sie ihm das Stück Papier, das an seinem Halsband befestigt war, abnahm. Der Hund sah sie nur treuherzig hechenld an.
Indem sie Blue zärtlich den Kopf tätschelte, las sie den Text, der auf dem Zettel stand:
Guten Morgen, Dana!
Das ist Blue wie Du vielleicht erkannt hast. Er wollte Dich unbedingt einmal kennenlernen und
da hab ich ihn einfach mal vorbei geschickt.
Was ich eigentlich sagen wollte, Du und Dein Partner seid doch heute bestimmt wieder im County.
Und ich wollte Dich fragen, ob Du, wenn Mulder Dich gehen läßt, nicht um 12:30 mit mir etwas Essen gehen möchtest. Ich würde Dich vom Krankenhaus abholen.
Schreib mir die Antwort bitte auf den Zettel und schick Blue damit zu mir.
Keine Angst, er findet den Weg.
Scully sagte natürlich zu, allerdings konnte sie Brad nicht versprechen genau pünktlich zu sein. Als sie den Zettel wieder an Blue’s Halsband verstaut hatte, sah sie auf die Uhr. 8:02. Mulder wird noch schla-fen, dachte sie sich. Dann sah sie das Tier an, das noch immer brav neben ihrem Bett saß. Eigentlich hätte sie ja jetzt aufstehen können, aber wann hat man schon mal so einen süßen Hund im Motelzim-mer?
"Blue, komm her!", meinte Scully und klopfte leicht mit der Hand auf das Bett. Der Hund verstand sofort und sprang neben ihr aufs Bett. Dann fing er an ihr Gesicht abzulecken, wogegen sich Scully lachend zu wehren versuchte. Als Blue endlich mit seinem Ritual fertig war, legte er sich hin und streckte Scully den Bauch zum Kraulen entgegen. Wie der Herr, so der Hund, dachte sie sich und fing an, Blue durch zu knuddeln. Der Hund gab merkwürdige Töne von sich, die sein Wohlbehagen ausdrücken sollten. Wäre er eine Katze gewesen, hätte er bestimmt so laut geschnurrt, daß Mulder davon im Nebenzimmer wach geworden wäre.
Doch der war schon wach und klopfte in dem Moment an Sully’s Tür. "Herein!", war daraufhin ihre Ant-wort. Mulder öffnete die Tür. "Scully, ich wollte Sie fragen...", er brach mitten im Satz ab und starrte ver-wundert auf Scully’s Bett. Er wäre jetzt ja auf einiges gefaßt gewesen, auf Brad z.B., aber das?
"Ein...ein Hund?" Er deutete verblüfft auf das fellige Riesenknäul neben Scully. "Eine Katze ist es jeden-falls nicht. - Mulder, das ist Blue." "Blue? Wo kommt der denn her?"
Scully knuddelte weiter mit dem Hund als sie Mulder antwortete. "Das ist Brad’s Hund. Er hat ihn hier vor-bei geschickt." Wie zur Bestätigung bellte Blue daraufhin. "Brad’s Hund? Na, darauf hätte ich ja selber kommen können." Mulder’s eifersüchtiger Unterton war nicht zu überhören. Auch Blue horchte auf. Er sprang vom Bett und ging auf Mulder zu. Er fing an, neugierig an dessen Hosenbeinen zu schnüffeln. Dann stellte er sich plötzlich an Mulder auf, schnappte nach seiner Krawatte und zog sie, und damit Mulder ein Stück nach unten. Mulder, der jetzt vornüber gebeugt stand, sah den Hund an. "Was soll das werden?", fragte er etwas verblüfft. Die Antwort bekam er prompt: Blue fing freudig an ihm sein Gesicht abzuschlecken. Mulder versuchte mit seinen Händen diesen Liebesbeweis abzuwehren und richtete sich deshalb auch schnell wieder auf. Scully sah dem Ganzen amüsiert zu. "Er mag Sie!", meinte sie mit einem unübersehbaren Grinsen. "Das habe ich gemerkt.", erwiderte Mulder als er sich das Gesicht mit dem Handrücken abwischte. Dabei sah er zu dem Hund, der jetzt schwanzwedelnd zu seinen Füßen saß.
"Warum ist er hier?", fragte Mulder dann, wobei er die Tür, die immer noch offen stand, schloß. "Blue hat mir eine Nachricht gebracht.", war ihre Antwort. Mit einer Handbewegung bedeutete sie dem Hund, wieder aufs Bett zu kommen. Das Tier gesellte sich auch sogleich zu ihr und streckte ihr, wie schon zuvor, den Bauch zum Kraulen entgegen. Scully hoffte, Mulder würde jetzt nicht näher darauf eingehen und er tat dies auch nicht.
"Scully, wir wollten doch heute noch einmal unseren ‘big green man’ suchen. Ich schlage vor, wir früh-stücken noch etwas zusammen und dann fahren wir." Das Wort zusammen hatte er sehr vorsichtig aus-gesprochen, da er bei allem, was er in den letzten Stunden erlebt und vor allem gesehen hatte, nicht mehr ganz sicher war, wie Scully darauf reagieren würde.
"Gerne!" Mulder grinste sie, seit langem mal wieder, zufrieden an. "Ich hoffe nur, daß Sie nichts dage-gen haben, wenn ich mich vorher anziehe." Mulder wurde etwas rot, denn erst jetzt fiel ihm auf, daß Scully ja noch ihren Bademantel anhatte. "Ich warte drüben.", meinte er etwas verlegen.
Scully zog sich an. Dann ging sie in das Nebenzimmer zu Mulder. Blue wich ihr dabei nicht von der Seite. "Hätten Sie etwas dagegen, wenn wir den Hund nachher ein Stück mitnehmen?", fragte Scully beim Eintreten. Mulder starrte den Hund an und fragte sich, seit wann man einen Hund ein Stück mitnimmt. Aber er schluckte die etwas absurde Frage zu dem etwas absurden Thema runter und nickte nur.
Zum Frühstück bekam Blue extra eine Schüssel Wasser und etwas Trockenfutter. Mulder blickte etwas eifersüchtig zu dem Hund. Nicht etwa wegen dem Trockenfutter, welches das Tier genüßlich mampfte. Nein, den wahren Grund kennen wir wohl alle, auch wenn Mulder immer noch Schwierigkeiten hat, es sich einzugestehen.
Nach dem Frühstück fuhren die beiden Agenten und nicht zu vergessen der Hund in Richtung General County. Mulder blickte wieder eifersüchtig auf das Tier. Von der Rücksitzbank aus. Blue hatte sich nämlich geweigert, hinten einzusteigen. Also saß er jetzt hechelnd neben Scully auf dem Beifahrersitz.
An einer Kreuzung fing Blue lauthals an zu bellen. "Was ist den los, mein Junge?" Scully sah ihn von der Seite an. Blue bellte nur weiter und sah angestrengt aus dem Fenster. Also hielt Scully an und stieg aus. Kaum hatte sie die Beifahrertür geöffnet, sprang der Hund auch schon aus dem Wagen. Er sah sie noch einmal kurz an und verschwand dann.
Als Scully den Hund nicht mehr sehen konnte, wandte sie sich Mulder zu, der immer noch hinten im Auto saß. "Sie können sich jetzt gern nach vorn setzen!" Sie grinste. "Danke, sehr freundlich!", brachte Mulder ihr mit gereiztem Unterton entgegen.
Auf dem restlichen Weg zum Krankenhaus schwiegen sich die beiden regelrecht an. In Mulder’s Kopf arbeitete es. Was findet sie nur an dem Kerl? Und wie hat er das nach ein paar Tagen geschafft, was ich nach ein paar Jahren noch nicht hinbekommen habe? Das waren die Fragen, die sich ihm auf-drängten.
Scully dagegen dachte, wie könnte es auch anders sein, an Brad. Und wie sie Mulder sagen könne, daß sie ja mit ihm zum Essen verabredet sei. Scully spürte nämlich, daß Mulder Brad ziemlich gereizt gegen-über stand und darum diese Verabredung nicht besonders toll finden würde.
Am General County angekommen, parkte Scully den Wagen. Mulder stieg aus und ging, ohne ihr zu sa-gen wohin, weg. Scully sah ihm verdutzt nach.
Mulder ging unterdessen zu den Beamten, die die Tür bewachten.
"Und, hat sich was gerührt?", fragte Mulder den Beamten, der ihm am nächsten stand. "Es ist alles ruhig, Sir.", war dessen Antwort. "Sie können jetzt eine Pause machen. Wir gehen da rein und sehen uns noch einmal um. Seien Sie nur um 12:30 wieder hier!"
In dem Moment kam Scully um die Ecke, die sich ja schon fast denken konnte, wo Mulder hingegangen war. "Wieso haben Sie nicht auf mich gewartet?", fragte Scully etwas verärgert. "Gehen wir rein, Scul-ly?", meinte Mulder daraufhin, ohne auch nur Anstalten zu machen, auf ihre Frage zu antworten. Bevor sie etwas sagen konnte, war er dann auch schon in den Keller verschwunden.
Scully folgte ihrem Partner. Sie sagte nichts mehr zu dem, was draußen vor der Tür stattgefunden hatte.
Der Keller war wie schon das erste mal, das sie hier waren, nur von ihren Taschenlampen erleuchtet und dadurch in ein zwiespältiges Licht getaucht. Ihre Schritte hallten laut durch die Gänge.
Die beiden Agenten gingen eine Weile durch die Räume, ohne etwas Auffälliges zu bemerken. Doch plötzlich war hinter ihnen deutlich ein schlurfendes Geräusch zu hören. Ruckartig drehten sich beide um. Sie ließen die Lichtkegel durch den dunklen Gang schweifen, doch der war leer. Nervös sahen sich beide an. "Mulder was war das?", flüsterte Scully. "Ich würde sagen..." Weiter kam er nicht, denn da war plötzlich wieder dieses leise Schlurfen, und es war direkt neben ihnen. Beide fuhren sofort herum und starrten mit weit aufgerissenen Augen - gegen die Wand, die nun von ihren Taschenlampen beleuchtet wurde. Scully warf Mulder einen entsetzten Blick zu. Wo ihrer Meinung nach jetzt ‘big green man’ hätte stehen müssen, war nur die Wand. Doch da war wieder dieses Geräusch. Genau vor ihnen. Mulder sah auf den Boden und da war es -
eine kleine Ratte, die verzweifelt versuchte, irgend etwas wegzuschleppen. Mulder und Scully atmeten hörbar auf. "Die kleinen Biester machen noch nicht mal vor ‘nem Krankenhaus halt.", meinte Mulder und deutete dabei auf das Tier. Scully zuckte nur mit den Schultern. Langsam gingen sie weiter.
Sie kamen in den Raum in dem Mulder gestern die Kreatur verloren hatte. Die grüne Flüssigkeit, die dort auf dem Boden gewesen war, war verschwunden. Auch ansonsten war der Raum völlig leer. "Mulder, es kann hier überall sein.", war Scully’s passender Kommentar zu der Lage. "Ich glaube nicht, daß wir es..." In diesem Moment legte Mulder Scully den Finger auf den Mund. Scully wollte schon dagegen protestieren als sie es auch hörte. Leise Schritte. Nicht all zu weit von ihnen entfernt. Mit einem Kopf-nicken wies Mulder Scully an, ihm in die Richtung, aus der die Schritte kamen, zu folgen. Dazu verließen sie den Raum, in dem sie momentan waren und gingen wieder raus auf den Flur. Wer auch immer der Verursacher dieser Schritte war, hatte sie bemerkt, denn das einzige was die Agenten noch sahen, war eine Gestalt, die hinter einer Ecke verschwand. Mulder und Scully rannten ihr nach. In dem Schein ihrer Taschenlampen konnten sie allerdings nur verschwommenen Umrisse erkennen. Plötzlich war ‘big green man’ wieder verschwunden. Als Mulder und Scully an der Stelle angelangt waren, wo sie ihn verloren hatten, standen sie vor dem - Aufzug. Aber der Mutant blieb verschwunden. Auf dem Boden war wieder eine Spur der grünen Flüssigkeit und die führte in den Lift. Auch die Türen des Aufzuges waren mit ihr be-schmiert. Mulder sah Scully an. "Meinen Sie, es ist da rein?" Mit einem Kopfnicken deutete er zu dem Lift. "Es sieht ganz so aus. Aber ich habe das Geräusch der Türen gar nicht gehört." "Scully, der Aufzug hält hier unten nicht mehr. Ich habe beim Hausmeister angefordert, das er nur noch bis ins Erdgeschoß fährt. Die Türen können sich also gar nicht geöffnet haben, der Aufzug ist nämlich nicht hier unten." "Sie meinen, es ist..." "Durch die Türen, ja.", beendet Mulder den Satz. "Aber, das ist doch unmöglich!" Scully starrte mit einem Schaudern auf den Lift. "Das würde ja bedeuten, es kann durch jeden noch so kleinen Spalt und somit auch nach oben." "Zum ersten ja, aber ich denke nicht, daß es sich nach oben wagt. Dort würde es sofort entdeckt werden.", meinte er daraufhin. "Kein Wunder, daß es gestern einfach so verschwunden war. Was wollen Sie eigentlich machen, wenn Sie es erwischt haben, Mulder? Dem Haft-richter vorführen?", fragte Scully. "Sehr witzig. Aber um ehrlich zu sein, ich weiß es nicht. Wir wissen ja noch nicht einmal, was es eigentlich ist und wodurch es existiert.", meinte er nachdenklich. "Aber die Hauptsache ist, daß es hier wieder sicher wird. Lassen sie uns weiter suchen. Es muß hier irgendwo sein!" Die Entschlossenheit in seiner Stimme war nicht zu überhören.
Also streiften die beiden FBI-Agenten weiter durch die unendlichen Weiten, nein nicht des Weltraums (wir sind hier doch nicht bei ‘Sternen Dreck’!), des Kellers. Ohne Erfolg.
Nach wie gesagt langem Suchen: "Mulder, ich glaube die Batterie meiner Taschenlampe ist bald am Ende. Ich übrigens auch.", sagte Scully resigniert. "Ok, es hat keinen Sinn noch viel länger zu Suchen." Mulder leuchtete auf seine Uhr. "Es ist auch schon 12:26" "Wie bitte?" Scully klang fast schon hysterisch. "12:26.", wiederholte Mulder gelassen. "Was ist los, Scully? Sie klingen ja fast so als hätten Sie ein Date verpaßt." "So könnte man es nennen.", war ihre Antwort. Sie steuerte nun zielstrebig auf den Ausgang zu. "Brad?", fragte er, wieder mit dem leicht eifersüchtigen Unterton (eigentlich war er nicht leicht eifer-süchtig, nur Mulder konnte das Meiste davon unterdrücken). "Haben Sie etwas dagegen?" Mulder schwieg daraufhin. hätte er jetzt die Wahrheit gesagt...wer weiß wie sich der Verlauf dieser Geschichte dann geändert hätte.
Beide bogen um eine Ecke. Vielleicht 70 Meter vor ihnen war der Ausgang. Scully’s Taschenlampe machte nun wirklich schlapp. Aber auch der Lichtkegel von Mulder’s war eher nur noch ein Lichtlein als alles Andere. Und nach ein paar Schritten war auch der endgültig vergilbt. Sie waren jetzt nur noch knapp 50 Meter von der Tür die ins Freie führte entfernt. Trotzdem wurden sie bei dem Gedanken daran hier unten mit einem Mutanten allein zu sein und ihn noch nicht einmal sehen zu können nervös. So be-merkte auch keiner von ihnen die Gestalt, die in der Tür zu einem der Heizungskeller die unweit des Aus-gangs war, stand. Langsam, sie konnten ja so gut wie nichts sehen, näherten sich unsere Hauptdarsteller dieser Gestalt. Als sie schätzungsweise noch 40 Meter von ihr entfernt waren, öffnete sich die Tür, die nach draußen führte. Im ersten Moment hoben beide Agenten schützend die Hände vor das Gesicht, da das Licht ihre Augen nun empfindlich blendete. Aber da hörte Scully eine vertraute Stimme. "Dana? Dana, bist du hier irgendwo?" Es war Brad. Er war ja mit Scully zum Essen verabredet und als er sie nir-gends gefunden hatte, hat in der Notaufnahme gefragt, wo sie und ihr Partner sein könnten. Scully, de-ren Augen sich an das Licht gewöhnt hatten, ging auf ihn zu. "Ja, ich bin hier. Komm hier bitte nicht rein"
Doch zu spät. Und dann ging alles sehr schnell. Brad, der doch ein paar Schritte herein gekommen war, stand jetzt etwas hinter der Tür, in der ‘big green man’ noch immer unbemerkt stand. Scully und auch Mulder gingen rasch auf ihn zu. Draußen vor der Tür fanden sich gerade wieder die Beamten ein, die die Tür beobachteten, als plötzlich die Gestalt aus dem Schatten des Türrahmens trat. Direkt hinter Brad. Mulder erkannte die Situation sofort. "Bradley, passen Sie auf!" Verwundert drehte Brad sich um und starre in riesige, unnatürlich grüne Augen. Er wollte aufschreien kam aber nicht dazu. Vor der Tür waren die Polizisten auch aufmerksam geworden. Einer von ihnen zog seine Waffe. Doch in dem Moment, in dem er abdrückte, wirbelte ‘big green man’ herum, so daß die Kugel Brad traf. Jetzt schrie Scully auf als sie sah, wie der Mutant Brad fallen ließ und davon rannte. Scully stürzte zu Brad. Mulder hinter dem ‘big green man’ her.
Brad lag bewußtlos auf dem Boden. Blut drang aus einer Wunde dicht an seiner Schulter. Scully kniete neben ihm und streichelte verzweifelt seinen Kopf. Schon kamen ein paar Ärzte, um genau zu sein Dr. Greene und Dr. Ross, mit einer Trage zu dem Verletzten. Einer der Beamten hatte sie geholt. Brad wurde abtransportiert.
Mulder eilte noch immer hinter der Kreatur her. Doch er hatte ihn bald verloren, denn das Wesen kann-te sich erstens besser aus und zweitens hatte ja Mulder’s Taschenlampe den Geist aufgegeben.
Also gab Mulder auf und wies die Beamten vor der Tür an, auch diese abzuschließen, aber trotzdem zu bewachen.
Als Mulder in den Warteraum der Notaufnahme kam, bekam er fast einen Schock. So aufgelöst, so apa-thisch hatte er Scully noch nie zuvor gesehen. Sie saß zusammengekauert auf einem Stuhl, das Gesicht in den Händen verborgen.
"Ich habe es verloren. Es tut mir leid." Keine Reaktion. "Wissen Sie schon etwas?" Keine Reaktion. "Soll ich Sie vielleicht zurückbringen?" Keine Reaktion.
In diesem Moment öffnete sich die Tür eines der Behandlungsräume. Brad lag leblos auf dem Bett, das heraus gefahren wurde. Scully wollte aufspringen, doch Mulder hielt sie zurück. Einer der Ärzte eilte vor-aus, um den Fahrstuhl aufzuhalten. Ein weiterer kam auf Scully und Mulder zu. Es war Mark Greene.
"Wie geht es ihm? Wird er es schaffen?", stammelte Scully mehr als alles andere. "Er wird jetzt erst ein-mal operiert. Dann werden wir weiter sehen." "Wann wissen Sie genaueres?", fragte Mulder an Scully’s Stelle. "Wenn er die OP übersteht, hat er gute Chancen." "Was meinen Sie mit ‘wenn er die OP über-steht’?". Tränen standen in Scully’s Augen. "Er ist sehr schwer verletzt worden. Die Kugel hat nur ganz knapp sein Herzen verfehlt." "Oh mein Gott.", flüsterte Scully leise. Mulder legte beruhigend den Arm um sie. Greene ging.
Circa drei Stunden später, Mulder und Scully saßen immer noch im Warteraum, kam der Arzt, der vorhin den Fahrstuhl aufgehalten hatte, auf sie zu. "Guten Tag. Ich bin Dr. Carter; ich habe ihn operiert." "Wie geht es ihm?", fragte Scully, auf alles gefaßt. "Er wird durchkommen. Er hatte in der OP einen Herzstill-stand, aber wir konnten ihn erfolgreich wiederbeleben. Er liegt jetzt auf der IS. Es geht ihm den Umstän-den entsprechend gut." "Kann ich zu ihm?" Scully war erleichtert darüber, daß es Brad ‘den Umständen entsprchend’ ging. "Heute noch nicht. Aber Sie können ihn morgen besuchen." Damit ging Dr. Benton. Scully starrte ihm hinterher. "Es ist wohl besser, wenn ich Sie jetzt zurückbringe, Dana." Dana, so hatte Mulder sie schon lange nicht mehr genannt. "Aber...", versuchte sie zu protestieren. "Keine Widerrede! Sie müssen sich jetzt erst einmal erholen." Etwas widerwillig stand Scully auf und folgte Mulder.
Er brachte sie zurück ins Motel. Dort sorgte er dafür, daß sie ein heißes Bad nahm (natürlich in seiner Ab-wesenheit!) und sich dann hinlegte. So aufgelöst wie Scully war, konnte Mulder sie bei dem, was er jetzt vorhatte, beim besten Willen nicht gebrauchen.
Als Scully dann so in ihrem Bett lag und schon eingeschlafen war, ging er.
Mulder hielt vor einem Heimwerkerladen. Er stieg aus und betrat das Geschäft. Bis auf ihn hatte der Ver-käufer im Moment nur noch einen weiteren Kunden, der allerdings schon beim bezahlen war. Mulder sah sich in dem Laden um. Und er fand, was er suchte: eine große Tube mit Alleskleber und neue Batte-rien für seine Taschenlampe.
Der andere Kunde verließ das Geschäft und Mulder bezahlte seine 19,99 für die 300ml Klebstoff und die Batterien. Dann ging auch er.
Mulder fuhr (wie könnte es auch anders sein) zum General County. Er parkte den Mietwagen neben dem der Beamten, die noch immer die Tür im Auge behielten.
Bevor er ausstieg, legte er die Batterien in seine Lampe.
Die zwei Polizisten sahen ihn verwundert an; sie hätten nicht gedacht ihn so schnell hier wieder zu se-hen.
Der eine Beamte, der vorhin auf den Mutanten geschossen und dabei Bradley getroffen hatte, eilte auf Mulder zu. "Wie...wie geht es ihm?", fragte er. Man konnte leicht sehen, wie leid ihm das tat. "Er wird durchkommen.", meinte Mulder nur kurz. "Schließen Sie die Tür auf. Ich geh noch einmal da rein." Die Entschlossenheit in Mulder’s Stimme war nicht zu überhören. "Aber...", wandte der zweite Beamte ein. "Wenn ich in 30 Minuten nicht wieder hier bin, holen Sie Verstärkung." Mulder ließ sich nicht von seinem Vorhaben abbringen.
Unsicher schloß der Beamte die Tür auf. Als Mulder ein paar Schritte in den dunklen Gang verschwun-den war, drehte er sich noch einmal um. "Behalten Sie die Tür gut im Auge. Und achten Sie auf die Zeit!" Dann knipste er seine Taschenlampe an und verschwand.
Etwa zur selben Zeit wachte Scully schweißgebadet auf. Sie hatte das, was sie vorhin erlebt hatte, noch einmal im Traum durchlebt. Nervös sah sie sich in ihrem Zimmer um. Sie war allein. Wo war Mulder? Er hatte sie doch hier her gebracht.
Da fiel ihr plötzlich Blue ein. Was würde jetzt mit ihm sein, wo Brad im Krankenhaus lag? Kurz entschlos-sen zog sie sich an. Dann ging sie raus auf den Hof, um mit dem Auto zu Brad’s Wohnung zu fahren. Erst da fiel ihr ein, daß Mulder und sie ja nur einen Mietwagen hatten, und daß Mulder mit eben diesem Wa-gen weggefahren war. Also kramte sie ihr Handy aus der Tasche und rief ein Taxi.
An Brad’s Wohnung angekommen stand sie vor dem nächsten Problem. Das Türschloß. Allerdings war es für Scully kein großes Hindernis, schließlich war sie ja beim FBI. Kaum hatte sie die Tür geöffnet, kam ihr auch schon Blue entgegen gerannt. Er sah sie mit großen Augen an, ging dann kurz aus der Wohnung auf den Flur und kam mit hängendem Schwanz zurück. "Es tut mir leid. Aber Brad konnte nicht kom-men.", meinte Scully tröstend und tätschelte dem Hund den Kopf. Dann gab sie ihm etwas zu fressen und überredete ihn sogar zu einem Spaziergang.
Sie ging mit Blue in einen kleinen Park, setzte sich auf eine Bank und zückte wiederum ihr Handy.
Mulder war unterdessen zielstrebig zu dem Lift gegangen. Gerade war er dabei, den Kleber zwischen die beiden Türen zu schmieren. Plötzlich klingelte sein Handy. Er fluchte leise und kramte es aus seiner Tasche. "Mulder?" "Mulder, ich bin’s.", antwortete Scully. "Scully, wo sind Sie?" Er klang ziemlich ver-dutzt. Mit ihrem Anruf hatte er jetzt wirklich nicht gerechnet. "Ich bin gerade im Park..." "Im Park?", unterbrach er sie. "Ja. irgend jemand muß sich doch um Blue kümmern." "Aha.", lautete die kurze Antwort. Mulder versuchte im Moment nämlich gerade gleichzeitig zu telefonieren, seine Taschenlampe zu halten und den Kleber zwischen die Türen zu schmieren. "Und wo sind Sie, Mulder?" Das mußte ja kommen. "Ich...ähm...ich bin gerade...ich war gerade dabei, mir etwas zu essen zu holen.", log er. Er wollte ihr nicht sagen, wo er wirklich war, denn er hatte Angst, daß Scully das zu sehr aufregte. Womit er gewiß auch recht hatte. "Ok, ich bin spätestens in zwei Stunden wieder im Motel.", meinte sie und legte auf. Erleichtert darüber, daß Scully seine Story geschluckt hatte, machte Mulder weiter.
Er war sich sicher, daß ‘big green man’ kommen würde. Er hatte heute Mittag bemerkt wie hungrig er war.
Allerdings war Mulder sich nicht im Klaren darüber, daß sein Tun schon die ganze Zeit über von jeman-dem beobachtet wurde. Von jemandem mit unnatürlich grünen Augen.
Als Mulder mit seiner Aufzugtüren-Verklebungs-Aktion fertig war, drehte er sich um, um den Mutanten zu suchen. Doch das war nicht mehr nötig, denn kaum 20 Schritte von ihm entfernt, stand er und sah ihn an. Mulder blieb bei dem Anblick der grünen, mißgebildeten Gestalt für einen Moment die Luft weg, doch dann besann er sich wieder auf das, weswegen er hier war. Schnell zog er seine Waffe. Das Klik-ken als er sie entsicherte hallte von den Wänden wider. Plötzlich stürzte der Mutant auf ihn zu. Das ging so schnell, das Mulder gar nicht die Gelegenheit bekam, auf ihn zu schießen. Durch einen Sprung zur Seite rettete er sich davor, von grüner Masse überrollt zu werden, allerdings ließ er dabei die Taschen-lampe fallen. Die Kreatur prallte gegen die Wand, aber sie ließ nicht locker. ‘Big green man’ rappelte sich wieder auf und wollte erneut zum Angriff auf Mulder starten. Mulder sah nur die Füße des Mutanten, die durch die am Boden liegende Taschenlampe angestrahlt wurden. Er sah, wie sie sich ihm näherten. In dem Moment erinnerte er sich an die Waffe, die er in der Hand hielt. Er schoß dreimal in die Dunkel-heit. Ein markerschütternder Schrei signalisierte ihm, daß er ‘big green man’ getroffen haben mußte. Genau da stürzte die Kreatur zu Boden. Mulder mußte ihr ausweichen, um nicht von ihr mitgerissen zu werden. Plötzlich hörte er wie hinter ihm eine Tür geöffnet wurde. In dem Licht, das nun den Gang er-hellte, konnte er deutlich den Mutanten vor sich auf dem Boden liegen sehen. Er war tot, das erkannte Mulder sofort. Eilige Schritte kamen auf ihn zu. "Wir haben die Schüsse gehört.", meinte einer der Beamten, die jetzt neben ihm standen. "Sorgen Sie dafür, daß das hier in die Pathologie kommt!", war das einzige, was Mulder sagte bevor er ging.
Scully war wieder in Brad’s Wohnung und gerade damit beschäftigt ein paar Sachen für ihn einzupak-ken als ihr Handy klingelte.
"Scully, ich bin’s. Sie müssen sofort ins Krankenhaus kommen!", meinte Mulder am anderen Ende der Leitung. "Ins Krankenhaus? Ist etwas mit Brad?", fragte sie erschrocken. "Nein. Es geht um unseren Un-ruhestifter. Er liegt nur für Sie bereit zur Obduktion." "Wie...was ist passiert Mulder?" "Das erzähle ich Ih-nen, wenn Sie hier sind." Mulder legte auf. "Mulder? Mulder?" Entgeistert starrte Scully ihr Handy an. Dann rief sie zum zweiten Mal in dieser Geschichte ein Taxi, schnappte sich die Sachen, die sie für Brad eingepackt hatte und ging.
Als sie am General County ankam, wartete Mulder schon ungeduldig auf sie.
"Was ist passiert, Mulder?", fragte sie entgeistert. "Sie waren gar nicht essen.", Beantwortete sie ihre Frage selbst. "Es tut mir leid. Ich konnte es Ihnen nicht sagen, Ich wollte Sie nicht unnötig beunruhigen.", entschuldigte er sich. "Und wenn Ihnen etwas passiert wäre? Hätte ich mich dann auch nicht unnötig beunruhigen sollen?" "Es tut mir leid.", wiederholte er.
Die beiden Agenten gingen in die Pathologie. Dort angekommen, wies Mulder stolz auf eine der Kühl-kammern. "Taadaa!", war sein Kommentar dazu. "’Big green man’ höchstpersönlich." Scully sah ihren Partner schief von der Seite an, so daß dieser verstummte. Sie öffnete die Tür der Kammer und zog die Trage mit der Kreatur heraus. Was die beiden dann dort sahen, verschlug ihnen die Sprache. Dort war nämlich - nichts. Nichts, bis auf einen kleinen Fleck der grünen Flüssigkeit.
Scully sah Mulder an. "Soll das ein Scherz sein?" Er war ganz verblüfft und brauchte einem Moment, um ihr zu antworten. "Nein, nein. Ich habe mit eigenen Augen gesehen wie sie ihn hier rauf gelegt hatten" Zur Bekräftignung seiner Worte deutete er mit der Hand auf die leere Trage. "Aber wie ist das denn möglich?", fragte Scully daraufhin. "Ich habe keine Ahnung, Scully." Mulder klang sehr betrübt. Es war ja nicht das erste Mal, daß sie am Ende eines Falles vor dem Nichts standen. Keiner der Beiden hielt es für nötig, die Flüssigkeit zu untersuchen. Sie wußten schon, was sie dadurch heraus finden würden. Nämlich nichts.
"Ich glaube, jetzt sollte ich sie ins Motel fahren." Scully nahm Mulder’s Hand, er nickte stumm. "Aber vor-her müssen wir Blue abholen."
Am nächsten morgen wachte Scully durch das Gefühl auf, jemand läge neben ihr im Bett und mache ihr die Bettdecke streitig. Sie tastete nach dem Jemand und fühlte tatsächlich einen warmen Körper. Da sie sich nicht mehr genau an den vergangenen Abend erinnern konnte, drehte sie sich entsetzt um. Und dort lag - Blue; eingerollt auf der Bettdecke. Erleichtert atmete Scully auf. Sie sah auf die Uhr, es war 7:37. In knapp fünf Stunden geht der Flug zurück nach Washington, dachte sie. Aber vorher wollte sie noch einmal zu Brad. Also stand sie auf. Als sie sich angezogen hatte, ging sie zu Mulder’s Zimmer und klopfte an. Keine Antwort. Scully öffbete langsam die Tür. Mulder schlief noch. Die letzten Tage müssen ihn wohl sehr mitgenommen haben, dachte Scully als sie ihn dort so liegen sah. Leise flüsterte sie Blue der neben ihr stand, ins Ohr, er solle sich einfach zu Mulder legen, da sie jetzt weg führe. Der Hund ge-horchte.
Im Krankenhaus erkundigte sich Scully nach Brad. Die Schwester nannte ihr das Zimmer, in dem er lag. "Er ist schon wach und fragt andauernd nach Ihnen.", meinte Dr. Ross, der neben ihr stand und alles mit angehört hatte. "Übringens eine tolle Leistung, was ihr Partner gestern gemacht hat.", meinte er aner-kennend.
Als Scully in Brad’s Zimmer kam, setzte er sich im Bett auf. "Hallo, Dana. Entschuldige das ich unsere Verabredung nicht einhalten konnte, aber ich war leider verhindert." Er lächelte ihr entgegen. "Die Ärzte meinen, wenn es mir weiter immer besser geht, kann ich in vier Wochen hier raus." "Brad, ich...mein Flugzeug geht um 12:15. Ich muß wieder nach Washington. Der Fall hier ist abgeschlossen.", sagte sie betrübt. "Du fliegst wieder?" Er klang etwas entsetzt. Sie nickte. "Aber..." "Ich arbeite nun mal in Washington." Sie setzte sich an sein Bett, er sah sie mit großen Kulleraugen an. "Ich hab dir ein paar Sachen mitgebracht.", versuchte sie abzulenken. "Und ich wollte fragen, was mit Blue ist, solange du noch hier liegst." "Blue...Blue kann zu meiner Schwester.", stammelte er und kritzelte eine Adresse auf ein Stück Papier. "Und du fliegst wirklich?" "Ja.", meinte sie leise und nahm das Stück Papier mit der Adresse. "Ich werde nachkommen sobald ich hier raus bin. Ich hab einen Freund in D.C., der kann mir dort einen Job beschaffen.", meinte Brad etwas verzweifelt. "Bitte sag, daß wir uns wieder sehen!" "Ich hoffe es." Man merkte Scully an wie schwer es ihr fiel, ihre Tränen zu unterdrücken. In dem Moment kam eine Schwester ins Zimmer. "Sie müssen jetzt gehen.", sagte sie und ging wieder. "Ich werde Blue zu deiner Schwester bringen.", meinte Scully und wollte aufstehen. Brad hielt ihre Hand fest. "Ich werde nachkommen. Ich verspreche es." Er zog Scully näher zu sich und küßte sie. Dann stand sie auf und ging in Richtung Tür. Bevor sie das Zimmer verließ, drehte sie sich noch einmal zu Brad um. "Ich liebe dich." Sie lächelte ihn traurig an. "Ich liebe dich auch.", sagte er. Als sie aus der Tür verschwunden war, starrte er ihr sehnsüchtig nach.
Mulder und Scully saßen im Flugzeug nach Washington. Seitdem Scully aus dem Krankenhaus zurück war, hatte sie nicht sehr viel gesagt. Auch jetzt saß sie nur da und hing ihren Gedanken nach.
Einen guten Monat später:
Scully kam wie jeden Morgen in Mulder’s Büro. Er registrierte etwas besorgt, daß sie, seit dem sie in Utica waren, viel stiller geworden war. Bei den letzten zwei Fällen, die sie seit dem untersucht hatten, hatte Mulder ihr die unglaublichsten Theorien entgegenbringen können, ohne daß sie wie sonst, für alles wis-senschaftliche Erklärungen parat hatte.
"Guten Morgen, Scully.", meinte Mulder als Scully durch die Tür trat. Sie nickte nur kurz. Er sah sie besorgt an. "Wir haben gerade einen neuen Fall rein bekommen. In Chinatown soll ein alter Samurai sein Unwe-sen treiben. Es wurden schon drei Opfer gefunden, denen der Kopf abgehackt wurde. Als Tatwaffe hat mein einen langen, scharfen Gegenstand im Auge. Ein Samuraischwert würde also in Frage kommen. Auch wollen viele Anwohner diesen Geist schon...sagen Sie Scully, hören Sie mir überhaupt zu?", unterbrach er plötzlich. "Wie bitte? Oh, entschuldigen Sie, Mulder." "So geht es nicht weiter mit Ihnen.", meinte Mulder nachdenklich.
Gegen 19:30 war Scully bei sich zu Hause. Sie und Mulder hatten sich den ganzen Tag in Chinatown um gehört. Ohne Erfolg.
Gerade wollte sie sich etwas zu essen machen als es klopfte. Scully ging zur Tür. Beim Öffnen meinte sie: "Mulder, wenn etwas ist, können Sie mich auch anru-" Weiter sprach sie nicht, denn vor ihr stand nicht Mulder.
Sondern Brad. Er lächelte sie an. "Ich hab dir doch versprochen, nachzukommen. Ich wohne jetzt in hier Georgetown. Ich bin heute früh hergekommen und mein Freund hat mich bei sich erst mal einquartiert. Blue gefällt es auch." Scully sah ihn verwirrt an. Mit ihm hätte sie wirklich nicht gerechnet. Dann fiel sie Brad regelrecht um den Hals und zog ihn dabei in die Wohnung.
Erstveröffentlichung bei mir
Titel der deutschen Originalausgabe
X - big green man
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