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Akte X -
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Akte geschlossen?

Kansas-City, 26. August 1995

"Kommen Sie bitte, hier entlang." Man sah der Frau an, daß sie nicht unbedingt Wert auf ihr Äußeres legte. Fettige Haarsträhnen fielen ihr ins Gesicht, und der Geruch alten Schweißes drang in die Nasen der beiden Besucher, die an ihrem ausgestreckten Arm vorbei in den Raum gingen, in den sie gewiesen hatte. "Das ist sein Zimmer. Hier hat alles angefangen." Eigentlich hätte so etwas wie Besorgnis in ihrer Stimme mitschwingen müssen, angesichts der Tatsache, daß ihr Sohn spurlos verschwunden war. "Zuerst sah es nur so aus, als würde Kevin Selbstgespräche führen, aber wenn ich manchmal beim Vorbeigehen an seiner Tür lauschte, hatte ich wirklich den Eindruck, er würde mit einer weiteren Person sprechen, die ich aber nicht hören konnte. Einmal bin ich einfach in sein Zimmer gegangen, gerade als er wieder Dinge sagte, die nicht verstand, aber ich konnte niemanden sehen. Kevin schaute mich nur fragend an. Ich wollte wissen, mit wem er denn hier immer redet aber er sagte nur, das könne er mir nicht sagen. Mit der Zeit wurde es immer unheimlicher, und ich hörte dann schließlich doch etwas. Seltsame Geräusche, die ich nicht kannte, Klänge, die ich noch nie zuvor gehört hatte. Sagen Sie Mr....".
"Mulder, M'am. Fox Mulder."
"Sagen Sie, Mr. Mulder, haben Sie so etwas schon einmal erlebt?"
"Ich habe noch zu wenig Informationen, um eine Vermutung äußern zu können. Aber ich versichere Ihnen, daß wir schon einiges zunächst nicht Erklärbares erlebt haben."
"Nicht erklärbar ist gut. Ich kann mir noch nicht einmal theoretisch vorstellen, wie jemand aus seinem Zimmer im sechsten Stock verschwindet, während die Tür von innen verschlossen ist und der Schlüssel noch steckt." Die Frau wischte sich mit einer Handbewegung die Haare aus dem Gesicht und schüttelte mit dem Kopf.
"Was ist nur mit Kevin? Wo kann er bloß sein? Ob er noch mal zurückkommt?" Dann sah sie die Frau ihrer beiden Besucher neugierig an. "Vom FBI sind Sie? Kommt die hiesige Polizei in dem Fall nicht mehr weiter, oder warum sind Sie gekommen?" "Die Polizei arbeitet mit uns zusammen." erwiderte Special Agent Dana Scully. "Immer wenn solche Fälle, wie der ihre, auftreten, ist die zuständige Dienstbehörde angewiesen, den Vorfall an die FBI-Zentrale zu melden. Und wir kümmern uns dann um diese unerklärlichen Vorfälle." "Sagen Sie, Mrs. Karmichael, dürfen wir uns hier ein wenig umsehen?" fragte Mulder. "Natürlich. Fühlen Sie sich nur ganz wie zu Hause. Ich warte im Wohnzimmer auf Sie. Wenn was ist, rufen Sie einfach." Damit drehte sich die Frau um und ließ ihre Gäste allein. "Was halten Sie davon, Mulder?" wollte Scully wissen. "Glauben Sie, daß der Junge wirklich verschwunden ist? Oder ist er einfach nur von zu Hause abgehauen? Vielleicht hatte er Probleme und ist durchgedreht. Bestimmt ist es nicht leicht für ihn und seine Mutter, ganz ohne Vater auszukommen."
"Sie sagte, daß die Tür war von innen verschlossen war. So stand es auch im Bericht des zuständigen Beamten. Sie mußte gewaltsam aufgebrochen werden. Wie hätte das der Junge machen sollen? Die Fenster waren ebenfalls zu. Nein, es muß eine andere Erklärung geben." Der FBI-Agent betrachtete aufmerksam das Zimmer. Es schien sich nicht sonderlich von den Räumen anderer, sechzehnjähriger Jugendlicher zu unterscheiden. Die Bücher in den Regalen waren überwiegend Klassiker, und von den Wänden schauten sie die Konterfeis der bevorzugten Rockidole an. Mulders Blick blieb an einem Poster hängen, das von seiner Art her nicht zu den anderen paßte. Es war eine Schwarzweißlitographie und zeigte sieben Personen, fünf Männer und zwei Frauen, die ihm jedoch gänzlich unbekannt waren. Die Qualität des Bildes war viel besser als die der anderen Poster, welche sicherlich aus gängigen Jugendzeitschriften stammten. Er schenkte der Lithographie keine weitere Beachtung, weil ihm etwas anderes aufgefallen war.
"Sehen Sie mal, Scully. Die Karmichaels wohnen in recht bescheidenen Verhältnissen. Aber trotzdem kann sich Kevin einen eigenen Fernseher mit Videorecorder leisten. Und die Kassetten dort waren bestimmt auch nicht billig." Er zeigte auf ein Fach im Regal, wo annähernd vierzig Videokassettenhüllen in einer Reihe aufgestellt waren, zog eine davon heraus und öffnete sie. "Nummer 125, The Inner Light. Dann kommen noch weitere Nummern und Titel. Sagt Ihnen das was?"
Scully schüttelte mit dem Kopf. "Legen Sie sie doch mal ein."
Als sie eine Weile den Film verfolgt hatten, drehte sich Mulder um und schaute auf das Schwarzweißbild an der Wand.
"Das sind sie."
"Wer ist was?"
"Die Personen dort auf dem Bild sind die Schauspieler des Filmes, den wir gerade sehen."
"Und was schlußfolgern Sie daraus?"
Mulder zuckte mit den Schultern. "Eigentlich nichts weiter. Offenbar ist Kevin ein Fan dieser Serie, und wie das Bild an der Wand zeigt, verehrt er die Schauspieler so, wie mancher Teenager einen Popstar verehrt. Aber das steht sicherlich nicht im Zusammenhang mit seinem Verschwinden. Wir sollten uns weiter umsehen. Vielleicht gibt es irgendeinen Anhaltspunkt, ein Tagebuch oder Notizen, die uns zeigen würden, in welcher seelischen Verfassung sich der Junge befindet."
"Oder befand." warf Scully bitter ein. "Schließlich hat er sich schon vor etwas mehr als zwei Wochen in Luft aufgelöst."

- - -

Los Angeles, Beverly Hills, 29. August 1995.

Die stickige Luft des Smogs, der an diesem Spätsommertag des Jahres 1995 über Los Angeles lag, machte sich auch über dem Viertel der Reichen von Beverly Hills deutlich bemerkbar. Franklin Smith blinzelte über den Rand seiner dicken Sonnenbrille in Richtung Swimmingpool Pool und fragte sich, ob er einen Satz in das kühle Naß machen, oder sich lieber noch einen Tequila genehmigen sollte. Da er, um ersteres zu tun, von seiner Liege aufstehen mußte, was bei dieser schwülen Hitze zweifelsohne eine vermeidbare Kraftanstrengung bedeutet hätte, entschied er sich lieber für einen Drink und griff nach der Flasche, die in der neben der Liege stehenden Kühlbox auf ihn wartete. Durch das geöffnete Fenster zum Zimmer seiner Tochter drangen laute Geräusche über die Wiese zu ihm hin. Zu laute Geräusche. Der Fernseher lief nun schon fast den ganzen Nachmittag und wie immer viel zu stark aufgedreht.
"Hey Cassandra, dreh' das Ding leiser." lallte Smith und wunderte sich, daß er solche Mühe hatte, die Worte einigermaßen verständlich hervorzubringen. Offenbar hatte er doch schon etwas zu viel getrunken. "Hörst Du nicht?" schrie er, nachdem sich auf seine erste Aufforderung hin nichts getan hatte. Aber auch sein zweiter Versuch blieb erfolglos. "Blöde Göre. Nichts als Ärger mit dem Biest." Jeder, der Franklin Smith kannte, wußte, daß dieser am liebsten seine Tochter verkaufen würde, wenn denn so etwas in Amerika möglich wäre. Sie stellte für ihn nichts weiter als eine Belastung dar, die aus Zeiten seiner Ehe übriggeblieben war. Denn entgegen der Regel, daß sich Männer im allgemeinen aus dem Staub machen, war es hier seine Frau, die das Weite gesucht hatte - ohne ihre Tochter.
"Pepe!" rief er nun nach seinem Hausdiener, der aber ebenfalls mit Taubheit geschlagen zu sein schien. "Verflucht nochmal." geiferte Smith, und warf das Glas zu Boden, wo es in tausend Scherben zersprang. "Muß ich hier denn alles alleine machen?" Dann sprang er auf, hielt sich mehr schwankend als gerade auf den Beinen und wollte ins Haus stürmen, als sein rechtes Bein wegknickte und er laut schreiend zu Boden ging. Aber diesmal waren es Schmerzensschreie und instinktiv zog er sich den Glassplitter aus dem Fuß, den er sich einen Augenblick zuvor hineingetrieben hatte. Als wenn man einen Hahn aufgedreht hätte, schoß das Blut aus der Wunde und färbte die Steinplatten rot ein.
"Verfluchter Mist." Smith rollte sich auf die Knie und kroch nun auf allen Vieren zum Haus. "Pepe!" krächzte er kaum verständlich, "Conchita, komm' her verdammt!" Aber seine Angestellten hörten nicht, oder wollten nicht hören. Unverständliche Flüche geifernd und nach Luft japsend rappelte er sich hoch und humpelte über die Wiese. Mehr unbewußt streifte sein Blick über das Haus, und er hoffte, einen seiner Bediensteten bei ihrer üblichen, äußerst wichtigen Tätigkeit, wie Fensterputzen oder Balkonkehren zu erkennen, doch er konnte sie nicht sehen. Dafür sah er etwas anderes. Etwas, was trotz seiner benebelten Sinne einen Schauder seinen Rücken hinunterjagte. Am Zimmerfenster seiner Tochter ging, nein schwebte diese geradezu vorbei und grinste ihn lange, beinahe schadenfroh an. Trotz Sauerstoffmangel hielt er die Luft an und starrte der Erscheinung hinterher. Eigentlich konnte es nichts anderes als eine Erscheinung sein, und er schrieb sie, wenn auch zweifelnd, seinem körperlichen Zustand zu. Denn wenn es etwas gab, was seine Tochter nicht konnte, war es, in ihrem Zimmer herumzuspazieren. Cassandra Smith war seit dem zehnten Lebensjahr querschnittsgelähmt.

- - -

Los Angeles, Beverly Hills, 03. September 1995.

"Vom FBI sind Sie? Na von mir aus. Aber ich habe schon alles gesagt."
"Das wissen wir, Mr. Smith. Aber wir haben trotzdem noch einige Fragen an Sie und würden uns auch gerne mal Cassandras Zimmer ansehen." Scullys Tonfall ließ erkennen, daß sie nicht unbedingt Sympathien für den Mann hegte.
"Okay, okay, kommen Sie schon rein." Schlechtgelaunt machte Franklin Smith den beiden FBI-Agenten Platz. "Ihr Zimmer ist oben im ersten Stock. Sie können es gar nicht verfehlen. Die Verrückte zeigte sehr deutlich, wo sie wohnte."
"Gehe ich Recht in der Annahme, daß Sie Ihre Tochter nicht besonders mögen?" Fox Mulder schaute seinem Gegenüber aufmerksam ins Gesicht.
"Was wollen Sie? Das Mädchen sitzt seit acht Jahren im Rollstuhl. Drei mal wöchentlich muß sie eine Therapie besuchen. Angeblich ist ihre Lähmung seelisch bedingt. Drei mal in der Woche. Haben Sie eine Ahnung, was das kostet?"
"Und sicherlich fahren Sie selbst Ihre Tochter jedesmal zur Behandlung." spöttelte Scully.
"Das wäre ja noch schöner. Wofür halte ich mir denn teure Bedienstete. Und wenn Sie es genau wissen wollen - ich bin froh, daß die Göre verschwunden ist."
Dana Scully merkte, wie ihr die Röte ins Gesicht stieg und sie an sich halten mußte, um die Fassung nicht zu verlieren. Trotzdem mußte sie noch einen Kommentar loslassen. "Ich bedauere Cassandra, Mr. Smith. Wir haben Ihre Akte sehr genau studiert, und es ist ein offenes Geheimnis, daß sie nur deshalb gelähmt ist, weil sie Ihre Demütigungen und Gewaltanwendung nicht mehr ertragen konnte. Wie stand in dem Polizeibericht: 'Das ca. 9jährige Mädchen betrat total verstört und weinend die Polizeistation. Ihr Vater habe sie geschlagen und beschimpft, wegen ihr sei ihre Mutter davongelaufen und er würde sie dafür hassen.'" Scully machte eine Pause und sah Smith herausfordernd an. "Es ist mir unbegreiflich, wie Sie weiterhin das Sorgerecht für Cassandra behalten konnten. Offenbar verfügen Sie über ein paar einflußreiche Kontakte. Komisch ist nur, daß Sie damals ihre Tochter behalten wollten und sich jetzt freuen, daß sie fort ist."
"Komisch, nicht wahr." betonte Smith leise und machte einen Schritt auf die FBI-Agentin zu. Fauliger Alkoholatem schlug ihr ins Gesicht. "Aber vielleicht hätte es damals meiner Karriere nicht besonders gut getan, wenn es geheißen hätte, daß man Franklin Smith, dem erfolgreichen Schallplattenverleger, die Tochter aus seiner Obhut gerissen hätte, weil er sie schlägt. Und was die einflußreichen Kontakte betrifft - die habe ich immer noch, und Sie sollten etwas vorsichtiger mit Ihren Äußerungen sein, Special Agent Dana Scully."
Die Angesprochene machte einen Schritt zurück. Aber nicht weil sie sich eingeschüchtert fühlte, sondern weil sie ganz einfach keine Luft mehr bekam. Bevor sie durchatmen und eine passende Antwort, die ihr bereits auf der Zunge lag, erwidern konnte, wurde sie von Mulder weggerissen.
"Kommen Sie, Scully. Wir haben wirklich Wichtigeres zutun, als uns mit Mr. Smith anzulegen." Damit hakte er sich bei ihr ein und zog sie einfach mit sich.

- - -

Schon als sie sich im ersten Stock der Villa suchend umschauten, wurden ihnen klar, was Smith damit gemeint hatte, daß Cassandra zeigen würde, wo sie lebte. Die Tür war als solche erst beim zweiten Hinsehen zu erkennen. Sie war übersät mit Aufklebern, die vom Sinn her alle das Gleiche wiedergaben. 'Draußenbleiben' stand auf vielen, 'Betreten verboten' auf anderen. Trotz der deutlichen Warnungen öffnete Mulder die Tür und sie traten ein. Es war, als würden sie eine Science fiction-Ausstellung betreten. Überall standen, hingen oder klebten Modelle herum, die nach seiner ersten Einschätzung am ehesten als Raumschiffe zu bezeichnen waren. Die Wände wurden von großen Postern geziert, die überwiegend Raumschiffe auf ihrem Weg durch das Weltall darstellten. Eigentlich war es meistens das gleiche Schiff, welches gezeigt wurde und Mulder seltsam vertraut vorkam. Irgendwo hatte er es schon einmal gesehen, ohne es jetzt bewußt zu erkennen.
"Du meine Güte." Scully hatte eines der vielen herumliegenden Bücher zur Hand genommen und blätterte nun darin. "Es dreht sich hier wirklich nur um das Eine."
"Und das wäre?"
"Star Trek. Alles hier hat ausschließlich mit Star Trek zutun."
Mit einem mal wurde Mulder klar, wo ihm dieses Raumschiff bereits begegnet war. Nämlich in Kevin Karmichaels Wohnung, genauer gesagt, auf einer seiner Videokassetten. Als Scully den Begriff Star Trek erwähnt hatte, erinnerte er sich wieder daran.
"Was hat es denn nun mit diesem Star Trek auf sich?"
"Kennen Sie nicht Captain Kirk und Mr. Spock? Die sind auf einem Raumschiff namens Enterprise durch den Weltraum geflogen. Haben Sie nie diese Serie verfolgt - als Sie noch jung waren?"
"Danke, Dana, für dieses nette Kompliment." grinste Mulder und schaute sich die Enterprise auf einem der Bilder genauer an. "Aber ALS ICH NOCH JUNG WAR interessierte mich Science fiction nicht. Star Trek hatte ich mir nur ein paar mal angesehen."
"Unvorstellbar. Der große Ufojäger Fox Mulder interessierte sich in seiner Jugend nicht für Science fiction?!"
"Es ist so. Aber wenn ich mir diese Enterprise hier ansehe und mit der Erinnerung an die Enterprise von damals vergleiche, sieht sie ganz anders aus."
"Auch Kirk und Spock gehören offenbar nicht mehr zu der Besatzung. Statt dessen ist nun Captain Picard der Boß. Der Mensch hier, mit dem lichten Haar." Scully drehte das geöffnete Buch zu Mulder und zeigte ihm den Führer des Raumschiff Enterprise.
"Ich frage mich nur, ob es reiner Zufall ist, daß die beiden Verschwundenen offenbar Star Trek-Fans sind, oder ob diese Tatsache auf irgendeine Art und Weise relevant ist."
"'Zufall', würde ich normalerweise sagen. Aber irgendwie habe ich das Gefühl, daß mehr hinter diesem Star Trek steckt."

- - -

FBI-Hauptquartier, 10. September 1995

Die Anwesenden auf der Hauptbrücke der Enterprise wurde bei jedem Treffer beinahe von den Füßen gefegt. "Schilde auf 30 Prozent, Sir, noch einen solchen Treffer und die Schutzschirme brechen zusammen." Der mit 'Sir' Angesprochene stand vor dem Hauptschirm, hatte die Hand erhoben und antwortete mit scheinbar grenzenloser Geduld und völlig gelassen: "Ganz ruhig, Mr. Worf. Öffnen Sie noch einmal den Kanal."
"Grußfrequenz geöffnet, Captain."
"Hier spricht Captain Jean-Luc Picard vom Föderationsraumschiff Enterprise. Bitte - wir kommen in friedlicher Absicht und eine Konfrontation mit Waffen liegt uns fern. Reden Sie mit mir!"
Einen Augenblick sah es so aus, als würde sich das gegnerische Schiff auch diesem erneuten Versuch der Kontaktaufnahme widersetzen, um Phaser und Torpedos sprechen zu lassen, doch dann erhellte sich das Bild auf dem Schirm und wurde ausgefüllt von dem häßlichen, oder vielmehr ungewohnt aussehendem Gesicht eines Aliens.
Fox Mulder bemerkte nicht, wie jemand von hinten an ihn herantrat und zuckte zusammen, als sich eine Hand auf seine Schulter legte.
"Sehen so die Außerirdischen aus?" wollte Dana Scully wissen und legte ihre Aktentasche auf dem Tisch ab.
"So, wie sie sich die Maskenbildner dieser Fernsehserie vorstellen."
"Star Trek, was?! Warum haben Sie sich davon Videokassetten besorgt?"
Mulder antwortete nicht, sondern zeigte auf einen übereinandergestapelten Berg von Aktenmappen. Scully öffnete einige und überflog die darin gesammelten Berichte.
"In drei Berichten wird der Begriff Star Trek erwähnt. Jedesmal unter der Kennzeichnung 'ungewöhnlich'. Hier ist zum Beispiel die Rede, daß die Wohnung eines der Verschwundenen mit Pappfiguren der Schauspieler in Lebensgröße zugestellt war. In allen Fällen war die Wohnungs- oder Zimmertür von innen verschlossen, und es gab meistens keinen anderen Weg hinein oder hinaus. Wo sind denn die vielen Fälle auf einmal hergekommen?"
"Die haben sich während unserer Abwesenheit angesammelt. Offenbar bricht jetzt unter diesen Star Trek-Fans eine wahre Verschwindewelle aus. Ich habe auch noch eine weitere Gemeinsamkeit festgestellt. Allen Verschwundenen ging es offenbar nicht allzugut in ihrem Leben. Viele waren unzufrieden oder hatten zumindest Gründe genug, unzufrieden zu sein. Es gab jedenfalls nichts, was sie zu ihrer jetzigen Umgebung und Lebensweise zurückgezogen hätte."
"Zurückgezogen, von was?"
"Das ist die große Frage in unserem Fall. Was geschieht mit all den Verschwundenen, wenn sie sich nicht wirklich in Luft auflösen, wovon wir wohl nicht ausgehen können?"
"Und Sie glauben die Antwort darauf zu finden, indem Sie sich Star Trek-Filme ansehen?"
Mulder zuckte mit den Schultern. "Irgendwo müssen wir nun einmal anfangen. Sie können sich ja diesen Karton dort vornehmen."
Scully sah, daß er randvoll mit den verschiedensten Sachen gefüllt war und kramte darin herum. Es gab Trading Cards, Tassen mit Star Trek-Motiven, kleine bewegliche Figuren mit Charakteren aus der Serie, Bildbände, Poster, Nachbauten diverser Requisiten, die pfiffen, surrten und andere Geräusche von sich gaben, wenn man nur den richtigen Knopf drückte und allerhand mehr, wovon manches Scully zum Kopfschütteln bewegte.
"Das ist ja Popkultur in ihrer reinsten Form." sagte sie gerade in dem Augenblick, wo Captain Picard mit dem gegnerischen Raumschiffkommandanten eine friedliche Lösung gefunden hatte und Mulder den Film stoppte.
"Und die Serie selbst?" wollte sie wissen, "Wie sind denn so die Filme?"
"Ganz gut." meinte Mulder. "Für eine Fernsehserie sogar ganz ausgezeichnet. Aber weitergeholfen haben mir die vier Filme, die ich mir angeschaut habe, ehrlich gesagt nicht."
"Was also sollen wir tun? Wir können ja schlecht herausfinden, wo vor dem Fernsehgerät ein einsamer Star Trek-Fan sitzt, mit dem irgend etwas geschieht, was ihn verschwinden läßt."
"Wenn er vor dem Fernseher sitzt, können wir das sicher nicht. Also müssen wir dorthin gehen, wo sich die Fans des Raumschiff Enterprise treffen."
"Gibt es denn so etwas? Ich meine, Fernsehzuschauer treffen sich doch nicht, weil ihnen eine Serie besonders gut gefällt."
"Irrtum." sagte Mulder, und reichte Scully ein aufgeschlagenes Magazin, wo eine Firma Creation Termine für sogenannte Star Trek-Conventions bekanntgab. "Unsere nächste Reise geht nach Toronto, Scully. Wir waren sowieso schon lange nicht mehr in Kanada."
"Und was ist dort genau?"
"Nun, lesen Sie doch. Wir werden Counselor Deanna Troi und Commander William Riker auf ihrer Imzadi-Tour besuchen."

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International Airport Plaza, Toronto, 22. Oktober 1995

Dana Scully und Fox Mulder betraten eine andere Welt. Überall um sie herum wimmelte es von verkleideten Menschen, die sie mittlerweile als Klingonen, Vulkanier oder schlicht als Sternenflottenmitglieder erkennen konnten. Irgendwie kamen sie sich unpassend gekleidet vor in ihren langen Mänteln, doch niemand schien sich sonderlich daran zu stören. Trotzdem fühlten sie sich wohler, als sie sie an der Garderobe abgegeben hatten.
Trekkies waren ein geselliges Völkchen. Überall standen sie in kleinen Gruppen zusammen, unterhielten sich über die verschiedensten Dinge des Star Trek-Universums und den bevorstehenden Auftritt der beiden Gaststars. Nachdem Scully eine Weile dem Treiben um die Händlertische zugeschaut hatte, wunderte sie sich, wie locker das Geld den Star Trek-Freunden in der Tasche saß.
"Und was machen wir jetzt?" fragte sie.
"Was wir immer machen. Fragen stellen und Augen und Ohren offenhalten." Damit wandte sich Mulder einer Gruppe gemischter Rassen zu.
"Entschuldigung. Haben Sie davon gehört, daß einige Trekkies in letzter Zeit plötzlich spurlos verschwunden sind?"
Die Augen der überrascht Angesprochenen schauten ihn fragend an. "Die sind wohl von kleinen grünen Männchen geholt worden." witzelte ein Romulaner, und die anderen fielen in sein Gelächter ein.
Mulder versuchte sein Glück noch bei weiteren Gruppen, erntete aber überall nur ähnliche Reaktionen. Dann richtete sich seine Aufmerksamkeit zu den Leuten, die auf einmal dabei waren, den Saal zu betreten, in dem der Auftritt des ersten Gaststars stattfinden sollte. Die beiden FBI-Agenten reihten sich ein, blieben jedoch an der Wand stehen, anstatt auf einem der Sessel Platz zu nehmen, um den besseren Überblick zu behalten.
Als Jonathan Frakes nach seiner Ankündigung die Bühne betrat, brach ein infernalisches Gejohle im Saal aus, und Mulder und Scully schauten sich nur schulterzuckend an. Der Darsteller des Commander Riker führte eine regelrechte Show auf, hüpfte und sprang auf der Stelle, legte sich auf den Boden, trällerte ein Lied und war nach zehn Minuten patschnaß geschwitzt.
Der Applaus nach etwas mehr als einer Stunde Auftritt wollte nicht enden, und unter Handküssen verließ er die Bühne.
Als die Trekkies sich beruhigt hatten, konnte man auch wieder das Wort seines Nachbarn verstehen.
"Das war aber eine seltsame Erfahrung." sagte Scully. "Ich meine, als Jugendliche war ich auch schon mal auf dem einen oder anderen Rockkonzert, aber ich kann mich nicht erinnern, jemals so ausgeflippt zu sein."
"Es kommt wohl nur uns seltsam vor, weil wir ja überhaupt nicht die Beziehung zu den Darstellern haben, wie all die Fans hier. Ich habe zwar nur vier Folgen gesehen, konnte aber schon erahnen, welches Potential in dieser Serie steckt. Und ich kann verstehen, wie manche Leute euphorisch werden, wenn sie ihre Helden einmal life erleben. Allerdings, so interessant diese Show gerade auch gewesen ist, sie bringt uns nicht weiter."
"Befragen wir doch einmal diesen Jonathan Frakes. Vielleicht weiß er etwas."
"Das wollte ich gerade vorschlagen."

- - -

Als die beiden Agenten sich dem Bühneneingang näherten und auch noch Anstalten machten ihn zu benutzen, stellte sich ihnen ein Mann in schwarzem T-Shirt in den Weg, auf dem groß "Security" stand.
"Wo wollt Ihr denn hin?" fragte er, nicht unbedingt besonders freundlich.
Mulder griff in die Innentasche seiner Jacke und zückte seinen Ausweis. "FBI. Wir müssen Jonathan Frakes sprechen."
Mißtrauisch nahm den Mann der Sicherheit den Ausweis entgegen, drehte und wendete ihn und war gar nicht so richtig davon überzeugt, es wirklich mit Agenten des FBI zutun zu haben. Er kannte mittlerweile die Tricks, die sich Fans einfallen ließen, um an ihre Stars heranzukommen.
"Frakes ist nicht mehr da." maulte er.
"Aber er hat doch erst vor 10 Minuten die Bühne verlassen." warf Scully ein.
"Stimmt. Aber die Schauspieler verlassen unmittelbar nach ihrem Auftritt die Convention."
"Dann möchten wir eben zu Marina Sirtis."
"Und Ihr seid wirklich vom FBI?" Der Mann im schwarzen T-Shirt musterte noch einmal den Ausweis, dann dessen Besitzer. Mulder nickte nur milde mit dem Kopf.
"In Ordnung, Ihr könnt durch. Aber bei der geringsten Klage habt Ihr mich am Hals, verstanden?"
Mulder tippte mit zwei Fingern grüßend an die Stirn. "Ja, Sir." bestätigte er und betrat zusammen mit Scully das Reich hinter den Brettern, die die Welt bedeuteten.

- - -

Marina Sirtis fanden sie vor einem Tisch mit riesigem Spiegel, vor dem sie für ihren Auftritt nochmals geschminkt und frisiert wurde. Geduldig warteten die beiden Besucher ab, bis diese Prozedur beendet war.
"Ob Schauspielerin wirklich so ein Traumjob ist, wie manche denken? Für mich wäre es nichts, glaube ich." flüsterte Scully.
"Aber die Fans lägen der unnahbaren Dana Scully zu Füßen." erwiderte Mulder grinsend.
Als auch die letzte Locke von Sirtis' Haarpracht richtig saß, machte sie der Mitarbeiter auf die beiden FBI-Agenten aufmerksam, dem sie sich vorgestellt hatten. Überrascht sah sie auf, kam auf sie zu und streckte die Hand aus.
"Hallo. Ich bin Marina. Wie kann ich Ihnen helfen."
Mulder ergriff die angebotene Hand als erster. "Mein Name ist Fox Mulder, und das ist Special Agent Dana Scully. Wir untersuchen einige Fälle von verschwundenen Personen, die offenbar alle Star Trek-Fans waren."
"Waren?" fragte Sirtis, und der erschreckte Gesichtsausdruck war echt, befand Scully.
"Naja, oder sind. Sie haben Recht, wir haben noch keinen der besagten Menschen wiedergefunden, weder tot noch lebendig."
Dann erzählten sie der Star Trek-Schauspielerin das, was sie wußten, die ihren Worten mit großen Augen lauschte.
"Können Sie irgend etwas dazu sagen?" schloß Mulder ihre Ausführungen.
Marina Sirtis hob die Schultern und ließ sie bedauernd wieder fallen. "Tut mir wirklich Leid. Ich habe noch nichts davon gehört, daß Trekkies verschwinden. Kann ich Ihnen vielleicht irgendwie helfen? Soll ich nachher auf der Bühne die Fans danach fragen?"
"Vielen Dank für das Angebot, aber ich glaube nicht, daß das eine gute Idee wäre. Wir kennen schließlich überhaupt keine Hintergründe. Wir wissen nicht, ob die Betroffenen entführt werden, oder ob sie freiwillig ihre vertraute Umgebung verlassen. Wenn sich unter den Zuschauer welche befinden, denen noch das gleiche Schicksal bevorsteht, und sie sich darüber im klaren sind, würden sie nur unnötig gewarnt werden. Nein, wir müssen uns vorsichtig an sie herantasten. Aber vielen Dank nochmals für Ihre Mithilfe."
Dann verabschiedeten sich die beiden Agenten von der Schauspielerin, die vor ihnen die Bühne betrat. Draußen im Saal schrien sich Hunderte von Fans die Seele aus dem Leib.

- - -

Je später es wurde, desto mehr Trekkies verließen die Convention. Oder vielmehr versuchten sie den abgegrenzten Bereich zu verlassen, wurden dabei jedoch von zwei Reportern des Time Magazines aufgehalten. Gerade eben schulterte ein Fan seine Kameratasche, als er unverhofft angesprochen wurde.
"Entschuldigen Sie bitte. Mein Name ist Dana Scully vom Time Magazine. Wir machen eine Reportage über Star Trek-Fans. Sagen Sie, wie fühlen Sie sich als Trekkie?"
"Was soll ich darauf antworten?" fragte der überraschte Fan zurück. "Es ist toll, unter so vielen Gleichgesinnten zu sein. Ich fühle mich dann nicht so allein auf der Welt mit meinem Hobby."
"Heißt das, daß Sie sich einsam fühlen?" lauerte Mulder.
"Nein, eigentlich nicht. Aber meine Bekannten aus nächster Umgebung sind keine Trekker und haben kein Verständnis für meine Neigung. Wie würden Sie denn reagieren, wenn sie auf jemanden stoßen würden, der in einer Sternenflottenuniform durch die Gegend rennt?"
Mulder zuckte mit den Schultern. "Ich würde sein Verhalten respektieren. Wenn es ihm Spaß macht... Aber um noch einmal auf Sie zurückzukommen. Verspüren Sie als Trekkie nicht den Wunsch, selbst einmal zu den Sternen zu reisen?"
Der Fan mußte laut lachen. "Du meine Güte, was für eine Frage. Welcher Trekkie hat nicht diesen Wunsch? Aber solche Reisen liegen wohl noch weit in der Zukunft."
Damit schickte er sich an, die beiden Reporter zu verlassen. "Entschuldigen Sie bitte, aber meine Freunde warten schon auf mich."
Als er sich entfernt hatte, begann Scully an ihrem Vorgehen zu zweifeln. "So kommen wir doch nicht weiter. Wir können doch nicht jeden Trekkie befragen."
"Deshalb sollten wir uns auf Personen konzentrieren, die einen traurigen oder in sich gekehrten Eindruck machen."
"Na toll. Manche der Leute sehen ja noch regelrecht weggetreten aus. Wie sollen wir die von Traurigen unterscheiden?"
"Aber Scully, Sie haben doch Psychologie studiert. Strengen Sie sich mal an."
Die Agentin hatte keine besondere Lust, sich auf eine Diskussion über mögliches Erkennen von Geisteszuständen bestimmter Personen anhand ihres Gesichtsausdrucks einzulassen und musterte weiter die Fans, die sich auf dem Heimweg befanden.
Sie mußte nicht lange warten, als Mulder offenbar wieder eine Befragung starten wollte und einem etwa zwanzigjährigen Mädchen, welches völlig ohne Verkleidung war, in den Weg trat.
"Einen Augenblick bitte. Wir sind vom Time Magazine und möchten Ihnen gerne einige Fragen stellen."
Täuschte sich Scully, oder war die Angesprochene bei Mulders Worten mehr als erschreckt zusammengezuckt. Auch glaubte sie in den Augen des Mädchen etwas zu erkennen, was sie am ehesten als Furcht oder vielmehr als Mißtrauen bezeichnen würde.
"Was wollen Sie denn wissen?" fragte es und musterte die beiden Agenten aufmerksam.
Überrascht schaute Scully zu Mulder, als dieser offenbar aufs Ganze gehen wollte und direkt mit den Tatsachen herausrückte.
"Wir haben gehört, daß in letzter Zeit aus unerklärlichen Gründen Menschen spurlos verschwinden. Und alle diese Leute hatten mit Ihnen etwas gemeinsam. Sie waren Star Trek-Fans."
Diesmal war das Zucken in dem Gesicht der anderen überdeutlich, und augenblicklich wurde den FBI-Agenten klar, daß dieses Mädchen etwas wußte. Überraschend schnell hatte es sich wieder unter Kontrolle und setzte sogar ein Grinsen auf.
"Soso, die verschwinden also einfach. Und wohin, wenn ich fragen darf?"
"Das wissen wir eben nicht. Seltsamerweise sind die Räume, aus denen sie verschwinden meistens von innen verschlossen. Haben Sie eine Ahnung, wie so etwas möglich ist?"
"Ich?!" Den Kopf nach hinten werfend lachte ihre Gesprächspartnerin lauthals los. Eine Spur zu natürlich, bemerkte Scully. "Wie sollte ich? Ich bin doch nur ein Trekkie und kein Experte für unerklärliche Phänomene. Fragen Sie doch mal einen Parapsychologen. Vielleicht sind Ihre Leute von Geistern geholt worden."
Wieder grinste sie etwas zu künstlich über ihren vermeintlichen Witz, drehte sich dann kopfschüttelnd um und ging an den beiden Agenten vorbei. "Was sich die Reporter so alles einfallen lassen um uns Trekkies auf die Schippe zu nehmen..." sagte sie noch leise, aber doch so laut, daß es Scully und Mulder hören mußten. Als sie sich nach einigen Metern nochmals in der Menge umdrehte und zu ihnen hinschaute, zauberte diese Reaktion ein zufriedenes Grinsen auf Mulders Lippen. Schnell wandte sie sich wieder ab und verschwand zwischen den Trekkies.
Der FBI-Agent verlor keine unnötigen Worte mehr und sagte nur: "Hinterher!"

- - -

Sie ahnte, daß sie verfolgt wurde. Seit drei Stunden nun schon, befanden sich die FBI-Agenten auf den Fersen der Unbekannten, die durch ihre Handlungsweise keinen Zweifel darüber offen ließ, daß sie sich beobachtet und beschattet fühlte. Obwohl es mittlerweile Abend und ziemlich dunkel war, wähnte sie sich offenbar nicht in Sicherheit, denn ihre Reise ging durch verschiedene Geschäfte, Bistros und zwei Restaurants Torontos, bis sie schließlich in einem dritten durch den Hinterausgang verschwand. Aber Mulder und Scully waren auf dem Gebiet der Beschattung zu gut ausgebildet, um sich von dem weiblichen Star Trek-Fan austricksen oder gar selbst erkennen zu lassen, und so standen sie im Schatten eines großen Baumes, als das Mädchen sich gehetzt in alle Richtungen umschaute, bevor sie die Tür zu einem Reihenhaus öffnete und darin verschwand.
"Und was machen wir jetzt, Mulder? Ich hoffe, Sie haben sich gemerkt, wo wir hier überhaupt sind."
"Nein, aber ist das so wichtig? Sie können sich ja ein Taxi rufen und den Wagen vom Plaza holen. Ich warte hier solange."
Eine Stunde später hielt ein Auto mit Scully hinter dem Steuer unter dem Baum und Mulder stieg ein.
"Das hat aber lange gedauert. Es ist ganz schön kalt um diese Uhrzeit."
"Tut mir leid, aber ich mußte erst einmal den Weg hierher finden. Gibt es was Neues?"
"Ich habe mir die Namen der Mieter dieses Hauses notiert und bei der Zentrale überprüfen lassen." Mulder klopfte auf die Seite, wo sich sein Handy befand. "Demnach sind hier zwei Frauen unter ihrem Namen gemeldet. Tanja Roberts und Michelle Farez. Ich glaube bei unserer Kandidatin handelt es sich um erstere, denn nachdem sie das Haus betreten hatte, ging im dritten Stock das Licht an. Dort wohnt Tanja Roberts."
"Sind Sie sicher? Was ist, wenn sie noch bei ihren Eltern lebt und deren Wohnung sich ebenfalls im dritten Stock befindet?"
"Unwahrscheinlich." Mulder nahm sein Notizbuch zur Hand und schlug die Seite mit den entsprechende Notizen auf. "Die Mieter der zweiten Wohnung im dritten Stock sind ein junges Ehepaar mit Kleinkindern. Nein, ich glaube bei Ms. Roberts liegen wir richtig."
"Dann wird das jetzt wohl eine längere Beschattung werden. Heute ist Samstag. Wenn wir Pech haben, verläßt sie das restliche Wochenende nicht mehr ihre Wohnung."
"Scully, Scully, wo ist bloß Ihre Beobachtungsgabe geblieben?"
"Mulder, es wird langsam kalt, es ist spät und ich bin müde. Ersparen Sie sich also ihre Bemerkungen und sagen mir, was ich nicht weiß."
"Na ganz einfach. Dieses Mädchen ist doch ein Star Trek-Fan."
"Ja, und?"
"Was glauben Sie, wird ein echter Trekkie morgen wohl machen?"
Augenblicklich wurde der Agentin klar, worauf ihr Kollege hinaus wollte. "Er wird natürlich die Convention besuchen, denn sie dauert bis einschließlich Sonntag."
"Exakt." erwiderte Mulder, verschränkte die Arme im Nacken und lehnte sich in seinem Sitz zurück.
"Hoffen wir nur, daß sie wirklich ein echter Trekkie ist." murmelte Scully. "Warum habe ich übrigens auf einmal das Gefühl, daß wir heute nicht mehr zurück zu unserem Hotel fahren werden?"
Mulder antwortete nicht sondern grinste nur. Scully stellte sich auf eine lange, unbequeme Nacht im Auto ein.

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Als der Wagen davonfuhr, blickte Scully in den Rückspiegel und winkte Mulder grüßend zu, den sie zurückgelassen hatte. Ihre Hoffnung war nicht enttäuscht worden, denn kurz nach 9 Uhr hatte Tanja Roberts das Haus verlassen und sich auf den Weg zur nächsten U-Bahn-Station gemacht. Während sie das Mädchen auf der Convention im Auge behalten sollte - und bei der Gelegenheit mal schnell im Hotelzimmer unter die Dusche springen konnte - wollte Mulder ihre Wohnung untersuchen. Daß er dabei nicht unbedingt auf rechtlichen Pfaden wandeln würde, störte sie nicht weiter. Zu oft schon hatte sie mit ihrem Kollegen Hausfriedensbruch begangen, auch in Ländern, in denen der Einfluß des FBI nicht unbedingt ausreichen würde, sie im Ernstfall aus der Affäre ziehen zu können. Aber solche Dinge übten mittlerweile einen besonderen Reiz auf die Agentin Dana Scully aus.

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Mit einem leisen Klicken wurde das Schloß entriegelt und die Tür öffnete sich. Unbemerkt, so hoffte Fox Mulder jedenfalls, huschte er hindurch und schloß sie ebenso leise wieder. Er drehte sich um, zuckte erschreckt zusammen und wollte gerade wieder fluchtartig die Wohnung verlassen, als er feststellte, daß der Mensch, der keine zwei Meter entfernt vor ihm stand, überhaupt nicht lebendig, sondern nur eine Pappfigur in Lebensgröße war, die zudem noch ein ihm inzwischen ziemlich bekanntes Aussehen hatte. In der Tat starrte er Captain Jean-Luc Picard vom Raumschiff Enterprise entgegen, der seinen Blick furchtlos erwiderte. Mulder sah sich um und stellte verwundert fest, daß nicht nur Captain Picard Gast in dieser Wohnung war, sondern auch die komplette restliche Brückencrew der Enterprise. Wohnung war eigentlich übertrieben, denn er befand sich vielmehr in einem großen Wohn- und Schlafzimmer, welches vollgestopft war mit besagten Pappkameraden. Über dem Bett entdeckte er ein Bord, auf dem sich ebenfalls die Crewmitglieder befanden, diesmal als kleine, kitschige Plastikfiguren in allen möglichen Posen. Mulder mußte unweigerlich grinsen, als er den Miniaturworf in Kampfhaltung und mit gefletschten Zähnen sah. Kitschig war wirklich der richtige Ausdruck für diese Püppchen, aber so war auch vieles andere in diesen Appartement. In der Kochnische fand er Star Trek-Geschirr, Tassen mit den Gesichtern der Hauptfiguren darauf, Teller, auf denen einzelnen Szenen der Serie gemalt waren.
"Du meine Güte, dieser Fan ist wirklich fanatisch." murmelte der FBI-Agent und ging auf den Schreibtisch unter dem Fenster zu, durch das die Strahlen der Morgensonne fielen, und die Utensilien darauf erhellten. Es gab hier tatsächlich nichts, was keinen Bezug zu Star Trek hätte. Selbst die Uhr auf dem Tisch, diente nur als Ständer für ein Enterprisemodell. Als er nach dem Kalender daneben griff, stieß er an das Raumschiff und der obere Teil, die Untertasse, löste sich und fiel begleitet von einem lauten Geräusch nach unten. Mulder erkannte das Geräusch als akustische Beimischung zu den Szenen aus der Serie, in denen die Enterprise auf Warpgeschwindigkeit beschleunigte. Innerlich fluchend hielt er den Atem an und fragte sich, ob das Getöse auch von draußen gehört werden konnte, doch als sich dort nichts tat, fuhr er mit seiner Untersuchung fort und blätterte durch die Seiten des Kalenders. Eigentlich war Tanja Roberts ein recht hübsches junges Mädchen und er hatte erwartet, daß der Kalender voll von Terminen mit Männerverabredungen war, oder daß sich zumindest einige davon hier finden lassen würden, doch er wurde enttäuscht. Die einzigen Termine, die er fand, deuteten darauf hin, daß Tanja irgendwo im Schichtdienst arbeitete und ihre Dienstzeiten hier eintrug. Darüber hinaus gab es in der Vergangenheit nicht einen einzigen Termin, der einen persönlichen Tag, wie den Geburtstag der Mutter oder des Vaters oder eines Freundes, dargestellt hätte. Es schien, als sei Tanja ganz allein auf der Welt, und Mulder sah auf, und ließ seinen Blick über die Regale schweifen, wo man normalerweise das Foto eines geliebten Menschen finden konnte, doch hier war nichts - außer etlichen Bildern der Star-Trek-Charaktere oder der Schauspieler. Das heutige Wochenende war in dem Kalender ebenfalls gekennzeichnet. 'Jonathan und Marina' stand groß und unterstrichen darin. Mulder wollte schon den Kalender beiseite legen und ließ die restlichen Blätter mehr unbewußt durch seine Finger gleiten, als er über einen weiteren Termin stolperte. Es war der 15. November, der besonders dick eingekreist war, ohne mit einer näheren Erklärung versehen zu sein. Aufmerksam geworden, verfolgte er die anderen Termine bis zu diesem Datum und stellte fest, daß bis zum 12. November gewissenhaft die Zeiten von Tanjas Schichtdienst eingetragen waren, aber nach dem 15. nicht mehr ein einziger Termin existierte. Im ersten Moment dachte Mulder daran, daß das Mädchen ab diesem Datum Urlaub hatte, doch irgend etwas sagte ihm, daß besagter Tag von größerer Bedeutung war. Fox Mulders manchmal außergewöhnlicher Instinkt schlug an.

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Toronto, Madigan Street, 12. November 1995

Der kleine, untersetzte Mann mit Halbglatze ging mißmutig auf sein Büro zu. Schon von weitem konnte er seinen Chef und Fabrikleiter Frederic Pirot mit zwei weiteren Personen, einem Mann und einer Frau, durch die Glaswände erkennen. Das Geratter und Surren der ihn umgebenden Nähmaschinen verschluckte sein Gezeter. "Schon wieder irgendwelche Veränderungen, oder was? Die blöden Penner sollen sich um ihren eigenen Dreck kümmern, anstatt die Nase in Dinge zu stecken, die sie nichts angehen." Nur zu gut waren ihm noch die letzten Auflagen in Erinnerung geblieben, welche vom Firmenvorstand gemacht worden waren. "Ist den Herrschaften die Produktion immer noch zu gering? Müssen wir wieder Sonderschichten fahren?"
Als er die Tür öffnete, setzte er sein bestes Lächeln auf und nichts deutete auf seine miese Laune hin.
"Ah, Monsieur Janus, wie schön," sagte Pirot und wandte sich zu den Fremden, "darf ich Ihnen einen unserer Schichtführer vorstellen? Monsieur Janus, das sind Mr. Mulder und Ms. Scully, vom amerikanischen FBI. Sie ermitteln in einem internationalen Fall und bitten um unsere Mithilfe."
Janus zog eine Augenbraue nach oben. "Das FBI? Hier in Toronto, bei uns? Was wollen Sie denn hier?"
"Die Beiden haben eine Frage zu einer unserer Mitarbeiterinnen, Tanja Roberts. Mademoiselle Roberts hat doch heute in Ihrer Schicht gearbeitet." Janus hatte den Eindruck, als sei Pirot besonders zuvorkommend und hilfsbereit.
"Das ist richtig, aber sie ist schon gegangen. Hat bereits Feierabend. Warum? Was ist mit ihr?"
"Mr. Janus," die ihm als Ms. Scully vorgestellte FBI-Agentin wandte sich an ihn, "ist Ihnen in letzter Zeit etwas Ungewöhnliches an Ms. Roberts aufgefallen? Hat sie sich irgendwie auffällig benommen?"
"Auffällig benommen?" Janus verzog verächtlich die Mundwinkel. "Wenn Sie mich fragen, ist die Roberts verrückt, total bescheuert. Heute saß sie doch glatt 5 Minuten vor ihrer Nähmaschine und war weg, völlig abgetreten. 5 Minuten hat die gepennt. Aber das ziehen wir ihr alles vom Lohn ab, Monsieur Pirot."
"Jaja," der Fabrikleiter hob beschwichtigend die Hände, "das regeln wir schon irgendwie. So streng sind wir doch gar nicht zu unseren Mitarbeitern."
Janus wollte schon lospoltern, daß es solche Träumereien in seiner Schicht nicht gab, als ihn ein warnender Blick seines Bosses davon abhielt.
"Schon richtig." murrte er statt dessen. "Eine kleine Pause können die schon mal machen."
"Also ist es normal, wenn Ms. Roberts gelegentlich, wie soll ich sagen, in Gedanken versunken ist?"
"Ob es normal ist?" Jetzt war es doch um die Fassung des Schichtleiters geschehen. "Um es mal deutlich zu sagen: eine blöde Kuh ist das. Gestern noch habe ich sie zurechtgewiesen, als sie wieder einmal mit offenen Augen schlief, und wissen Sie, was die mir antwortete? Die sagte doch glatt: 'Nicht mehr lange, und Sie sind mich los.'"
"Und wie haben Sie das verstanden?" wollte Mulder wissen. "Glauben Sie, daß Ms. Roberts eine neue Stelle gefunden hat?"
"Die und eine neue Stelle?!" schnaubte Janus verächtlich. "Hah, die kann doch froh sein, wenn sie weiter bei uns arbeiten darf, nicht wahr, Monsieur Pirot?"
Der Angesprochene sagte nichts und starrte seinen Untergebenen nur mit böse funkelnden Augen an, was diesen an sein offenbar nicht wunschgemäßes Verhalten erinnerte.
"Wie dem auch sei," sagte Mulder, "wir haben Mr. Pirot auch nach den Schichtplänen gefragt, aber er konnte uns nicht helfen. Können Sie uns die nächsten Dienstzeiten von Ms. Roberts nennen?"
"Natürlich kann ich das. Hab' ich alles im Kopf. Die hat jetzt zwei Tage frei und muß am 15. wieder antanzen. Pünktlich um sechs, wie sich das gehört."
Scully und Mulder warfen sich einen vielsagenden Blick zu, was Janus nicht entging.
"Ist daran etwas komisch? Worum geht es denn überhaupt? Hat die Tussi etwas ausgefressen?"
Scully warf dem untersetzten Mann einen tödlichen Blick zu. "Vielen Dank, Mr. Janus," sagte sie in einem Ton, der frostiger nicht hätte sein können, "Sie waren wirklich äußerst charmant und zuvorkommend."

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Toronto, Banff-Street, 15. November 1995

Ein Finger malte Strichmännchen auf die beschlagenen Innenseiten des Autofensters, welche gleich darauf mit einem Tuch trockengewischt wurden.
"Tja, Scully, so ist das Agentenleben. Nichts als beobachten, recherchieren, warten."
"Aber warten worauf? Ich meine, während wir hier im Auto sitzen, könnte ja schon alles gelaufen sein. Vielleicht sitzen wir heute Abend noch hier, ohne das geringste Anzeichen für einen ungewöhnlichen Augenblick mitbekommen zu haben. Wir wissen doch überhaupt nicht, worauf wir achten sollen. Oder glauben Sie, daß irgendwann heute ein UFO landen wird, um Tanja Roberts einzuladen? Überhaupt, Mulder, was glauben Sie eigentlich? Sie haben mir bislang noch nicht einmal eine Theorie angeboten."
Fox Mulder betrachtete aufmerksam die Linien seiner rechten Hand, und es dauerte einen Augenblick, bis er antwortete. "Ich möchte glauben, Scully. Aber noch viel lieber möchte ich wissen. Ich verzehre mich nach diesem Wissen, ich fiebere der Wahrheit entgegen, die mir und auch Ihnen nur allzuoft schon vor der Nase entkommen ist. In diesem Fall weiß ich noch nicht einmal, an was ich glauben soll. Ich glaube, nein ich hoffe nur, daß heute etwas geschieht, was mich wissen läßt."
"Aber dann dürfen wir doch nicht hier im Auto sitzen. Wenn etwas geschieht, dann dort oben im dritten Stock. Dort oben wird vielleicht wieder ein Mensch verschwinden, und Sie werden es verpassen."
"Sollen wir das Mädchen bitten, dabeisein zu dürfen? Sollen wir einfach hingehen und an der Wohnungstür klingeln?"
Scully sah ihm fest in die Augen. "Genau das. Wir gehen jetzt zu Tanja Roberts hin und bitten sie um Aufklärung. Wir bitten Sie, uns die Wahrheit mitzuteilen."
Fox Mulder sah seine Kollegin ungläubig an, doch ihr ernster Gesichtsausdruck und die Entschlossenheit darin verliehen ihm eine unglaubliche Zuversicht.
"In Ordnung, Special Agent Dana Scully, wir gehen jetzt da rauf und holen uns die Wahrheit." Das Warten hatte ein Ende.

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Zunächst einmal. Denn einen kurzen Augenblick später standen sie vor der Tür zu Tanja Roberts Appartement und niemand öffnete, obwohl Scully nun schon zum vierten Mal die Türklingel betätigte und auch energisch anklopfte.
"Sie muß dasein, oder wir wären lausige Beschatter." sagte Mulder und hämmerte ebenfalls gegen die Tür. "Öffnen Sie bitte, hier ist die Polizei." log er, ohne rot zu werden. Geöffnet wurde eine Tür, ja, aber es war die Tür zur gegenüberliegenden Wohnung, wo ein kleiner Junge durch den Türspalt nach draußen lugte und sie schnell wieder zuklappen ließ, als sich die beiden Agenten nach ihm umdrehten.
"Verdammt", sagte Mulder und kramte die Hilfsmittel aus seiner Manteltasche, die ihm schon einmal Zutritt zu dem Appartement verschafft hatten, "wir machen ja alle anderen Leute auf uns aufmerksam."
Blitzschnell knackte er wiederholt das Schloß und die FBI-Agenten traten ein. "Ms. Roberts," rief Mulder, noch während er die Tür hinter ihnen schloß, "entschuldigen Sie unser Eindringen, aber wir dachten, es sei Ihnen etwas passiert." Keine Antwort.
"Ms. Roberts, hallo, sind Sie da?" rief auch Scully und schaute sich suchend um, während Mulder an den Pappfiguren, von denen er seiner Kollegin bereits erzählt hatte, vorbei zum Badezimmer ging und es einen Moment später wieder verließ.
"Nichts." meinte er bedauernd und zuckte mit den Schultern. "Sie ist weg. Entweder haben wir geschlafen und sie ist uns entwischt, oder sie hat sich, wie alle anderen auch, bereits in Luft aufgelöst."
In der Spüle der Kochnische befand sich benutztes Geschirr, welches aber auch von anderen Tagen sein konnte, und das Bett in einer Ecke des Raumes war nicht gemacht. Scully fiel der verschlossene Koffer davor auf. "Sehen Sie mal Mulder! Offenbar wollte Tanja verreisen." Ihr Kollege kam näher, und gemeinsam öffneten sie die Verschlüsse. Die Gegenstände in dem großen Reisekoffer ließen Mulder ins Grübeln geraten. Wollte man eine Reise, eine Urlaubsreise zum Beispiel, machen, hätte man Kleidungsstücke eingepackt, ein paar Handtücher vielleicht, Zahnbürste und Kamm, aber nichts von dem war in dem Koffer zu finden. Statt dessen war er gefüllt mit persönlichsten Gegenständen. Sie fanden zwei Fotoalben darin, einige Schmuckstücke, die vom Stil her nicht zu einem jungen Mädchen paßten, einen Packen Briefe, die mit einer Schnur zusammengebunden waren, Kassetten, aber ohne Kassettenrecorder, sowie ein paar Sachen, die wahrscheinlich nur für Tanja Roberts eine Bedeutung haben mochten.
"Wenn diese Sachen sich nicht schon immer in dem Koffer befanden, sondern erst kürzlich für eine Reise hineingetan wurden, dann..."
"...dann wollte das Mädchen auf eine Reise ohne Wiederkehr gehen." vollendete Scully den Satz.
Was dann geschah, ging so schnell, daß die Agentin kaum Zeit hatte, es richtig zu verarbeiten. Ein Geräusch hinter ihnen veranlaßte sie sich umzudrehen, und was sie sah, ließ ihr den Atem stocken. Dort wo sich die Tür zum Badezimmer befunden hatte, war nun ein hell funkelndes Etwas, bei dessen Anblick sie die Augen zusammenkneifen mußte, um nicht geblendet zu werden. Durch diese gleißende Wand betrat soeben Tanja Roberts das Zimmer, blieb mit ungläubigem Gesichtsausdruck wie vor einen Abgrund gelaufen stehen, um sich mit spitzem Aufschrei auf der Stelle umzudrehen und dorthin zurückzuspringen, von wo sie gekommen war. Das grelle Leuchten der Wand wurde schwächer, und sie schien in sich zusammenzufallen, doch bevor sie vollständig verschwunden war, sauste ein dunkler Schatten an ihr vorbei und tauchte in das pulsierende Ding ein. Fassungslos sah Scully auf Mulders Schuhsohlen, die als letztes von ihm zu sehen waren, während auch sie jede Furcht verdrängend nach vorne auf das seltsame Gebilde zustürmte und zu erreichen versuchte. Doch bevor sie es berühren konnte, löste es sich in Nichts auf, und sie krachte der Länge nach auf die Fliesen des Badezimmers.
"Mulder." flüsterte Dana Scully, immer noch nicht in der Lage, klar denken zu können. Als sie sich mit schmerzenden Knien aufrappelte, war es nicht das Gesicht Fox Mulders, in das sie blickte, sondern sie schaute hinauf zum Antlitz des Androiden Data und glaubte zu sehen, wie die Pappfigur hämisch grinste.

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Das Ziehen, Kribbeln und Kitzeln jeder einzelnen Faser seines Körpers wollte kein Ende nehmen. Fox Mulder fühlte sich, als würde er vollständig taub werden, wie man es schon einmal hat, wenn ein Bein oder Arm einschläft, aber dieses Gefühl schloß seinen Körper vollständig ein. Dabei währte der Eindruck nur einen ganz kurzen Augenblick, dann donnerten seine ausgestreckten Arme gegen ein Hindernis, und es knackste häßlich, als sein rechtes Handgelenk verstauchte. Aber auch sein Kopf blieb nicht verschont. Es polterte dumpf, als Schädelknochen und Hindernis aufeinanderprallten und er benommen daran zu Boden ging. Aber seine Instinkte ließen ihm keine Zeit, sich dem Schmerz hinzugeben, wie er es in einem solchen Moment vielleicht getan hätte, viel zu groß war die Aufregung und das Klopfen seines Herzens. Mühsam und stöhnend rappelte er sich auf, blieb mit zitternden Knien stehen, und sah 20 Meter weiter gerade Tanja Roberts in der Biegung des Korridors verschwinden, in dem sie sich befanden. Schnell sah sich Mulder nach allen Seiten um, und bemerkte den Einschnitt in der Wand und die metallisch schimmernde Platte auf dem Boden, dort, wo der Übergang zu diesem fremden Ort stattgefunden hatte.
Unwillkürlich schoß ihm der Gedanke an eine Art Transmitter oder Dimensionstor durch den Kopf, was ihm einen Schauer den Rücken hinunterjagte. Er taumelte, immer noch mit dem Schmerz und der Benommenheit kämpfend, in die Richtung, in der Tanja verschwunden war. Der Gang kam ihm seltsam vertraut vor, und er war sich sicher, ihn schon einmal irgendwo gesehen zu haben. In regelmäßigen Abschnitten führten Türen zu seiner Linken in wohl dahinterliegende Räume. Als auch die rechte Seite des Ganges durch ein Fenster unterbrochen wurde und er hinaussah, stockte ihm unwillkürlich der Atem. Auch wenn er es nicht zu hoffen gewagt hatte, schien es doch Wirklichkeit zu sein. Der Ort, wo er sich befand, war mit Sicherheit nicht mehr auf dem Planeten Erde. Fox Mulder schaute hinaus in die Unendlichkeit des Weltalls.

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Der stechende Schmerz, der durch sein Handgelenk fuhr, als er sich an den Kopf gegriffen und diesen fassungslos geschüttelt hatte, riß ihn von dem Fenster und dem dahinterliegenden Anblick weg. Aber auch als er seine unmittelbare Umgebung erneut musterte, wollte seine Fassung nicht zurückkehren - im Gegenteil. War er vor einem kurzen Augenblick noch der Meinung gewesen, der Boden des Ganges sei mit Teppichboden ausgelegt, starrte er jetzt auf einen schwammigen, dunklen Untergrund. Aber ehe er sich versah, stierte er wieder auf Teppichboden.
"Was geht hier vor?" flüsterte er und fuhr sich mit der Linken über das Gesicht. "So benommen kann ich doch gar nicht mehr sein. Außerdem...stinkt es hier."
Erst jetzt nahm Mulder den penetranten Geruch wahr, der den Korridor erfüllte. Was ihm vorhin in der Aufregung nicht bewußt geworden war, machte ihm nun um so mehr zu schaffen. Er konnte den Gestank einfach nicht aushalten und begann regelrecht zu würgen. Als er an der nächsten Tür vorbeikam, wollte er sie öffnen und hoffte, daß dahinter eine bessere Luft herrschen würde. Doch als er seinen Blick der Tür zuwandte, um einen Öffnungsmechanismus zu finden, zog er seine bereits ausgestreckte Hand blitzschnell wieder zurück. Das war keine Tür mehr, die er hätte öffnen können. Das, was er soeben noch als eine solche zu erkennen geglaubt hatte, sah nun eher wie ein überdimensionaler Wackelpudding aus, der blubberte und zitterte und ein Eigenleben zu haben schien. Auch der schwammige Boden war auf einmal wieder da und Mulder begann an seiner Wahrnehmungsfähigkeit zu zweifeln. Nur als er durch ein weiteres Fenster, welches überhaupt nicht mehr so wie das erste Fenster aussah, nach draußen schaute, konnte er weiterhin die Sterne ausmachen. Panik drohte sich in ihm breit zu machen, und als er seine Aufmerksamkeit wieder dem Korridor zuwandte, begann Mulder seltsam zu kichern, denn keine vibrierenden Türen oder Böden mit Löchern sah er, sondern glatte Wände und ausgelegten Teppichboden. Mit einem Mal wußte er, warum ihm der Gang so vertraut vorkam. Er hatte ein exaktes Ebenbild schon einmal gesehen, und zwar in den vier Star Trek-Filmen, der er sich angeschaut hatte. Mulders Kichern wurde lauter als er den Schluß seiner Beobachtung zog. Er mußte sich an Bord des Raumschiffs Enterprise befinden.

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Der FBI-Agent hatte keine Zeit, weitere Schlüsse oder Spekulationen zu ziehen, denn augenblicklich war die Enterprise wieder verschwunden. Oder vielmehr der Gang von ihr, in dem er sich befand und der nun offenbar vollständig sein eigentliches Aussehen offenbarte. Als wenn er aus einem schlechten Traum aufwachte, fiel das, was er als Benommenheit registriert hatte, vollständig von ihm ab. Sein Bewußtsein war so klar, wie schon lange nicht mehr, und es gab nun keinen Zweifel mehr für ihn, daß dieses Raumschiff, wenn es denn eines war, nicht die Enterprise sein konnte. Nicht nur die Türen, sondern auch die Wände pulsierten und bewegten sich. Von der Decke hingen tentakelähnliche Gebilde herab, wogten hin und her und schienen etwas zu suchen. Hastig machte er einen Schritt zur Mitte des Ganges hin, um der rechten Wand nicht allzunahe zu kommen. Doch dann siegte seine grenzenlose Neugier und vorsichtig streckte er seine Hand aus und berührte mit einem Finger die Oberfläche. Sie wich vor ihm zurück, zog sich zusammen, so als würde man eine Schnecke berühren, deren Hautporen sich schlossen.
Der Geruch drang nun derart intensiv auf Mulder ein, daß er nichts gegen die Reaktion seines Körpers tun konnte, und sich würgend übergeben mußte. Er holte ein Taschentuch aus seinem Sakko und preßte es sich auf Mund und Nase, nachdem er nicht mehr von Krämpfen geschüttelt wurde.
Gehetzt sah er sich um. Wo sollte er hinlaufen? Wie kam er zurück? Fox Mulder mußte machtlos mit ansehen, wie die Beherrschung seiner Angst zu schwinden begann, doch bevor ihn die immer stärker werdende Panik zu überwältigen drohte, wurde sie von dem, was sich plötzlich vor ihm im Gang tat, verdrängt.
Tanja Roberts kam zurück, gefolgt von einigen anderen Leuten und sofort wußte Mulder, daß es sich um die vermißten Trekkies handelte, denn sie waren alle mit Sternenflottenuniformen der verschiedenen Farben bekleidet. Nur das Wesen, dessen Anblick von Tanja und ihren Freunden verdeckt wurde, war mit Sicherheit kein Trekkie im herkömmlichen Sinn. Es war ja noch nicht einmal ein Mensch, und als es sich einen Weg durch seine mittlerweile stehenden Begleiter bahnte, kam ein gequälter Aufschrei über Mulders Lippen.
Das Alien - ein anderer Name kam ihm überhaupt nicht in den Sinn - überragte die Menschen um Haupteslänge. Das an sich wäre ja nun noch nicht schlimm gewesen, aber es sah einfach fürchterlich aus. Der melonenförmige, nach hinten wegfließende Kopf war völlig haarlos, dafür aber mit Tausenden von feinen Adern durchzogen. Seine Arme reichten dem Wesen bis zu den Kniekehlen, und an deren Enden befanden sich keine Hände, sondern regelrechte Klauen, wobei diese aus drei Tentakeln bestanden und dort, wo sich bei einem Menschen Daumen und Zeigefinger befanden, zwei krebsähnliche Scheren waren. Der oder die Fremde, das ging aus keinem anatomischen Merkmal hervor, hatte zwei riesige dunkle Augen, einen langgezogenen Schlitz als Nase und einen vergleichsweise kleinen, schmalen Mund, durch den ein hohes, zischendes Geräusch zu hören war, und aus dem offenbar ständig ein dünnes Rinnsal von Speichel den vollständig nackten Körper hinunterfloß, um von dem Boden regelrecht aufgesogen zu werden. Das Entsetzlichste jedoch waren die durchsichtigen Arme und Beine des Aliens, oder vielmehr das, was Mulder in ihnen erkennen konnte. Wie bei einem Menschen hatte es so eine Art Knochengerüst, deren einzelne Partien in den Armen und Beinen deutlich sichtbar waren, während der eigentliche Körper durch chitinähnliche Panzerplatten geschützt war. Auf den Knochen nun tummelte sich weiteres Leben, und die Gewißheit über das, was Mulder dort einwandfrei zu erkennen glaubte, trieb ihm den Schweiß auf die Stirn. Wie über Baumäste rasten kleine Käfer über die Knochen des Alien und gingen geschäftig einer für ihn unverständlichen, ja unvorstellbaren, obwohl sichtbaren Tätigkeit nach.
Als Mulder seinen Blick auf die linke Schulter des Wesens lenkte, war von seiner Fassung nahezu nichts mehr übrig geblieben. Dort hockte ein zweites Alien, ob intelligent oder nicht hätte er nicht zu sagen vermocht, einer irdischen Meeresqualle nicht unähnlich. Das Ding hatte ebenfalls nur einen glitschigen Ring als Körper, aus dem etliche Tentakel kamen, mit dem es sich auf seinem Wirt festhielt. Ein besonders langer Ausleger hatte sich um den dürren Hals des Großen geschlungen.
Dieser schickte sich gerade an, seinen Begleiter vor der Schulter zu nehmen, und als Mulder zu wissen glaubte, daß das Alien die Qualle auf ihn, Mulder, werfen wollte, drehte er sich schreiend auf der Stelle um, und rannte in die andere Richtung des Korridors davon. Das Monster folgte ihm.

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Agent Mulder kam nicht weit. Irgend etwas schoß von oben auf ihn herab, schlang sich um seine Beine und brachte ihn zu Fall. Er schrie, schlug um sich, wälzte sich auf dem Boden, doch je mehr er sich wehrte, desto stärker wurde er gepackt. Sein Gegner war einer der von der Decke herabzuckenden Tentakel, der zu beachtlicher Länge ausgefahren war. Ein zweiter kam ihm zur Hilfe und ehe sich Mulder versah, lag er auf dem Rücken, von zwei Tentakeln verschnürt wie ein Weihnachtsgeschenk.
Dann stand das Monster über ihm, beugte sich herab und Geifer tropfte auf sein Gesicht. Mulders Geist zog sich zurück. Eine tiefe Ruhe machte sich in ihm breit und trug sein Bewußtsein fort in eine beschützende Gleichgültigkeit. Wie durch einen Schleier sah er die Qualle auf sein Gesicht fallen, spürte ihre feuchte, klebrige Haut und doch machte es ihm überhaupt nichts aus. Er nahm die anderen Gesichter, menschliche Gesichter wahr, die sich in sein Gesichtsfeld schoben und verzog den Mund zu einem Lächeln, welches freilich niemand sah, weil die Qualle darüber hockte.
Dann gab es einen Stich an seinem Hals, breitete sich von dort eine Hitze aus, die seinen Körper durchflutete. Als sie über seinen Kopf schwappte, versank die Umgebung in hellem Licht und Mulders Bewußtsein erlosch.

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Mit einem lauten Schlag knallte der Androide Data auf den Boden, was ihn jedoch völlig gefühlskalt ließ.
"Du grinst mich nicht mehr so blöd an." Dana Scully schenkte dem auf dem Rücken liegenden Pappkameraden keinerlei Beachtung mehr und ging statt dessen nervös in dem Zimmer auf und ab, aus dem jetzt nicht mehr nur ein junges Mädchen, sondern auch ihr Partner und Freund Fox Mulder verschwunden war.
Die seltsame Wand, durch die Mulder möglicherweise eine fremde Welt betreten hatte, zeigte sich nicht mehr. Und auch wenn sie noch einmal erschienen wäre, hätte Scully nicht gewußt, ob sie tatsächlich, so wie sie es in einer ersten Reaktion vor etwas mehr als sechs Stunden hatte tun wollen, durch dieses Tor getreten wäre.
Sechs Stunden wartete sie nun schon auf etwas, was hier vielleicht nie wieder auftreten würde. Aber was blieb ihr anderes übrig? Sollte sie zurück in die Staaten kehren? Welchen Eindruck würde ihr Bericht bei den Vorgesetzten erwecken? 'FBI-Agent Fox Mulder vor den Augen seiner Partnerin in andere Dimension gegangen.' Das war eine Aussage, die bei keinem auf Akzeptanz gestoßen wäre. Statt dessen würden sie eher glauben, sie, Scully, hätte Mulder aus irgendwelchen Gründen aus dem Weg geräumt.
Nein, sie wollte warten. Wollte hoffen, daß Mulder noch lebte und ausharren, würde es auch eine Woche dauern.
Doch das Schicksal meinte es gut mit Dana Scully. Kaum hatte sie ihre Entscheidungen gefällt, deutete sich das Erscheinen jener unvorstellbaren glitzernden Wand an. Erst langsam, dann immer schneller kristallisierte sich aus dem Nichts heraus dieses Leuchten und Funkeln, bis die Agentin ihre Augen abdecken mußte, um noch weiterhin den Dingen entgegenzuschauen, die da auf sie zukamen. Nun, es war ein Mensch, der aus dem Licht trat und konkrete Formen annahm. Formen, die ihr nur allzu vertraut waren.
"Mulder!" rief sie aufgeregt und erleichtert.
Der FBI-Agent war stehengeblieben und kam nicht näher.
"Mulder, was ist mit ihnen?" Sie mußte immer noch die Augen zusammenkneifen, um ihren Partner genauer erkennen zu können, der mit dem Rücken zu der Lichtwand stand und dessen Gesicht im Dunkeln lag.
"Kommen Sie, Scully." Er streckte den Arm aus und hielt ihn ihr entgegen. "Kommen Sie. Ich nehme Sie mit auf eine phantastische Reise."
Skeptisch blickte sie auf die ihr dargebotene Hand und fragte sich, was sie von diesem Angebot zu halten hatte.
"Ist alles in Ordnung?" fragte sie mißtrauisch.
"Ja, es ist alles gut. Sie brauchen keine Angst zu haben." Mulders Stimme klang leise und beruhigend. Und doch fürchtete sich die kleine Frau. Etwas riet ihr zur Vorsicht. Ihr Instinkt warnte sie vor leichtsinnigen Reaktionen.
"Was haben Sie dort mitgebracht?" fragte sie und deutete auf die Box oder Schachtel, die Mulder unter den anderen Arm geklemmt hatte.
"Das brauchen Sie für die Reise." meinte er. "Kommen Sie, Scully, ich bin doch bei Ihnen. Sie gehen mit mir, nicht mit einem Fremden."
Sie trat etwas näher an ihn heran, so daß sie besser sein Gesicht erkennen konnte. Seine ausgestreckte Hand berührte fast ihre Brust. Ja, es war ohne Zweifel Fox Mulder, der ihr gegenüberstand und sie zuversichtlich und klar anlächelte. Scullys Zweifel schwanden dahin.
"In Ordnung, lassen Sie mal sehen."
Mulder zog seinen Arm zurück, nahm die Schachtel in seine Hände und öffnete den Deckel. Neugierig beugte sich Scully darüber und war enttäuscht von dem, was sie sah. In der Box war nur etwas, das wie ein großer, gelber Wackelpudding aussah.

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Mühsam und nur durch größte Willensanstrengung öffnete er die Augen. Verschwommen nahm er seine Umgebung wahr, stützte sich auf den Unterarm und stellte fest, daß er auf einer Art Bahre lag. An den Wänden um ihn herum befanden sich elektronische Anzeigetafeln, die für ihn unverständliche Werte darstellten. Vor einem Eingabepult standen mit dem Rücken zu ihm zwei Personen, Menschen, die in eine Sache vertieft zu sein, da sie ihn nicht beachteten.
Fox Mulder ließ seine Füße zu Boden gleiten, richtete sich auf und konnte das Stöhnen nicht verhindern, welches angesichts des üblen Schwindelgefühls über seine Lippen kam und dadurch die beiden Anwesenden auf ihn aufmerksam machte.
"Vorsicht bitte, bleiben Sie doch liegen. Sie sind noch ziemlich schwach auf den Beinen." Die rothaarige Frau, die zu ihm gesprochen hatte, eilte auf ihn zu und packte seinen Arm. "Warten Sie, ich helfe Ihnen."
Mulder konnte nichts gegen die Furcht unternehmen, die sich schlagartig wieder einstellte, als er sich erinnerte, wieso er überhaupt geschlafen hatte, oder vielmehr in Bewußtlosigkeit versunken war.
"Wo bin ich?" stellte er die Frage, die von Hauptdarstellern in schlechten Spielfilmen meistens in einer solchen Situation gestellt wurde. Ihm aber kam sie ganz und gar nicht lächerlich vor.
"Sie sind an Bord eines Raumschiffs. An Bord des Raumschiff Enterprise, um es genau zu sagen."
Mulders Gedanken rasten wie verrückt. Also war seine anfängliche Beobachtung richtig gewesen. Doch er erinnerte sich auch daran, daß diese Enterprise, aus welchem Grund auch immer, ein anderes Aussehen angenommen hatte und überhaupt, mit dem Gedanken, in einem Raumschiff zu sein, konnte er sich ja noch abfinden, aber daß es die Enterprise sein sollte, ein fiktives, erfundenes Gefährt der Fernsehserie Star Trek, entbehrte jeglicher Logik. Als er sich die Frau genauer und mißtrauisch ansah, fuhr ihm ein eiskalter Schauer den Rücken hinunter. Er kannte sie.
"Und Sie sind dann wohl die Bordärztin, Flusher, Trasher, oder so ähnlich."
Ein Lächeln stahl sich auf ihre Lippen. "Crusher, ja, mein Name ist Beverly Crusher."
Da war es wieder. Mit Schrecken beobachtete Mulder wie er anfing zu kichern, ohne diese fast schon irrsinnige Reaktion unter Kontrolle zu haben.
"Verrückt," murmelte er, "ich bin total durchgedreht."
"Seien Sie ohne Sorge. Wir werden Ihnen alles erklären, Mr....?!"
Der FBI löste sich aus ihrem Griff und ging ein paar Schritte auf Distanz. "Mulder." erwiderte er. "Fox Mulder." Dann sah er sich in dem Raum genauer um, ohne die beiden Frauen - auch die zweite Person war weiblich - aus dem Auge zu verlieren.
"Wir reden später weiter." sagte der Mensch, der sich als Beverly Crusher vorgestellt hatte zu der anderen und sie verließ die Krankenstation. Und daß dies hier die Krankenstation war, wußte er durch seine Erinnerung an eine der Star Trek-Folgen, die er sich angeschaut hatte. Seine Gedanken drehten sich im Kreis. Es wollte ihm einfach keine vernünftige Erklärung für das Ganze einfallen, zumal die Frau wirklich wie die Ärztin der Enterprise aussah, oder aber wie die Schauspielerin, die diesen Charakter verkörperte.
"Sie sind also Beverly Crusher." Langsam kam wieder sein außergewöhnlicher Spürsinn für unerklärliche Phänomene durch und verdrängte seine Furcht. "Sie sind also nicht die Darstellerin, die lediglich Beverly Crusher spielt?"
"Gates McFadden?" Die rothaarige Frau schüttelte ihr Haupt. "Nein, die bin ich nicht. Ich bin wirklich Beverly. Aber kommen Sie, ich führe Sie jetzt zur Hauptbrücke. Dort werden alle Ihre Fragen beantwortet."
Täuschte er sich? Mulder hatte für einen ganz kurzen Augenblick den Eindruck gehabt, der Mund der Ärztin habe sich überhaupt nicht bewegt, obwohl er ihre Worte doch einwandfrei gehört und verstanden hatte. Aber wahrscheinlich waren seine Sinne noch nicht vollständig klar, so daß diese Wahrnehmung wohl nur eine Täuschung gewesen sein mußte. Vorsichtig und noch wackelig auf den Beinen tappte er hinter der Frau namens Crusher hinterher.

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Sie gingen durch mehrere Gänge und fuhren sogar mit einem jener Turbolifte aus dem fiktiven Raumschiff Enterprise, und nichts deutete auf das andere Aussehen dieses Gefährts hin, was er jedoch zweifelsfrei gesehen hatte. Immer wieder begegneten ihnen andere Personen, die ihn aufmerksam, aber offen und keineswegs feindselig musterten. Sie waren mit Uniformen gekleidet, die ebenfalls der Fernsehserie entnommen zu sein schienen, und einige der manchmal sehr jungen Leute lächelten ihn an oder nickten ihm aufmuntern zu. Durch sein ziviles Aussehen fiel er sofort unter den Uniformierten auf, und es verriet ihn als Fremden, als Besucher bei den Insassen dieser Enterprise.
Mulder verlangsamte seine Schritte und blieb stehen, als ihnen in einem weiteren Gang ein Mädchen entgegenkam, welches offenbar nur durch Zuhilfenahme von Krücken zu gehen in der Lage war. Auch dieses Gesicht kam ihm bekannt vor und er versuchte sich schnell zu erinnern, wo er es schon einmal gesehen hatte. Dann fiel es ihm schlagartig wieder ein. Das Mädchen war einer der vermißten Trekkies, und er kannte ihr Aussehen von Fotos her. Cassandra Smith, die eigentlich gelähmte Cassandra Smith kam ihm hier entgegen.
"Es dauert noch einige Zeit, bis sie wieder normal gehen kann." Crusher schien seine Gedanken erraten zu haben. "Ihre Muskeln sind völlig unterentwickelt, und sie muß das Gehen erst wieder lernen und trainieren."
Mulder betrachtete das Mädchen aufmerksam. Nichts deutete darauf hin, daß Cassandra Angst hatte, daß sie unfreiwillig hier war oder den Wunsch verspürte, von hier zu entkommen. Konzentriert und verbissen nahm sie ihren Weg, sah ihm auf gleicher Höhe in die Augen und ein strahlendes Lächeln wischte die körperliche Anstrengung aus ihrem Gesicht.
"Hallo", sagte sie, "bist Du ein Neuer? Keine Sorge, Du gewöhnst Dich schnell daran." Dann stelzte sie auch schon an ihm vorbei.
'Woran soll ich mich gewöhnen?' fragte sich Mulder und folgte seiner Führerin weiter, die dabei war, ihren Weg fortzusetzen. Als er sie mehr unbewußt als gewollt von hinten musterte, fiel ihm doch etwas Ungewöhnliches auf. Die rechte Schulter der Ärztin war irgendwie größer, als beulte sich dort etwas unter ihrer Uniform aus, aber als er die Augen zusammenkniff und die Stelle genauer betrachtete, verschwand der Eindruck so schnell wieder, wie er gekommen war.

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Fox Mulder konnte nicht anderes tun, als nur den Kopf zu schütteln. Er befand sich wahrhaftig auf der Hauptbrücke der Enterprise, starrte auf den eingeschalteten Hauptschirm, der ein Bild des Planeten Erde zeigte, in dessen Umlaufbahn sich offensichtlich das Raumschiff befand.
Dann riß ihn Crusher aus seiner Versunkenheit und lenkte seine Aufmerksamkeit auf einen Mann, den er sofort erkannte. "Darf ich Ihnen Captain Picard vorstellen, Mr. Mulder?"
"Freut mich, Sir." Die offene Hand des Captains streckte sich ihm entgegen, und nach einem Augenblick des Zögerns nahm er sie in die seine, erwiderte fest den Druck, bemüht, jede Wahrnehmung seines Tastsinns zu analysieren. Er fühlte nichts besonderes. Es war, als schüttelte er die Hand eines x-beliebigen Menschen. Trotzdem warf er einen kurzen Blick auf seine Handfläche und war überrascht, als er rote Abdrücke darin sah, so als habe er einen harten Gegenstand gedrückt.
"Ich habe von Ihrem überraschten Eintreffen hier an Bord gehört." Picard verhinderte weitere Überlegungen bezüglich seiner Hand. "Nun, sicher fragen Sie sich, was das alles zu bedeuten hat."
"In der Tat, das tue ich." Mulders gesamte Aufmerksamkeit fieberte nun den Worten Picards entgegen. Welche sein Weltbild erschütternde Geheimnisse mochte dieser Mensch gleich enthüllen?
"Um es gleich einmal vorwegzunehmen, ich bin natürlich nicht Captain Picard."
"Sind Sie nicht?" Natürlich konnte es nicht die erfundene Gestalt der Fernsehserie sein, darüber war sich der FBI-Agent sowieso im klaren.
"Nein, aber es vereinfacht unsere Mission erheblich."
"Ihre Mission? Sie sind...".
"Außerirdische, ja." Picard vollendete seinen Satz, und Mulders Kehle wurde mit einem mal völlig trocken.
"Wir kommen von einem Planeten, der dem Ihren, das muß ich sagen, nicht besonders ähnlich ist." Weder Überheblichkeit noch Bedauern schwang in den Stimme des Fremden mit.
"Und was wollen Sie hier? Warum sind Sie hier?"
"Wir sind Reisende, Forscher, die im Universum umherirren, immer auf der Suche nach fremdem, intelligenten Leben."
"Sie irren umher? Das hört sich aber nicht nach einer Reise mit geplantem Ziel an."
Picard lächelte milde. "Mr. Mulder, Sie haben ja keine Ahnung, wie wir reisen."
"Dann sagen Sie es mir doch." Mulders Verstand war bis aufs Äußerste geschärft. Seine Hände fingen leicht an zu zittern. Wie weit würde der außerirdische Besucher bei der Beantwortung seiner Fragen gehen? Würde er technische Geheimnisse preisgeben? Sachen erzählen, die ihm und seinesgleichen vielleicht später einmal zum Verhängnis werden könnten?
"Da brauchen Sie keine Angst zu haben. Selbst wenn ich Ihnen jede Ihrer Fragen bis ins kleinste Detail erläutern würde, könnten Sie oder die Wissenschaftler ihrer Welt damit nichts anfangen."
Mulders Kinnlade klappen nach unten. "Woher wissen Sie, was ich..."
"...denke?" Wieder fiel ihm der Fremde ins Wort. "Nun, es ist tatsächlich so, wie Ihr Satz es ausdrückte. Wir verstehen Ihre Gedanken. Und Sie auch unsere. Wenn Sie mich jetzt in der Stimme des Captain Picard reden hören, dann kommen die Laute gar nicht aus meinem Mund, sondern die Worte formen sich sozusagen direkt in Ihrem Geist. Es ist Ihr und mein Wissen um den Klang der Stimme Patrick Stewarts - ich 'höre', daß Sie mit dem Namen nichts anfangen können, das ist der Schauspieler, der den Captain spielt -, das es ermöglicht, daß Menschen mich in seiner Stimme reden hören."
Der Fremde redete von Telepathie in Vollendung und bewies es Mulder andauernd, daß er sie auch beherrschte.
"Aber warum eine solche Maskerade? Wir sind doch nicht wirklich auf der Enterprise. Warum zeigen Sie Ihr Raumschiff nicht so, wie es tatsächlich aussieht? Warum sehe ich Sie nicht so, wie sie sind? Sie sehen doch ganz anders aus, oder?" Mulder mußte an das Monster denken, welches ihm diese Qualle aufs Gesicht geworfen hatte.
"Sehen Sie, Mr. Mulder, deshalb nicht. War ihr Bewußtsein soeben nicht erfüllt von Ekel, Abscheu und Angst, als sie an unser wirkliches Aussehen dachten? Glauben Sie, die Menschen seien so anpassungsfähig, uns bei unserem Aussehen auf eine lange Reise zu begleiten?"
"Sie wollen diese Leute, diese Trekkies mitnehmen? Etwa gegen ihren Willen?" Mulder mußte an seine Schwester denken, die vor vielen Jahren von Außerirdischen entführt worden war.
"Keine Sorge, Mr. Mulder." Der Fremde hob beschwichtigend seine Arme. "Keiner unserer Gäste ist zwangsweise hier. Niemand wurde in seiner Entscheidung manipuliert, uns auf unserer Reise zu begleiten. Und was die Sache mit Ihrer Schwester angeht...damit haben wir nichts zu tun."
"Ach nein, haben Sie nicht?" Mulder nahm verwundert seinen aggressiven Tonfall zur Kenntnis.
"Wirklich nicht. Glauben Sie mir, wir wären genauso fasziniert, dieses Lichtwesen, wie Sie eines gesehen haben, kennenzulernen."
"Woher wissen Sie von der Entführung?"
"Haben Sie es vergessen?" fragte Picard grinsend. "Alles woran Sie denken, erlebe auch ich.
Mulder fühlte sich absolut unwohl bei der Vorstellung, keinen seiner Gedanken für sich behalten zu können, was ihn aber nicht daran hinderte, weitere Überlegungen anzustellen.
"Das heißt also, daß Sie diese Lichtwesen nicht kennen?"
"Mr. Mulder, die Menschen sind die ersten intelligenten Lebewesen, die wir bisher auf unseren Reisen getroffen haben."

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Fox Mulders Gedanken rasten wie verrückt als er sich die Tragweite der bisherigen Ausführungen Picards verdeutlichte. "Ich muß mich jetzt mal setzen. Sie gestatten?"
Damit ließ er sich in einen freien Sessel der Brücke fallen. Der Captain nahm in dem zweiten Platz.
"Wie ist das nur möglich? Es hörte sich an, als sei es für Sie ein Leichtes, von Stern zu Stern zu reisen. Und dann haben Sie bisher keine weitere Intelligenzen gefunden?"
"Haben Sie eigentlich eine Ahnung von der Anzahl der Sterne da draußen?" Picard zeigte zum Hauptschirm der Enterprise. "Damit Sie es besser verstehen, will ich Ihnen mal einiges erzählen. Allein diese Galaxie besteht aus Tausenden von Milliarden einzelner Sonnen und Sonnensystemen, und das Universum besteht wiederum aus Milliarden von Galaxien. Und nur das, was Ihr Gott nennt, weiß, wieviel Millionen Universen es gibt. Jetzt stellen Sie sich mal vor, Sie könnten jeden dieser Sterne in kürzester Zeit, sagen wir einer Woche, erreichen. Wie lange, glauben Sie, würde es dauern, auch nur jeden Stern dieser Galaxie, der Milchstraße, zu besuchen?"
Mulder wußte nicht, was er sagen sollte. "Ist die Frage ernst gemeint? Ich meine, es ist doch völlig ausgeschlossen, daß Sie die Reise von Ihrer Welt zur Erde innerhalb einer Woche gemacht haben."
"Da haben Sie völlig Recht, Mr. Mulder." Der Angesprochene glaubte so etwas wie Ironie in Picards Stimme herauszuhören. "Für die Reise brauchten wir etwa zwei Sekunden. Die restliche Zeit der Woche diente zur Erholung."
Mulder sank in sich zusammen. "Schade," sagte er, "ich hatte wirklich geglaubt, Sie würden ehrlich sein."
"Aber das bin ich." erwiderte der Captain dieser seltsamen Enterprise, die doch nicht die Enterprise war. "Was haben Sie denn geglaubt, wie wir diese unvorstellbare Entfernungen wohl überwinden?"
"Ich weiß nicht. Mit irgendeinem Hyperraumantrieb, oder so etwas." spekulierte Mulder.
"Das ist Unsinn. Es sollte Ihnen doch bekannt sein, daß nichts, jedenfalls nach unserem Wissen, schneller als das Licht ist. Außer einer Sache."
"Und die wäre?"
"Wissen Sie es nicht? Ich 'höre' doch, wie nahe Sie dran sind."
Mulder fragte sich, welche seiner Spekulationen Picard nun meinte. Was war schneller als das Licht? Eigentlich fiel ihm nur eine Sache ein. "Die Gedanken." sagte er. "Die Gedanken sind schneller als das Licht. Aber wie sollten Gedanken in der Lage sein, ein Raumschiff zu bewegen."
"Mr. Mulder, jetzt enttäuschen Sie mich aber. Nach allem, was Sie schon erlebt haben? Noch nie etwas von Telekinese, Teleportation oder dergleichen gehört? Teleportation entspricht wohl am ehesten dem, wie wir reisen. Mit Geisteskraft lassen wir uns und unser Raumschiff in Gedankenschnelle zum jeweiligen Ziel springen. Wenn die Entscheidung zu teleportieren feststeht, dauert es ungefähr zwei Sekunden, die Gedanken gleichzuschalten und die geistige Energie freizusetzen. Nur ist Mutter danach ziemlich fertig."
"Mutter?"
"So nennen wir unser Raumschiff. Aber eigentlich ist das falsch. Sie IST unsere Mutter und gleichzeitig die, die die Geisteskraft besitzt. Wir teilen ihr lediglich das Ziel mit, zu dem wir springen wollen. Außerdem, wie soll ich sagen, gebärt sie uns?!"
Mulder glaubten seinen Ohren, nein seinem Geist nicht zu trauen. "Sie tut was?"
"Sie bringt uns zur Welt, sie erzeugt uns. Ohne Mutter gäbe es uns nicht."
"Unvorstellbar. Das ist unglaublich. Ich kann das alles nicht begreifen, ich kann das gar nicht fassen." Mulder fuhr sich mit der Hand übers Gesicht. "Sie meinen dieses Raumschiff lebt? Und es bringt zwei Meter hohe Humanoide zur Welt?"
Picards lautes Gelächter hämmerte in Mulders Geist. "Oh ja, Mr. Mulder, sie lebt, beschützt und versorgt uns. Aber um das Mißverständnis aus der Welt zu schaffen: wir sind nicht die 2 Meter großen 'Monster', wie Sie soeben dachten, nein, die sind nur geistlose Wirte und Transportmittel, sondern wir sind das, was Sie als Quallen bezeichnen.

- - -

Durch den Korridor des Raumschiff Enterprise gingen zwei Lebewesen. Eigentlich waren es drei, vermutete Mulder, denn dieser Picard, der neben ihm ging, bestand aus zwei, auch wenn er, Mulder, nur eines sehen konnte.
"Bitte lassen Sie mich noch einmal wiederholen, damit ich auch alles richtig verstanden habe. Sie können also zu jedem Punkt im Universum springen, den Sie sehen können - obwohl Sie keine Augen haben - oder bei dem Sie schon einmal gewesen sind. Sie können jedoch nicht in Computern oder ähnlichem speichern, welche Sterne Sie bereits besucht haben, weil Sie keine Computer haben, sondern können nur dorthin zurückspringen, wenn Sie sich auch an dieses System erinnern. Dadurch kann es passieren, daß Sie eventuell einen Stern mehrfach anspringen, den Sie immer wieder neu sehen, aber sich nicht daran erinnern, schon einmal da gewesen zu sein."
"Soweit ist alles richtig."
"Die Erde besuchen Sie immer wieder, weil Sie natürlich nicht vergessen, daß es hier Leben gibt, und jetzt wollen Sie Erdenmenschen mit auf die Reise nehmen, um sie zu studieren, ohne ihnen, wie Sie mir mehrfach versichert haben, körperliche Gewalt anzutun."
"Es liegt uns fern, irgendwelche anatomische Studien durchzuführen. Wir wollen sie lediglich beobachten, mit Ihnen zusammenleben."
"Und damit dieses Zusammenleben funktioniert, erschaffen Sie mit Geisteskraft eine kollektive Halluzination, die den Trekkies vorgaukelt, sie befänden sich an Bord des Raumschiff Enterprise. Damit Ihr Anblick erträglicher wird, lassen Sie sich so wie die von der Fernsehserie bekannten Charaktere aussehen."
"Nach unseren Vorgaben wird die Halluzination hervorgerufen. Ich finde, Mutter leistet hier hervorragende Arbeit. Es würde zu sehr an unseren Kräften zehren, wenn wir selbst die Halluzination beim Nahen eines Menschen erschaffen müßten." stimmte Picard zu.
"Aber warum war Mutter bei mir nicht so erfolgreich? Ich sah sie doch kurz so, wie sie wirklich ist."
"Sie kamen unvorbereitet zu uns. Es war die Streßsituation und vor allem der Einfluß unserer Atmosphäre, der Ihren Körper rebellieren ließ, und dadurch Ihr Bewußtsein die Informationen Ihrer eigenen Sinne verarbeitete."
"Und damit mein Körper Ihre Atmosphäre verträgt, mußte er eine Verbindung mit einem von Ihnen eingehen." Mulder faßte sich unbewußt an seinen Hals, wo er die Einstiche des Tentakels ertastete.
"Sie wurden gewissermaßen geimpft."
"Trekkies mußten es sein, weil diese am ehesten mit den Geschehnissen fertig werden, besser, als Leute, die keinen Bezug zu Raumschiffen und Außerirdischen haben."
"Ich betone noch einmal, daß keiner unserer Gäste seine Entscheidung bereut, uns zu begleiten, und daß es keinen von ihnen zurück zur Erde zieht, weil es dort niemanden gibt, der ihnen wichtig genug wäre, ihm zuliebe nicht zu den Sternen zu reisen. Jeder von ihnen hat unseren wahren Anblick gesehen, und sie sind alle einverstanden, regelrecht froh, daß wir ihre Wahrnehmung so erfolgreich manipulieren können."
Während sie durch die Gänge schlenderten, kamen Mulder neue Fragen in den Sinn. "Wenn das alles um mich herum nur eine Fiktion ist und wir uns im Körper eines lebenden Organismus befinden, wie ist es dann möglich, daß wir darin gehen können?"
"Oh, ganz einfach, Mutter ist in der Lage, in jede gewünschte Gestalt zu metamorphieren. Gäbe es da draußen im All einen Betrachter, würde er tatsächlich das Raumschiff Enterprise vor sich sehen, zumindest von seinen Umrissen her. Erst ein genauerer Blick würde offenbaren, daß es kein Metall ist, aus dem das Schiff besteht."
Sie kamen zu der Platte im Boden, über die Mulder an Bord des Raumschiffes, nein Lebewesen gekommen war.
"Sagen Sie, diese Platte hier brauchen Sie doch überhaupt nicht, um Menschen zur Erde zu schicken. Warum das also?"
"Weil es Menschen sind. Auch wenn Star Trek-Fans aufgeschlossener als andere Leute sind, bleiben sie doch Menschen. Und die hätten nun einmal Angst, wenn sie in jeder Situation und von überall her einfach wegteleportiert werden könnten. Zu solch einer Platte jedoch, die in Wirklichkeit natürlich nicht metallisch sondern auch nur ein Teil von Mutter ist, müssen sie hingehen und sich von dort mit voller Absicht 'wegzaubern' lassen. Es ist gewissermaßen nur ein psychologisches Hilfsmittel, ein weiterer Betrug sozusagen."
"So wie die Lichtwand?"
Picard nickte nur zufrieden lächelnd. Die Gedanken Mulders zeigten ihm, daß sein Gast die Erlebnisse und Informationen besser verarbeitete, als er zunächst geglaubt hatte.
"Hören Sie, Captain, wenn Sie jederzeit wieder zur Erde zurückspringen können, wäre es dann nicht möglich, wenn ich Sie für, sagen wir, ein, zwei Monate begleiten würde?"
"Ich habe auf diese Bitte gehofft, Mr. Mulder. Und um Ihre nächste Frage vorwegzunehmen, ja, wir können auch Ihre Freundin mitnehmen. Wissen Sie eigentlich, Fox, wie sehr Sie Dana Scully brauchen?"
Doch bevor sich Mulder über diesen bisher vernachlässigten Teil seines Daseins Gedanken machen konnte, fuhr Picard schon fort.
"Wir sollten sie nur etwas besser auf ihren Besuch vorbereiten." Damit ging der seltsame Captain des seltsamen Raumschiff Enterprise in einen Nebenraum und kam kurz darauf mit einer Schachtel in der Hand zurück.
"Ich werde mit Ihnen zurück zur Erde gehen, um Ms. Scully zu holen." Dann griff er mit der anderen Hand auf seine Schulter und es sah so aus, als wolle er sich kratzen. Aber dann hielt er noch einmal inne.
"Na?" fragte er, "Wollen Sie noch einmal die Wirklichkeit sehen?"
Mulder nickte nur mit dem Kopf, um gleich darauf einen Schritt nach hinten zu gehen, denn schlagartig war Captain Picard verschwunden, und vor ihm stand nun wieder eines dieser Monster, pardon, einer jener außeridischen Besucher, der soeben eine gelbe Qualle von seiner Schulter nahm und vorsichtig in die Schachtel legte. Mulder wurde sich klar darüber, daß es noch einige Zeit dauerte, bis er erfolgreich das intelligente von dem geistlosen Lebewesen unterscheiden, und ihrer beider echtes Aussehen ertragen konnte.
"Ich glaube, wir gehen so zurück, wie es auch die anderen Trekkies machen." hörte Mulder deutlich die Stimme Picards, ohne ihn jedoch sehen zu können. "Für weitere Offenbarungen ist es für Sie noch viel zu früh."
Dann baute sich aus dem Nichts heraus ein Funkeln und Glitzern auf, bis es zu einer gleißenden Wand gewachsen war. Verwundert sah Mulder, wie die Schachtel aus den Händen des großen Aliens zu ihm herüberschwebte und sich selbständig unter seinen Arm klemmte.
"Du meine Güte", sagte Mulder, "wenn ich das jemanden erzähle, glaubt der mir kein einziges Wort."
Damit machte er einen Schritt nach vorne, trat ein in die leuchtende Wand und hoffte, daß sie ihn auch wirklich zu Dana Scully brachte, damit er sie holen und mitnehmen konnte, dorthin, wo noch nie zuvor ein Mensch hingegangen war.

Epilog

FBI-Zentrale, Washington, 10. August 1996

Eine nervöse Hand trommelte mit den Fingern auf der Tischplatte herum, während der Besitzer den letzten Bericht der Akte zuende las.
'Seit 7 Monaten sind die Agenten Fox Mulder und Dana Scully nun schon verschwunden. Es gibt keinerlei Hinweise auf ihren Verblieb, keine Anzeichen eines Verbrechens und absolut nichts, was ihr Verschwinden auch nur ansatzweise erklären würde.'
Das Trommeln hörte nun auf, und Skinner griff zu einem Kugelschreiber, um mit großen Buchstaben zwei Worte auf den Deckel zu schreiben.
"Akte geschlossen" stand nun deutlich sichtbar darauf, doch bevor sie auf den Stapel vieler anderer Akten gelegt wurde, griff die Hand noch einmal zum Stift und versah das zweite Wort mit einem dicken, fetten Fragezeichen.

ENDE

September 1995

Peter Marx