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Akte X -
Die Serie

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HADES

Thumb, Wyoming

Der Mann lief keuchend den Hügel hinauf. Dabei geriet er ins Stolpern und stürzte. Verzweifelt versuchte er, sich an einer Wurzel festzuhalten, um nicht wieder den erst so mühsam erstiegenen Hang hinunterzustürzen. Es gelang ihm gerade noch.
Da sah er es!
Die unheimliche Erscheinung hatte den Fuß des Hügels erreicht und glitt geschmeidig zu ihm herauf. Der Mann schrie auf und versuchte, noch schneller zu laufen. Doch er war am Ende seiner Kraft angelangt und fiel zu Boden. Er brachte nicht mehr die Energie auf, um aufzustehen. Die unheimliche Gestalt erreichte ihn und wuchs drohend über ihm auf. Ihr unmenschliches Gelächter übertönte den Todesschrei des Mannes und hallte noch lange in den Wäldern wieder.

Washington D.C., Agent Mulder

Voller Frust warf ich die Akte, die ich gerade bearbeitete, auf den Schreibtisch. Nichts außer Routinefällen. Wann bekam ich endlich wieder etwas interessantes in die Hände?
Dana Scully, meine Partnerin, kam gerade zur Tür heran. An ihrem Gesichtsausdruck erkannte ich, daß sie etwas für mich hatte. In den Händen hielt sie einen schmalen Ordner, den sie mir schwungvoll auf den Schreibtisch knallte.
"Mulder, auf! Wir fliegen nach Thumb in Wyoming."
"Wohin?" fragte ich erstaunt. Ich betrachtete den Ordner auf meinem Schreibtisch. "Was ist das? Doch hoffentlich eine neue X-Akte? Normale Fälle hatte ich in letzter Zeit genug."
"Vielleicht", meinte meine Partnerin nur. "Lesen Sie!"
Ich gehorchte widerspruchslos und vertiefte mich in die Akte. In der Nähe von Thumb, einer Kleinstadt im Yellowstone-Nationalpark, hatte es in den letzten Wochen vier Tote gegeben. Den letzten erst gestern. Der dortige Sheriff hatte um Hilfe gebeten. Er behauptete steif und fest, die Täter seien Wesen in fliegenden Untertassen gewesen. Außerirdische also! Vielleicht doch eine X-Akte! Der Fall begann mich zu interessieren.
Nach den vorliegenden Autopsieberichten gab es in keinem der Fälle eine erkennbare Todesursache. Die Herzen der Opfer schienen einfach stehengeblieben zu sein. Auf den beigelegten Bildern waren die Gesichter der Toten zu sehen. Alle waren bis zur Unkenntlichkeit verzerrt. Das Grauen stand in ihnen geschrieben. Sie mußten im Moment ihres Todes etwas furchtbares gesehen haben.
Scully hatte sich neben mich gesetzt und wartete seelenruhig, bis ich meine Lektüre beendet hatte.
"Nun, was denken Sie?" fragte sie mich schließlich.
"Das kann ich noch nicht sagen. Falls es tatsächlich Außerirdische waren, haben sie ihre Taktik geändert, oder es sind andere als die, die uns bis jetzt besucht haben."
"Andere? Wie meinen Sie das? Glauben Sie etwa, es gibt verschiedene Rassen? Ich glaube, Sie sehen zuviel Star Trek, Mulder."
"Warum nicht, Scully! Auf jeden Fall sollten wir uns die Sache ansehen. Wann fliegen wir? Wie ich Sie kenne, haben Sie unseren Flug schon gebucht."
"Wir fliegen in zwei Stunden. Sie haben also noch Zeit, in Ruhe zu packen."

Thumb, Wyoming

Nachdem wir sicher gelandet waren und einen Wagen gemietet hatten, begaben Scully und ich uns auf dem schnellstens Weg ins hiesige Sheriff-Büro.
Sheriff Tom Duncan, ein kräftiger Mann Mitte vierzig, sah uns erstaunt an.
"Das ist Agent Dana Scully, und ich bin Agent Fox Mulder", stellte ich uns vor.
"Sheriff Tom Duncan. Ich wundere mich, das FBI hier zu sehen."
Jetzt starrte ich den Sheriff erstaunt an: "Aber Sie haben das FBI doch ausdrücklich um Hilfe gebeten. Es liegt uns eine offizielle Bitte von Ihnen direkt vor", erklärte ich.
"Das muß ein Irrtum sein. Ich habe das FBI nicht um Hilfe gebeten."
Ich sah Scully bedeutsam an, und sie erwiderte ruhig meinen Blick. So wandte ich mich wieder an den Sheriff: "Da wir nun einmal hier sind, sehen wir uns die Sache auch an. Vielleicht meldet sich derjenige auch, der uns gerufen hat."
Der Sheriff musterte uns nachdenklich. Auf Scully blieb sein Blick etwas länger hängen. Anscheinend machte wenigstens sie einen positiven Eindruck auf ihn. Scully sah heute wieder umwerfend aus. Sie trug ein schlichtes Kostüm in weinroter Farbe mit einer passende Bluse, das durch seine Einfachheit ihre Figur hervorhob, ohne aufdringlich zu wirken. Ihr Haar leuchtete rötlich im einfallenden Licht der Sonne und betonte ihre Gesichtszüge.
Ich riß mich von dem entzückenden Anblick los und sagte zu Sheriff Duncan: "Sheriff, Sie könnten uns vielleicht alles erklären. Ich versichere Ihnen, daß wir uns nicht in Ihre Arbeit einmischen wollen. Aber der Fall interessiert mich persönlich. In dem Hilfegesuch stand etwas von UFOs."
"UFOs? Sie glauben doch nicht an so einen Unsinn? Aber sicher wird Deputy O'Reilly Ihnen behilflich sein. Er glaubt an fliegende Untertassen." Er winkte einem seiner Gehilfen zu. "O'Reilly, ich unterstelle Sie für die nächste Zeit Agent Mulder und Agent Scully. Auf keinen Fall will ich das FBI in seiner Tätigkeit behindern. Zeigen Sie den beiden den letzten Tatort."
Wie er das sagte, klang es eigentlich unverschämt. Aber das letzte, was ich hier wollte, war Ärger mit einem Sheriff zu bekommen, der glaubte, wir wollten uns in seine Arbeit einmischen.
O'Reilly war umgänglicher und etwa in meinem Alter.
"Sie müssen dem Sheriff verzeihen, Agent Mulder. Er reagiert etwas empfindlich auf das FBI."
"Ich kenne das schon. Die meisten reagieren so. Aber was ist mit Ihnen?"
Inzwischen hatten wir draußen den Parkplatz erreicht, und O'Reilly führte uns zu einem Streifenwagen.
"Wir nehmen meinen Wagen wenn Sie einverstanden sind. Ich zeige Ihnen die Stelle, an der man gestern den letzten Toten fand." O'Reilly sah mich auffordernd an, und ich gab mein Einverständnis durch kurzes Nicken.
Das kleine Städchen Thumb lag genau am Yellowstone See, mitten im Nationalpark, in den Rocky Mountains. Es war früher Morgen, und die Luft war klar, aber kalt. Die Berge schienen in ein helles Licht getaucht. Ein friedlicher Anblick.
Wir befuhren die Straße in Richtung West-Yellowstone, welche wir aber bald darauf verließen.
"Wir müssen zum Old Faithful Geysir", erklärte O'Reilly. Er sah kurz zu mir herüber. "Ich war es, der das FBI informiert hat."
"Das dachte ich mir fast, als der Sherrif erklärte, daß Sie an UFOs glauben", meinte ich. "Erzählen Sie mehr."
"Normalerweise sind diese Morde kein Fall für das FBI Aber Zeugen wollen unerklärliche Ereignisse gesehen haben: Schatten, Lichter, seltsame Phänomene also. Da der Sheriff dies als Unsinn abtat, wandte ich mich an das hiesige FBI-Büro. Agent Kerry verwies mich aber an Sie. Er meinte, Sie seien der richtige Mann für solche Fälle."
"Solche Fälle?"
"Nun, Fälle mit UFOs, ungeklärte Ereignisse und ähnliches. Agent Kerry nannte es X-Akten. Eigentlich gibt es keinen Grund für den Tod der vier. Alle waren jung und kerngesund. Aber die Autopsie ergab Herzstillstand. Sie starben, weil sie etwas so schreckliches sahen, daß ihr Herz stehenblieb."
"Wir haben die uns übergebene Akte genau studiert. Zwischen den Toten gibt es keine Zusammenhänge, außer der gleichen Todesursache und daß alle im Park gefunden wurden", warf zum ersten Mal Scully ein. Auf der ganzen Fahrt hatte sie noch kein Wort gesprochen.
Inzwischen hatten wir einen großen Parkplatz erreicht, und O'Reilly stellte den Streifenwagen dort ab.
"Wir müssen ungefähr eine viertel Stunde laufen. In der Nähe des Geysirs fanden wir die vierte Leiche", erklärte O'Reilly.
Wir stiegen aus und folgten zügig einem ausgetretenen Pfad, der sich durch die Wildnis schlängelte. Schließlich erreichten wir eine große freie Fläche, in deren Mitte sich ein kleiner, runder Teich befand. Vom Old Faithful-Geysir war nichts zu sehen.
Ich fragte O'Reilly danach. Der sah auf seine Uhr und zeigte auf den Teich: "Das ist er. Aber es dauert noch ca. 15 Minuten bis er wieder ausbricht."
So lange wollte ich nicht warten, und so umrundeten wir den Teich und betraten wieder den Wald. O'Reilly zeigte uns die Stelle, wo man das letzte Opfer gefunden hatte. Scully und ich sahen uns aufmerksam um. Wie erwartet war nichts mehr zu sehen. Eigentlich wußte ich nicht genau, weshalb wir hierhergekommen waren.
Es war so eine Ahnung!
Von meinem Platz aus hatte man einen atemberaubenden Ausblick über die nahen Berge. Wir standen auf einem Felsen und konnten über die Wälder blicken. Unten im Tal wand sich ein kleiner reißender Bach durch sein Bett.
Doch plötzlich schien es mir, als senkte sich eine dunkle Wolke über die Berge, und sie schien auf mich zuzukommen. Eine bedrohliche Aura kam herunter und hüllte mich ein. Ich taumelte und hatte das Gefühl, erdrückt zu werden. Etwas versuchte, von meinem Geist Besitz zu ergreifen!
Ich wehrte mich dagegen. Da sah ich unten im Wald einen Schatten auftauchen, der größer und größer wurde. Das fremde Etwas in meinem Geist wurde stärker. Verzweifelt schloß ich die Augen und versuchte, die fremde Macht in mir zu vertreiben. Das Grauen verschwand und ich wagte, wieder die Augen zu öffnen. Der Schatten war verschwunden.
Ich sah zu Scully und O'Reilly hinüber, doch die beiden schienen nichts bemerkt zu haben. Hatte ich alles nur geträumt, oder hatte jemand versucht, von meinem Geist Besitz zu ergreifen?
Scully kam zu mir herüber. "Mulder, Sie sehen blaß aus. Fühlen Sie sich nicht wohl?"
"Es ist nichts", sagte ich, denn O'Reilly kam ebenfalls herbei, und vor ihm wollte ich nichts sagen. Außerdem wußte ich nicht, was es gewesen war: Meine Einbildung oder eine negative Kraft, die Besitz von mir ergreifen wollte.
Meine Partnerin sah mich skeptisch an. Sie glaubte mir wohl nicht. Dazu kannte sie mich einfach zu gut.
"Mulder..." begann sie, doch ich winkte ab, und Scully begriff, daß ich vor O'Reilly nichts sagen wollte, und schwieg.
Die weiteren Untersuchungen ergaben nichts neues mehr, und so beschlossen wir, in die Stadt zurückzukehren.

* * *

In einem geheimen Zimmer unterbrachen zwei Männer ihre geistige Verbindung.
"Der Schatten und unsere Kraft sind noch nicht stark genug gewesen. Dieser FBI-Mann ist sehr stark. Ich habe Erkundigungen über ihn eingeholt. Er ist Spezialist für solche Fälle."
"Vielleicht sollten wir es bei der Frau versuchen", meinte der andere.
Der Erste widersprach jedoch: "Nein, wir konzentrieren uns auf den Mann. Er glaubt an das Übernatürliche und ist somit vielleicht leichter zu beeinflussen."
"Dann müssen wir uns beim nächsten Mal mehr anstrengen", sagte der Erste wieder.
"Gut, dann sind wir uns einig. Mulder ist unser Ziel."

Agent Dana Scully

Wir erreichten das Hotel, welches uns O'Reilly empfohlen hatte. Ich sah meinen Partner besorgt an. Etwas stimmte nicht mit Mulder. Ich konnte es an seinem Gesichtsausdruck erkennen. Was war dort draußen geschehen? Ich beschloß, ihn darauf anzusprechen.
"Mulder, Sie haben etwas. Ich sehe es Ihnen an der Nasenspitze an. O'Reilly ist nicht hier. Sie können also offen sprechen. Und sagen Sie nicht wieder 'nichts'! Das glaube ich Ihnen nicht."
Mulder sah nachdenklich zu Boden. Er kannte mich gut genug, um zu wissen, daß ich mich diesmal nicht mit billigen Ausreden abspeisen ließ.
"Sie haben recht, Scully! Irgend etwas oder irgend jemand da draußen hat versucht, mich geistig zu beeinflussen. Es war so stark, daß es mich fast überwältigt hätte." Er sah auf. Da war er wieder, dieser "Mulder-Blick". Da wußte ich: Jetzt kommt wieder eine seiner unglaublichen Ideen!
"Scully, glauben Sie an Geister?"
Hach, ich hatte es doch gewußt! "Mulder, Sie wissen genau, daß es für solche Phänomene immer eine wissenschaftliche Erklärung gibt", sagte ich fast ärgerlich. "Glauben Sie etwa, daß Geister diese Menschen getötet haben?"
"Ich glaube noch gar nichts! Aber eines sage ich Ihnen: Hier sind dunkle Mächte im Spiel. Diese Menschen sind gestorben, weil sie etwas gesehen haben, das so schrecklich war, daß ihr Herz stehengeblieben ist."
"Ach ja: Geister!" meinte ich.
"Lachen Sie nicht, Scully! Geister sind meistens nicht bösartig, außer es sind Negative, sogenannte Dämonen."
"Dämonen? Mulder, ich bitte Sie! So etwas gibt es nicht."
Mulder sagte nichts mehr, aber ich sah ihm an, daß er es ernst meinte. Hin und wieder hatte ich bei unseren Fällen das Gefühl, daß Mulder bei seinen Behauptungen übertrieb, und heute war so ein Fall. Allerdings mußte ich zugeben, daß er meistens mit seinen phantastischen Ideen recht behielt. Zumindest weitgehend!
"Ich werde kurz unsere bisherigen Fakten in den Computer eingeben", sagte ich zu ihm. "Viel ist es ja noch nicht. Wir treffen uns dann genau in einer Stunde."
Mulder nickte nur, und wir trennten uns. Nach genau 45 Minuten war ich fertig und machte mich noch kurz frisch, bevor ich zu dem Treffen mit Mulder ging. Doch Mulder kam nicht!
Ich wartete 15 Minuten und machte mich dann auf zu seinem Zimmer. Doch er antwortete nicht auf mein Klopfen und Rufen. Deshalb versuchte ich die Tür zu öffnen und fand diese zu meinem Erstaunen unverschlossen vor. Vorsichtig betrat ich den Raum.
"Mulder", rief ich laut, doch ich bekam keine Antwort. Wo war er nur? Er machte doch hoffentlich keinen seiner Alleingänge?
Ein Anruf beim Sheriff ergab nichts neues. Mulder hatte sich dort nicht gemeldet. Ich versuchte es bei der Hotelrezeption mit demselben Ergebnis. Keiner hatte Mulder gesehen!
Ich beschloß, zum Sheriff-Büro zu fahren, denn langsam machte ich mir Sorgen. Es gab keinen Grund für einen von Mulders Alleingängen.

Agent Fox Mulder

Nachdem mich Scully verlassen hatte, begab ich mich ebenfalls auf mein Zimmer. Ich zog mir Jeans und ein Sweatshirt über, was mir für diese Gegend geeigneter erschien als Anzug und Krawatte. Kaum war ich fertig, klopfte es an der Tür. Ich sah auf meine Uhr. Von der Stunde waren gerade 20 Minuten um. Es konnte unmöglich Scully sein. Wer wollte also etwas von mir?
Ich öffnete, und zu meinem Erstaunen war es doch Scully!
"Scully?" fragte ich erstaunt. "Was ist los? Ich dachte, wir wollten uns erst in 40 Minuten treffen!"
"Der Sheriff rief mich an. Er hat etwas wichtiges entdeckt. Wir sollen ihn draußen im Park treffen", antwortete meine Partnerin.
Ich folgte Scully. Diesmal benutzen wir unseren Mietwagen, und es war ein leichtes für mich, den Weg zu finden. Während der ganzen Fahrt war Scully sehr schweigsam, doch da ich mich auf das Fahren konzentrierte, achtete ich nicht weiter darauf.
"Da wären wir", sagte ich und stellte den Wagen auf dem gleichen Parkplatz wie zuvor ab. Weit und breit war niemand sonst zu sehen.
"Wo ist der Wagen des Sheriffs?" fragte ich Scully, während ich aus unserem Auto stieg. Doch ich erhielt keine Antwort. Ich drehte mich zu Scully um, aber sie war verschwunden.
"Scully!" rief ich, doch nur Stille antwortete mir. War sie etwa zum Geysir vorausgegangen? Also lief ich hinterher. Doch auch hier: keine Menschenseele! Dafür bemerkte ich eine Erschütterung im Boden und ein Rumpeln und Rumoren. Ich sah mich erstaunt um. Da schoß der Geysir aus dem Teich empor, während ich erschrocken einige Schritte zurückwich. Ich beobachtete kurz das beeindruckende Naturschauspiel und umkreiste dann den Geysir in einem weiten Bogen. Doch ich fand keine Spur von Scully. Etwas stimmte nicht!
Da war es wieder! Das unheimliche Gefühl machte sich wieder in mir breit, und gleichzeitig brandete Gelächter auf. Es wurde so umfassend, daß ich mir verzweifelt die Ohren zuhielt. Doch es nützte nichts. Da begriff ich, daß es in meinem Kopf entstand.
"Oh, sehr richtig, Mulder", hörte ich da eine Stimme sagen.
"Wer spricht da?" fragte ich erschrocken, denn zu sehen war niemand.
"Wir sind die, die Sie suchen. Geben Sie es lieber auf, sonst könnten Sie es bereuen. Wir warnen Sie nur einmal", ermahnte mich die Stimme in meinem Kopf.
"Verschwindet aus meinen Gedanken", rief ich. "Wo ist Scully? Was habt ihr mit ihr gemacht?"
"Scully? Die sitzt sicher in ihrem Hotel und macht sich inzwischen wahrscheinlich Sorgen um Sie, Mulder."
"In ihrem Hotel? Aber wer war dann die Frau in meinem Auto?"
"Vielleicht kommen Sie selbst darauf", sagte die unsichtbare Stimme wieder. "Das heißt, wenn Sie lange genug leben."
Im gleichen Moment überfluteten Bilder und Gedanken mein Gehirn, die so stark waren, daß ich aufschreiend zu Boden stürzte. Ich versuchte mich zu wehren, doch die Gedanken waren fast stärker. Mit letzter Kraft gelang es mir, sie abzuwehren, bevor ich das Bewußtsein verlor.

Irgendwo, in einem geheimen Raum...

"Glaubst du, daß er tot ist?"
"Nein", erwiderte der Angesprochene. "Ich fürchte, er war zu stark. Du weißt, was das bedeutet?"
"Hades", sagte der erste nur.
"Um Hades zu erzeugen, brauchen wir aber Zeit und unsere ganze Konzentration. Sind wir stark genug dafür im Moment?"
"Ich denke schon", sagte der erste wieder. "Diese vier Toten waren nur Versuche, aber es hat hervorragend geklappt. Wir erzeugen Hades wieder und fixieren ihn auf Mulder. Ganz gleich, wo er sich aufhält, Hades wird ihn finden und töten. Mit Hades haben wir eine Waffe in der Hand, die uns unschlagbar macht. Niemand wird dann in der Lage sein, uns aufzuhalten."
"Und niemand kann uns etwas nachweisen. Aber es ist gefährlich. Wir müssen vorsichtig sein."
"Dann laß uns beginnen."
Die zwei Männer konzentrierten sich. Nach ungefähr fünf Minuten begann die Luft zu flimmern. Ein Wesen entstand, daß unbeschreiblich aussah. Zuerst war es noch ganz durchsichtig, doch je mehr die Männer sich konzentrierten, desto deutlicher wurde es.
Sie fixierten Mulders Bild in dem Gehirn des Wesens, und mit einem unmenschlichen Brüllen verschwand es. Die Männer atmeten erleichtert auf.

Agent Scully

Der Sheriff war nicht da, deshalb wandte ich mich wieder an O'Reilly.
"Agent Scully? Sie sehen erregt aus. Ist etwas passiert?" fragte er mich.
"Ich fürchte, Agent Mulder ist verschwunden. Er ist nirgends zu finden. Langsam mache ich mir Sorgen um ihn", erklärte ich. "Ich möchte, daß Sie Ihre Männer nach ihm suchen lassen. Vielleicht ist es unnötig, aber ich fühle, daß etwas mit ihm geschehen ist."
Inzwischen traf der Sheriff ein, und O'Reilly erklärte ihm alles. Sheriff Duncan war sofort bereit zu helfen. Jetzt blieb uns nur noch zu warten.
Eine Stunde später meldete einer der Deputys, daß der Wagen, den wir gemietet hatten, auf dem Parkplatz beim Old Faithful-Geysir stand.
"Kommen Sie, Agent Scully", sagte Sheriff Duncan. "Fahren wir hin."
Bald darauf stiegen wir neben unserem Mietwagen aus dem Streifenwagen. Mehrere Polizei-Fahrzeuge standen schon da. Einer der Deputys kam auf uns zu, als er den Sheriff erkannte.
"Keine Spur von Agent Mulder, Sheriff."
"Danke, Austin", sagte Duncan.
"Was mag Mulder alleine hier draußen gesucht haben?" fragte der Sheriff mich. Doch darauf wußte ich auch keine Antwort.
"Das ist mir auch ein Rätsel, Sheriff. Glauben Sie, er wurde gezwungen, hierher zu fahren?" fragte ich.
"Sie meinen, er wurde entführt, Agent Scully?" fragte Sheriff Duncan nun seinerseits.
"Es wäre möglich." Widerstrebend erklärte ich dem Sherff Mulders Theorie, und wie erwartet sah Duncan mich ungläubig an.
"Das ist nicht Ihr Ernst, Agent Scully! Geister und Dämonen? Wir leben im 20. Jahrhundert."
"Sie würden nicht glauben, Sheriff, was wir schon alles erlebt haben", verteidigte ich Mulders Theorie.
"Dämonen hin, Geister her", sagte Sheriff Duncan. "Mulder ist ohne Zweifel hier gewesen. Ich werde eine Suchaktion starten."
Ich stimmte erleichtert zu, denn langsam sorgte ich mich wirklich um Mulder.

Agent Mulder

Ich schlug die Augen auf. Um mich herum war Vogelgezwitscher zu hören. Ein leises Rauschen drang an mein Ohr, und ein leichter Wind umwehte mich. Was war geschehen? Wo war ich?
Langsam kehrte die Erinnerung zurück, und ich richtete mich vorsichtig auf. Die Gegend war mir unbekannt. Ich mußte mich unbewußt von dem Geysir entfernt haben. In welche Richtung sollte ich mich wenden?
Kurz beobachtete ich den Stand der Sonne und wußte, daß ich ihr entgegengehen mußte. Eigentlich konnte ich mich nicht allzu weit entfernt haben.
Ich folgte gerade einem schmalen Pfad, der sich am Fuße eines Hanges entlang wand, als mich wieder dieses drohende Gefühl überkam. Dieses Mal war es jedoch sehr schwach. Ich stoppte!
Es war nichts greifbares, doch ich fühlte mich unbehaglich. Ich glaubte, Stimmen zu hören, und schaute nach oben. War nicht Scullys Stimme dabei?
"Scully", rief ich, so laut ich konnte, nach oben, und die Antwort kam postwendend.
"Mulder! Waren Sie das?"
"Ja! Warten Sie oben. Ich komme hinauf."
Das bedrohliche Gefühl wurde stärker, und plötzlich hörte ich oben am Hang einen Tumult ausbrechen. Schüsse krachten.
Bevor ich jedoch nach oben klettern konnte, erschienen Scully und ein Mann in meinem Blickfeld. Sie stürmten regelrecht den Abhang hinunter und standen gleich darauf neben mir.
"Scully! Was ist los?" fragte ich erstaunt.
Doch anstelle einer Antwort legte sie mir ihre Hand über den Mund und flüsterte: "Leise, Mulder! Das Ding hört uns sonst."
Zwar hatte ich keine Ahnung, was Scully meinte, aber ich gehorchte. Von oben hörte ich einen Schrei, und wir duckten uns am Fuß des Hanges tief in den Schutz eines Felsens. Der Mann, welcher mit Scully den Hang heruntergeklettert war, war Sheriff Duncan. Oben am Hang war ein Kratzen und Schnüffeln zu vernehmen, und die Bedrohung wurde übermächtig.
Ich gab Scully ein Zeichen, und leise versuchten wir zu verschwinden. Das Gefühl verschwand. Übrig blieb nur ein leichtes Unbehagen.
"Es scheint weg zu sein", flüsterte Scully erleichtert. "Was zur Hölle war das?"
"Ein Schatten", antwortete der Sheriff. "Aber was genau es war, weiß ich auch nicht."
"Können Sie es beschreiben?" fragte ich.
"Es ging alles so schnell, daß ich es nicht genau sehen konnte. Der Schatten sah unheimlich aus und war mindestens zwei Meter groß", antwortete der Sheriff.
"Ich hatte den Eindruck, daß das Wesen jemanden suchte", meinte Scully. "Denn es hatte es eigentlich nicht auf uns abgesehen."
"Klettern wir nach oben", schlug ich vor. "Bevor es zurück kommt."
"Agent Mulder hat recht", meinte Sheriff Duncan.
Also kletterten wir langsam nach oben. Die Männer des Sheriffs hatten sich inzwischen wieder gesammelt. Es fehlte keiner. Jedem stand noch der Schrecken ins Gesicht geschrieben.
So schnell wir konnten, liefen wir zu den Autos zurück. Erst jetzt fiel meiner Partnerin ein, etwas wichtiges zu fragen: "Mulder, wo waren Sie eigentlich? Warum sind Sie einfach aus dem Hotel verschwunden, ohne mich zu informieren? Der Sheriff hat Himmel und Hölle in Bewegung gesetzt, um Sie zu suchen."
"Sie haben mich doch vom Hotel abgeholt, Scully!"
"Ich? Das stimmt nicht!" sagte sie empört.
"Das weiß ich jetzt auch. Es war eine Frau mit Ihrem Aussehen. Vielleicht war es auch nur ein Trugbild."
"Ihre Dämonen und Geister?"
"Ja! Lachen Sie nur darüber. Aber können Sie mir erklären, was das war, daß Sie gesehen haben? Was Sie und alle hier so in Angst und Schrecken versetzt hat?"
"Nein, Mulder! Das kann ich nicht. Aber an Dämonen kann ich einfach nicht glauben", sagte Scully.
"Was ist mit den Dämonen?" mischte sich da Sheriff Duncan in unser Gespräch ein. Er hatte wohl unsere Unterhaltung gehört. "Erklären Sie mir Ihre Theorie, Agent Mulder."
"Ich denke mir, daß es hier jemanden oder auch mehrere Leute gibt, die die Fähigkeit besitzen, ihre negativen Gedanken Gestalt annehmen zu lassen." Ich erzählte von der Stimme, die in meinem Kopf zu hören gewesen war. "Nun denke ich mir, daß der Dämon es auf mich abgesehen hat. Hatten Sie, Scully, nicht den Eindruck, daß der Dämon etwas suchte? Vielleicht war ich das."
Alle Umstehenden sahen mich an, als ob ich den Verstand verloren hätte, nur in Deputy O'Reilly's Gesicht sah ich Nachdenklichkeit.
"Das ist das dümmste, das ich seit langem gehört habe", sagte einer der Hilfssheriffs, der mir als Austin vorgestellt worden war. "Sheriff, Sie glauben das doch nicht? Agent Mulder ist verrückt geworden."
Darauf sagte der Sheriff nichts. Austin wandte sich seinem Wagen zu, doch mir entging keineswegs der haßerfüllte Blick, den er mir noch zuwarf.
Während der Rückfahrt in die Stadt waren alle in ihre Gedanken vertieft. Mir ging der Blick von Deputy Austin nicht mehr aus dem Sinn. Ich beschloß deshalb, Austin zu überprüfen.

Agent Scully

Ich war froh, daß wir Mulder unverletzt gefunden hatten. Seine Idee war mal wieder abenteuerlich, aber vielleicht war, wie schon so oft, doch etwas wahres daran.
Nachdem wir die Stadt und damit das Büro des Sheriffs erreicht hatten, nahm mich Mulder beiseite. Leise flüsterte er mir zu: "Scully, gehen Sie unter einem Vorwand zurück ins Hotel. Sehen Sie in Ihrem Computer nach, was Sie über Deputy Ray Austin in Erfahrung bringen können. Ein Gefühl sagt mir, daß er in die Angelegenheit verwickelt ist."
Mulders Ahnungen waren meistens berechtigt. Also verabschiedete ich mich und kehrte mit dem Mietwagen zum Hotel zurück.
Dort angekommen, schaltete ich den Computer ein. Nach kurzer Wartezeit bekam ich schließlich das Gewünschte. Ich fand nichts auffälliges über Austin. Mulder schien sich diesmal geirrt zu haben. Schon wollte ich ausschalten, als ich eine Adresse entdeckte. Der Deputy besaß, außer seiner Wohnung hier in der Stadt, noch ein Haus auf dem Land. Schnell schrieb ich mir die Adresse auf, schaltete den Computer aus und kehrte zu Mulder zurück.
Mein Partner sah mir fragend entgegen. Ich erzählte ihm leise von meiner Entdeckung. Da der Deputy in der Stadt wohnte, beschlossen wir, unauffällig dem Haus einen Besuch abzustatten. Mulder erklärte dem Sheriff kurz, daß wir einer Spur nachgehen würden, und dann verabschiedeten wir uns.
Nach kurzer Suche fanden wir das Grundstück. Mir blieb fast die Luft weg: Das Grundstück war riesig! Von dem Haus selbst war nichts zu sehen. Es mußte versteckt in dem großen parkähnlichen Gelände liegen.
Auch Mulder sah nachdenklich aus: "Scully, wie kann ein einfacher Hilfssheriff ein solches Grundstück besitzen?"
"Indem er es erbt", sagte ich trocken. Mulder sah mich lächelnd an, bevor er sich dem Grundstück zuwandte. Ein ungefähr zwei Meter hoher Zaun umschloß das Gelände.
"Wollen wir?" fragte mich Mulder grinsend. Er trat an den Zaun heran und faltete die Hände so, daß ich sie als Trittbrett benutzen konnte. Dann gab er mir noch Schwung und katapultierte mich regelrecht über den Zaun hinweg. Ohne Schwierigkeiten landete ich sicher auf meinen Füßen. Mulder selbst schwang sich über den Zaun und sprang neben mir federnd herunter.
Wir orientierten uns kurz. Der Park, wenn man ihn so nennen wollte, sah verwildert aus. Es war zu sehen, daß hier eine pflegende Hand fehlte. Etwas voraus, verdeckt von blühenden Fliedersträuchern, sah ich die Umrisse eines Hauses. Ich machte Mulder darauf aufmerksam.
"Das muß das Haus sein. Kommen Sie, das sehen wir uns aus der Nähe an, Scully."
Wir erreichten einen gepflasterten Weg, der jedoch ebenfalls sehr verwahrlost aussah. Zwischen den Kopfsteinplastern wuchsen kleine Büschel von Gras hervor. Der Weg schlängelte sich durch die Bäume, entlang an weiteren Fliederbäumen, die betörend dufteten.
Nach einer weiteren Biegung standen wir plötzlich vor dem Gebäude. Eine große weiße Veranda bildete den Eingang des Hauses. Das Gebäude selbst war zweistöckig und ebenfalls weiß gestrichen. Doch die Farbe blätterte schon überall ab. Insgesamt machte es einen unbewohnten Eindruck.
Mulder trat an die Veranda heran und bückte sich. Ich trat zu ihm, um zu sehen, was er entdeckt hatte: Einen Ölfleck!
"Hier stand vor nicht allzu langer Zeit ein Auto", meinte er. "Der Ölfleck ist noch frisch." Er starrte zu dem Haus hoch und sagte: "Versuchen wir, hinein zu kommen."

* * *

Das Wesen stieß triumphierend einen Schrei aus. Wäre jemand in seiner Nähe gewesen, hätte er sich sicher vor Angst verkrochen. Wütend hatte der Dämon nach seinem Opfer gesucht.
Endlich hatte er Erfolg. Die Spur lag wieder ganz klar vor ihm. Sein Opfer hatte keine Chance, ihm zu entkommen. Das Wesen orientierte sich und folgte der Spur.
Vor ihm tauchten Bäume mit einem Gebäude darin auf. Hinter dem Haus begann ein steiler Abhang. Unten im Tal rauschte ein kleiner Bach dahin. Sein Opfer war dort in dem Gebäude und würde ihm nicht mehr entkommen.
Durch die konzentrierten Gedanken der zwei dummen Menschen war es ihm zum ersten Mal gelungen, auf dieser Welt eine materielle Gestalt anzunehmen. Dadurch konnte er seine Opfer auch körperlich angreifen. Die Energie der zwei Menschen gab ihm die Kraft dazu. Daß er diesen dadurch einen Teil ihrer Lebensenergie entzog, wußten sie jedoch nicht. Die einzige Gefahr für ihn war: sollte einer oder beide von ihnen sterben, würde auch er seine körperliche Gestalt wieder aufgeben müssen. Das Wesen hatte deshalb nicht viel Zeit...

* * *

Agent Mulder

Ich rüttelte vorsichtig an der Vordertür. Wie erwartet war sie versperrt. Wir beschlossen uns zu trennen, und während Scully sich nach rechts wandte, ging ich nach links. Schließlich hatte ich am vierten Fenster Glück, denn es ließ sich öffnen.
Ich überlegte kurz, ob ich Scully rufen sollte, doch dann entschied ich mich dagegen. Vorsichtig stieg ich in das Innere des Gebäudes, durchquerte das Zimmer und holte zur Vorsicht meine Pistole hervor. An der Tür blieb ich stehen und lauschte. Kein Laut war zu hören! Leise öffnete ich die Tür und betrat den Flur.
Von einer Sekunde zur anderen war ich mir sicher: Jemand beobachtete mich. Blitzschnell drehte ich mich herum, doch da war niemand. Aufatmend stieß ich die Luft aus und ging den Gang entlang. Dieser mündete in eine große Halle. Ich konnte die Eingangstür erkennen. Eine gewundene Treppe führte nach oben. Leise durchquerte ich die Halle und betrat die erste Stufe der Treppe. Das Gefühl, beobachtet zu werden, wurde immer stärker. Es war nicht das gleiche Gefühl wie bei dem Geysir im Park, sondern ganz anders. Ich fühlte mich einfach unbehaglich.
Schnell drehte ich mich um meine Achse, doch da war wieder nichts! Mit schnellen Schritten huschte ich die Treppe nach oben und durchsuchte Zimmer für Zimmer, ohne etwas zu finden.
Gerade als ich überlegte, ob ich in den zweiten Stock gehen sollte, hörte ich das Geräusch. Stocksteif blieb ich stehen und lauschte. Es kam von unten. Schnell betrat ich das Zimmer neben mir und ließ die Tür einen Spalt offen stehen. Jemand kam die Treppe nach oben gelaufen. Das Unbehagen verstärkte sich, und ich hielt unwillkürlich den Atem an. Zuerst hatte ich natürlich an Scully gedacht, doch den Geräuschen nach konnte sie es unmöglich sein.
Schnell schloß ich die Tür, denn ich hatte plötzlich eine Ahnung, wer es war! Ich sah mich im Zimmer nach einer Fluchtmöglichkeit um, doch es gab nur diese Tür. Das Fenster?
Vor der Tür stoppten die Schrittgeräusche, und ich konnte ein unheimliches Schnüffeln hören. Ich hob meine Waffe, aber ob ich damit etwas gegen dieses Wesen ausrichten konnte, war fraglich. Das Fenster war fest verschlossen und zusätzlich vergittert. Keine Chance zur Flucht also.
Etwas warf sich von draußen gegen die Tür und ließ sie in den Angeln erbeben. Beim zweiten Versuch hatte es Glück. Zusammen mit der Tür stürzte das Wesen in den Raum. Es schüttelte sich und richtete sich drohend vor mir auf.
Der Anblick war so unglaublich, daß ich wie erstarrt stehen blieb. Der Dämon war ungefähr zwei Meter groß und stand aufrecht auf zwei Beinen. Die Arme endeten in zwei Hände mit sechs Fingern, die in Krallen übergingen. Die Haut war schuppig und glänzte. Doch das faszinierende an ihm war das Gesicht. Es war die Karikatur eines Menschen, ins Böse verzerrt. Die Augen funkelten feuerrot, und alle Bösartigkeit dieser Welt schien sich in ihnen zu spiegeln.
Wir standen uns Auge in Auge gegenüber und starrten uns an. Der Dämon schien mich genauso zu mustern wie ich ihn. Und ich erkannte Intelligenz in seinen Augen.
Obwohl es blödsinnig war, sprach ich ihn an: "Wer bist du? Was willst du von mir?"
Er stieß ein Knurren aus, und zu meinem Erstaunen antwortete er klar verständlich: "Ich bin Hades und auf diese Welt gerufen worden, um dich zu töten!"
"Warum? Was bist du?"
"Ich bin die Verkörperung der negativen Gedanken meiner Schöpfer."
"Die negativen Gedanken?"
"Ja! Dadurch, daß sie ihre Kräfte vereinigten, gelang es ihnen, mir körperliche Gestalt zu geben. Seit es Menschen mit negativen Gedanken gibt, gibt es auch mich. Doch bis jetzt konnten nur die wenigsten mich sehen. Bisher konnte ich nur von der Jenseitsebene aus Einfluß auf die Menschen ausüben. Doch jetzt, durch meine materielle Gestalt, ist es mir möglich, direkt anzugreifen. Doch genug geredet, es ist Zeit für dich zu sterben."
Mit einem bösartigen Knurren stürmte er auf mich zu. Ich drückte ab. Durch die Wucht des Einschlages wurde Hades zurückgeschleudert, doch wie erwartet zeigte die Kugel keine große Wirkung. Sogleich stand er wieder auf und kam auf mich zu. Ich wich zurück, bis die Wand in meinem Rücken mich stoppte.
'Angriff ist die beste Verteidigung',dachte ich und sprang mit einem Satz auf Hades zu. Ein Schlag traf mich und schleuderte mich zu Boden. Genau vor mir befand sich nun die offene Tür. Verzweifelt rappelte ich mich auf und sprang mit einem Satz aus dem Zimmer. Ich stolperte über die Trümmer der Tür und stürzte zum zweiten Mal. Ein stechender Schmerz durchfuhr meine rechte Schulter, doch ich achtete nicht darauf. Mühsam kam ich auf die Beine und floh zur Treppe. Hinter mir hörte ich den wuterfüllten Schrei von Hades, der mich jedoch nur noch mehr zur Eile anspornte.
Ich erreichte die Treppe und sah Scully auf der ersten Stufe stehen.
"Scully!" rief ich. "Schnell zum Auto!"

Agent Scully

Nachdem ich mich von Mulder getrennt hatte, umlief ich vorsichtig das Haus. Eine unheimliche Atmosphäre herrschte, die bedrückend auf mich einwirkte. Unwillkürlich zog ich meine Waffe. Ich versuchte jedes Fenster, das ich greifen konnte, zu öffnen. Leider ohne Erfolg. Schließlich erreichte ich die Rückseite des Hauses. Erst jetzt erkannte ich, daß das Haus hier direkt an einen Abhang gebaut war. Direkt vor mir gähnte ein Abgrund und ich mußte wieder umkehren.
Gerade als ich die Vordertür erreichte, hörte ich einen Schuß. Jetzt hielt mich nichts mehr! Mit meiner Waffe schlug ich das Fenster neben der Tür ein und kletterte hindurch. Von oben hörte ich Gepolter und einen Schrei, der mir das Blut in den Adern gefrieren ließ. Ich lief durch die Halle und erreichte eine große Treppe, genau in dem Moment, als Mulder oben auftauchte.
"Scully", rief er. "Schnell zum Auto!" Gleichzeitig lief er mit raschen Schritten zu mir herunter. Gerade als er die Hälfte hinter sich hatte, tauchte oben ein Wesen auf, das aus einem Alptraum entsprungen zu sein schien.
"Laufen Sie doch endlich", schrie Mulder mich an. Er hatte mich erreicht und riß mich aus meiner Erstarrung. Gemeinsam rannten wir zur Eingangstür. Doch dabei hatten wir das wichtigste vergessen: Sie war abgeschlossen!
Mulder zerrte an der Tür, doch sie öffnete sich nicht. Hinter uns hörten wir das Wesen herankeuchen. Mulder gab auf die Tür einige Schüsse ab, während ich mich umdrehte und mein ganzes Magazin in Richtung des Wesens abfeuerte. Ich traf genau, und das Ungeheuer wurde zurückgeschleudert.
Mulder packte meinen Arm und riß mich mit sich. Wir erreichten das Freie und liefen in Richtung Auto.
"Der Schlüssel, wo ist der Schlüssel?" brachte ich keuchend hervor.
"Hier!" rief Mulder und schlenkerte mit dem Schlüsselbund. Wir liefen den Weg zurück, den wir vorhin gekommen waren. Als wir den Zaun erreichten, hörten wir den Wutschrei des Dämons und das Brechen von Ästen. Er war hinter uns her!
"Schnell, über den Zaun, Scully!" Mulder gab mir wieder Hilfestellung, und diesmal flog ich fast hinüber.
Mulder versuchte mit einem Satz über den Zaun zu klettern, doch diesmal schaffte er es nicht ganz. Ich sprang auf meiner Seite hoch und packte Mulder an der Schulter und zog. Es reichte aus, ihn auf meine Seite zu ziehen. Mit einem Schmerzenslaut stürzte er neben mir zu Boden.
"Mulder, alles in Ordnung?" fragte ich besorgt.
"Meine Schulter ist verletzt."
Es war jedoch keine Zeit zum Nachsehen. "Kommen Sie", sagte ich schnell. "Wir müssen weg hier."
Ich half ihm aufzustehen, und zusammen erreichten wir genau in dem Moment das Auto, als der Dämon über den Zaun kletterte.
"Ich fahre, Mulder! Schnell, einsteigen."
Ohne Widerrede sank Mulder neben mir auf den Beifahrersitz, während ich den Wagen startete und den Rückwärtsgang einlegte. Mit quitschenden Reifen schoß der Wagen rückwärts, bis ich es schaffte, ihn ohne Schwierigkeiten zu wenden.
Hinter uns blieb der Dämon zurück. Sein wütender Schrei hallte uns noch lange in den Ohren.
"Mulder, was um alles in der Welt war das?"
Er sah nach vorne durch die Windschutzscheibe und überlegte kurz, bevor er antwortete: "Ich hatte recht! Er sagte mir, daß sein Name Hades wäre."
"Sie haben mit dem Untier geredet?" fragte ich ungläubig.
"Ja! Er erklärte mir, er sei die materielle Verkörperung der negativen Gedanken von Menschen. Ein Dämon also."
"So etwas ist möglich?"
"Sie haben ihn doch mit eigenen Augen gesehen, Scully!"
"Allerdings! Und er wird mich noch lange in meinen Träumen verfolgen." Ich sah kurz zu Mulder hinüber. "Was ist mit Ihrer Schulter?"
"Beim Kampf mit dem Dämon bin ich auf die Schulter gefallen", erklärte er mir. "Wohin fahren Sie?"
Wir hatten inzwischen die Stadt erreicht. "Ich bringe Sie ins hiesige Krankenhaus."
"Nein! Fahren Sie zum Sheriff. Wir müssen ihm mitteilen, daß sein Deputy etwas mit den Morden zu tun hat."
Da ich wußte, daß Mulder nicht nachgeben würde, fuhr ich zum Sheriff-Büro. Mit etwas schmerzverzerrtem Gesicht stieg Mulder neben mir aus dem Auto.
"Wie sehen Sie denn aus?" begrüßte uns Sheriff Duncan.
Mulder erklärte dem erstaunten Sheriff, was passiert war.
"Und Sie glauben also, daß dieser ...Dämon Ihnen folgen wird, Agent Mulder? Wie soll das gehen?" fragte der Sheriff schließlich.
"Ich weiß nicht wie. Und diese Frage ist auch nicht so wichtig. Der Dämon sprach von mehreren Menschen, also müssen mindestens zwei daran beteiligt sein. Die Morde waren wohl so etwas wie eine Probe." Mulder sah sich um. Hilfssheriff Austin war nirgends zu sehen. "Wo ist Deputy Austin?" fragte er.
"Er hat heute dienstfrei", erklärte der Sheriff. "Wie wollen Sie das Untier unschädlich machen?"
"Das weiß ich noch nicht. Als erstes sollten wir Austins Helfershelfer finden, dann wird uns schon etwas einfallen", meinte Mulder.
"Wenn er etwas damit zu tun hat", erwiderte der Sheriff.
"Ja. Fahren wir also zu Ihrem Assistenten, Sheriff. Vielleicht ist er zu Hause und kann uns aufklären."
Duncan nickte, und Mulder und ich stiegen in das Auto des Sheriffs. Nach kurzer Fahrt erreichten wir ein kleines Haus mit einem gepflegten Vorgarten. Der Sheriff ging vor und betätigte die Türglocke.
Nach kurzer Zeit öffnete Austin die Tür. "Sheriff, was verschafft mir die Ehre Ihres Besuches?"
"Agent Mulder hier hat eine schwere Anschuldigung gegen Sie vorgebracht. Er beschuldigt Sie mit den Morden in Verbindung zu stehen. Zusammen mit einem oder mehreren Helfern sollen Sie einen Dämon erschaffen haben, der die Menschen getötet hat."
Austin lachte lauthals los. "Das ist das lächerlichste, was ich je gehört haben. Sie glauben doch einen solchen Unsinn nicht, Sheriff?"
"Ob ich es glaube oder nicht, spielt keine Rolle. Ich muß der Anschuldigung nachgehen. Dürfen wir eintreten?"
Austin gab bereitwillig die Tür frei, um uns einzulassen. Etwas veranlaßte mich, an der Tür stehen zu bleiben. Ich überlegte, was mir aufgefallen war. Die drei Männer gingen ins Wohnzimmer voraus, und ich konnte sie reden hören.
Da fiel mir ein, was mir aufgefallen war: Es war im Wagen des Sheriffs gewesen.
Ich ging wieder nach draußen und öffnete die Autotür. Auf der Fußmatte des Vordessitzes lag das Foto, welches mir im Unterbewußtsein aufgefallen war. Schnell hob ich es auf und betrachtete es. Es zeigte Sheriff Duncan und seinen Assistenten Austin. Was mich aber schockte war der Tisch, der vor ihnen stand. Er war gedeckt mit einer schwarzen Decke, und darauf standen schwarze Kerzen. Solche wurden bei einer Statansmesse benutzt! Da fiel es mir wie Schuppen von den Augen: Duncan war der zweite Mann!
Mulder!
Ich mußte ihn warnen!

Agent Mulder

Scully und ich betraten das Haus von Deputy Austin. Mir fiel auf, daß meine Partnerin auffallend schweigsam war. Zusammen mit Duncan und Austin betrat ich das Wohnzimmer.
"Sheriff", fing Austin das Gespräch an. "Agent Mulder muß verrückt sein. Sie glauben doch nicht im Ernst ein Wort seiner wilden Anschuldigungen?"
"Doch, doch, das tue ich. Schließlich sollten wir beide es ja am besten wissen, nicht wahr? Agent Mulder ist auf der Suche nach dem zweiten Mann. Er meint, daß du uns da helfen kannst."
"Ich denke, Agent Mulder hat Glück, denn er hat den zweiten Mann gefunden", lachte Austin häßlich, während ich langsam zu begreifen begann. Ich versuchte unauffällig, an meine Waffe zu kommen, doch die Stimme des Sheriffs in meinem Rücken ließ mich erstarren.
"Keine Bewegung, Mulder! Ich wäre sonst gezwungen abzudrücken."
Austin trat von der Seite an mich heran und nahm mir vorsichtig die Waffe ab. Ich drehte mich langsam um.
"Sie sind also der zweite Mann, Sheriff."
"Ganz recht! Und ich muß sagen, daß ich Sie bewundere, Mulder. Zweimal haben Sie sich unserer geistigen Kraft widersetzt und schafften es sogar, Hades zu entkommen."
"Wie hat er das überhaupt geschafft?" fragte Austin.
"Das ist jetzt zweitrangig. Wo ist die Frau geblieben?" fragte Duncan.
Erst jetzt fiel mir auf, daß Scully fehlte. Ich mußte sie warnen! Austin trat an das Fenster, während der Sheriff mich nicht aus den Augen ließ.
"Sie ist da draußen an deinem Auto."
"Wir müssen sie schnappen, bevor sie das FBI oder die Staatspolizei benachrichtigen kann", meinte der Sheriff.
"Sie kommt zurück!"
Duncan sah mich warnend an: "Wenn Sie versuchen, sie zu warnen, drücke ich ab."
Ich sah in die gnadenlosen Augen des Sheriffs und erkannte, daß er es ernst meinte. Das war mir jedoch egal. Ich konnte nicht zulassen, daß Scully auch in ihre Gewalt geriet. Als ich draußen ihre Schritte hörte, beschloß ich zu handeln.
"Dana!" rief ich, so laut ich konnte. "Fliehen Sie!"
Der Sheriff fluchte und schlug zu. Der Schlag mit der Waffe traf meinen Magen, und mit einem Schmerzenslaut ging ich zu Boden. Meine Warnung hatte jedoch die erhoffte Wirkung gehabt. Ich hörte, wie Scullys Schritte schnell leiser wurden. Austin lief nach draußen, doch jetzt hörte ich ein Auto starten, und Austin kam zurück.
"Sie hat dein Auto geklaut und ist abgehauen. Was machen wir jetzt?" fragte er den Sheriff.
"Wir nehmen dein Auto und fahren zu deinem anderen Haus. Dort warten wir in Ruhe ab, bis sich alles wieder beruhigt hat. Mulder nehmen wir mit."
"Aber dort werden sie doch zuerst nach uns suchen!"
"Sie werden die Höhle darunter bestimmt nicht entdecken", entgegnete der Sheriff. "Wir sind dort absolut sicher."
Inzwischen war ich wieder einsatzfähig, doch da ich mich nicht gerührt hatte, dachten sie wohl, ich sei noch außer Gefecht gesetzt. Ich beschloß, einen Ausbruchsversuch zu wagen. Aus der Hocke schnellte ich hoch. Mein Kopf traf den Hilfssheriff in den Magen, und ein Handkantenschlag warf ihn vollends zu Boden.
Im gleichen Moment traf mich von hinten ein Schlag und schleuderte mich nach vorne. Ich wurde gegen einen Tisch geworfen und schlug ausgerechnet mit meiner verletzten Schulter auf. Der Schmerz durchzuckte meinen ganzen Körper.
Der Sheriff war heran, doch ich zog meine Beine an und stieß sie Duncan an die Brust. Duncan wurde nun seinerseits zurückgeworfen. Ich rappelte mich etwas mühsam auf, jedoch nur, um von einem weiteren Schlag zu Boden geworfen zu werden. Austin war wieder auf den Beinen. Auch der Sheriff stand wieder, und zu zweit stürzten sie sich auf mich. Gegen beide zusammen hatte ich keine Chance. Ich wurde zu Boden gepreßt, und starke Hände packten mich und drehten mich herum. Eine Hand griff in mein Haar und drückte meinen Kopf zu Boden, bis ich fast keine Luft mehr bekam. Meine Arme wurden auf den Rücken gedreht, und gleich darauf spürte ich Handschellen an den Handgelenken.
Sie zogen mich hoch und zerrten mich mit sich. In der Garage stießen sie mich in das Auto des Hilfssheriffs und fuhren los.
"Geben Sie auf", versuchte ich sie umzustimmen. "Sie haben keine Chance zu entkommen. Meine Partnerin hat inzwischen sicher schon das FBI informiert, und mit der Entführung eines Bundesagenten verschlimmern Sie die Situation nur noch."
"Sei ruhig, Mulder!" fuhr mich Austin an. "Andernfalls erledigen wir dich gleich hier."
Der Rest der Fahrt verlief schweigsam. Niemand versuchte uns aufzuhalten, und nach kurzer Zeit erreichten wir das verlassene Haus.
"Versteck du das Auto, während ich Mulder nach unten bringe", befahl Duncan.
Über die Veranda betraten wir durch die zertrümmerte Eingangstür das Haus, während Austin das Auto versteckte.
Duncan stieß mich zum Ende der Halle. Dort stand eine große Statue, die dem Aussehen nach den griechischen Gott Apollo darstellen sollte. Er drückte auf das linke Auge von Apollo, und eine Geheimtür öffnete sich. Eine Treppe führte steil nach unten.
"Geh voraus", befahl mir Duncan, und vorsichtig betrat ich die steile Treppe. Unten betraten wir einen weitläufigen Höhlenraum mit unterschiedlich großen Nischen. Verschiedene Gänge führten ins Innere der Höhle, welche natürlichen Ursprungs zu sein schien.
"Wo sind wir hier?" fragte ich neugierig.
"Austin hat diese Höhlen und Gänge durch Zufall entdeckt. Der ganze Berg scheint unterhöhlt zu sein. Wo sie enden, wissen wir nicht. Wir benutzen nur die vorderen Räume als Versteck."
Eine der Nischen war wohnlich eingerichtet. Sogar eine kleine Kochnische konnte ich entdecken. Zu dieser führte mich Duncan jetzt. Aber selbst hier war es nicht zu übersehen, daß wir uns unter der Erde befanden, denn innerhalb der Wohnnische wuchs ein riesiger Stalagmit nach oben. Von der Decke herab hatte sich ein weiterer Tropfstein entwickelt und war mit dem Stalagmiten zusammengewachsen, so daß sie nun eine Säule bildeten. Nur dort, wo sie zusammenwuchsen, sah der Tropfstein zerbrechlich aus.
Zu dieser Säule führte mich der Sheriff, und ich mußte mich setzten. Er öffnete die rechte Handschelle, und ich mußte die Arme um die Säule legen. Der Sherif schloß die Handschellen wieder.
Kurze Zeit später tauchte auch Austin auf. "Alles in Ordnung. Niemand wird uns hier finden", sagte er zu Duncan.
Plötzlich fiel mir etwas ein: Wir hatten die ganze Zeit etwas übersehen: H a d e s !

Agent Scully

Nachdem der Ruf Mulders mich gewarnt hatte und ich mit dem Auto des Sheriffs geflüchtet war, fuhr ich schnellstens zum Sheriff-Büro. Ich mußte sofort meine Dienststelle anrufen!
Die Beamten des Sheriffs hörten ungläubig zu, als ich das FBI informierte und von der Entführung Mulders berichtete.
"Agent Scully!" sagte O'Reilly zu mir, nachdem ich mein Gespräch beendet hatte. "Was erzählten Sie da?"
"Ihr Sheriff und Deputy Austin sind für die Morde verantwortlich. Außerdem haben sie versucht, Agent Mulder zu ermorden, und als das nicht klappte, haben sie ihn entführt. Lassen Sie bitte auf allen möglichen Wegen Straßensperren aufstellen. Ich hoffe, es ist noch nicht zu spät."
O'Reilly gab sofort entsprechende Anweisungen und wandte sich dann wieder mir zu: "Ich habe auch Männer zum Haus von Austin geschickt. Sie werden dort zwar nicht mehr sein, aber sicher ist sicher."
Ich nickte zustimmend und schlug dann vor, zum zweiten Haus Austins zu fahren. Zusammen mit O'Reilly und zwei weiteren Beamten machte ich mich auf den Weg.
Während der Fahrt ging die Nachricht ein, daß Austins Haus wie erwartet leer war. Es gab keine Spur von Mulder. Also hatten sie ihn mitgenommen.
Wir erreichten das Eingangstor zu Austins Haus, und die Beamten machten kurzen Prozess und brachen die Tür auf. Dieses Mal fuhren wir mit Blaulicht und Sirene den gewundenen Weg zum Haus entlang.
Eilends stiegen wir aus und stürmten mit gezogenen Waffen zur zertrümmerten Eingangstür.
"Wer war das?" fragte mich O'Reilly. Doch obwohl ich es nur zu gut wußte, sagte ich nichts. Vorsichtig stiegen wir über die Trümmer und durchsuchten das Haus. Doch es war leer. Enttäuscht ließ ich meine Waffe sinken. Es wäre ja auch dumm von den beiden gewesen, hierher zu kommen. Aber war nicht gerade das das Beste? Das unerwartete zu tun? Das wäre sicher Mulders Taktik gewesen. Vielleicht dachte der Sheriff ähnlich?
Eine innere Stimme sagte mir, daß Mulder in der Nähe war. Die Beamten wollten wieder abziehen, doch ich erzählte O'Reilly meine Vermutung und daß ich vorhatte hierzubleiben.
"Agent Scully, Sie können unmöglich alleine hierbleiben."
"Ich werde es aber."
Er überlegte kurz, wandte sich dann an seine Kollegen und bat sie, sich den Straßensperren anzuschließen. Er lächelte mich an und meinte: "Da ich Sie nicht umstimmen kann, werde ich bei Ihnen bleiben, Agent Scully."
Damit war ich sehr einverstanden, und während die anderen abfuhren, legten O'Reilly und ich uns im Schatten eines Baumes auf die Lauer.
Inzwischen war es Abend geworden, und bald würde es dunkel werden. Die ersten Schatten krochen heran, und eine beklemmende Atmosphäre breitete sich aus.
Auch O'Reilly schien es zu spüren, denn immer wieder sah er sich verstohlen um. Das bedrohliche Gefühl wurde stärker, und plötzlich bemerkte ich eine leichte Bewegung seitlich von uns. Ich packte O'Reilly am Arm und zeigte vorsichtig in die Richtung. Auch O'Reilly sah die Gestalt aus der Dunkelheit auftauchen. Als der Hilfssheriff aufstehen wollte, hielt ich ihn zurück.
Das Gefühl wurde übermächtig, als die Gestalt nur wenige Meter entfernt an uns vorbei schlich. Als er unsere Höhe erreicht hatte, blieb er stehen und schnüffelte wie ein Hund in der Luft. Der Dämon schien uns riechen zu können. Ich wagte kaum zu atmen.
Er knurrte und schien zu überlegen, dann drehte er sich um und ging weiter.
O'Reilly schien seinen Augen kaum zu trauen, während er den Dämon beobachtete. Als dieser jetzt weiterging, atmeten wir erleichtert auf. Erst als die unheimliche Gestalt durch die zertrümmerte Eingangstür verschwunden war, wagten wir es aufzustehen.
"Bei allen Heiligen des Himmels", entfuhr es O'Reilly. "Was war das?"
"Hades!" erklärte ich, als ob damit alles gesagt wäre.
"Sie haben das Ungeheuer schon einmal gesehen?" fragte er mich.
"Oh, ja! Die Eingangstür hat es zerstört, als es Mulder und mich verfolgte."
"Was tut das Wesen hier?"
"Duncan und Austin haben den Dämon aus ihren negativen Gedanken materiell werden lassen und auf Mulder angesetzt. Hades soll meinen Partner töten. Daß der Dämon hier aufgetaucht ist bedeutet, daß ich recht hatte. Mulder ist hier! Folgen wir ihm."
"Scully, sind Sie verrückt? Sie können dem Ungeheuer nicht folgen. Das ist viel zu gefährlich."
Ich funkelte O'Reilly wütend an. "Wenn Sie Angst haben, bleiben Sie eben hier. Ich fürchte mich auch vor Hades, aber ich werde Mulder auf keinen Fall im Stich lassen!" Damit verließ ich meine Deckung und folgte Hades durch die Eingangstür.
Mit gezogener Waffe sprang ich geduckt zur Seite. Von dem Dämon war nichts zu sehen. Ein Geräusch in meinem Rücken ließ mich herumfahren. Doch es war nur O'Reilly, der neben mir auftauchte. Er hatte es sich wohl anders überlegt.
Ich legte meinen linken Zeigefinger an die Lippen, um ihm zu bedeuten, ruhig zu sein. Schüsse und ein unmenschliches Gebrüll ließen uns erschreckt zusammenfahren. Wir lauschten!
Es kam von unten. O'Reilly zeigte in die betreffende Richtung: "Scully, ich glaube, dorthin."
Wir folgten den Geräuschen und fanden neben einer Statue einen Eingang und eine Treppe, die steil nach unten führte. Diese hatte ich bei unserem ersten Besuch nicht bemerkt.
"Eine Geheimtreppe", sagte ich leise. Wir sahen uns beide an, um dann wie auf Kommando vorsichtig nach unten zu steigen.

Agent Mulder

"Diese Agentin ist oben mit einigen unserer Leute. O'Reilly führt sie an", hörte ich Austin sagen.
"Der Kerl ist schon lange scharf auf meinen Job. Vermutlich wird er ihn jetzt bekommen", erklärte Duncan. Dann wandte er sich an mich: "Mach dir keine falsche Hoffnung, Mulder. Niemand wird uns hier unten finden."
Darauf erwiderte ich nichts. Ich vertraute da ganz auf meine Partnerin. Irgendwie würde sie mich finden, davon war ich felsenfest überzeugt.
Ein bis zwei Stunden waren vergangen, als ich plötzlich wieder dieses unheimliche Gefühl verspürte. Diesmal wußte ich sofort, was es bedeutete: Hades hatte meine Spur gefunden!
Auch Duncan und Austin sahen sich bedeutungsvoll an. Sie schienen es ebenfalls zu spüren, denn schließlich war Hades ihre Schöpfung.
"Hades kommt!" sagte Austin. "Wir haben ihn ganz vergessen. Er wird Mulders Spur gefunden haben."
"Verdammt! Hoffentlich lockt er nicht die anderen hierher", meinte Sheriff Duncan. "Die Geheimtür wird i h n nicht aufhalten."
Von oben hörten wir jetzt ein triumphierendes Gebrüll, und etwas warf sich mit unheimlicher Wucht gegen die obere Tür. Er war da!
"Hades wird auch vor uns nicht haltmachen, wenn wir ihm im Weg sind", meinte Austin. "Verschwinden wir im Labyrinth."
Duncan sah zu mir herüber, bevor er antwortete: "Du hast recht! Überlassen wir Mulder ihm. Wir verstecken uns in den Gängen und warten ab. Das FBI wird Mulder tot finden und dann wieder abziehen, wenn wir Glück haben."
Während die zwei Männer in einem der Seitengänge verschwanden und mich gefesselt zurückließen, warf sich der Dämon oben immer wieder gegen die Tür. Ich konnte sie schon splittern hören!
Verzweifelt sah ich an der Säule hoch. Knapp oberhalb der Reichweite meiner Arme war eine Schwachstelle. Dort war der Stein nur Zentimeter dick. So schnell es ging, kletterte ich nach oben. An der Schwachstelle warf ich mich mit aller Kraft mit den Handschellen dagegen.
Ich erreichte nichts, außer daß ein Schmerz durch meine Arme fuhr, doch ohne zu zögern versuchte ich es ein zweites Mal. Diesmal schien es mir, als gebe der Stein etwas nach. Oben durchbrach Hades gerade die Tür, und in meiner Verzweiflung warf ich mich mit all meiner verbliebenen Kraft ein drittes Mal gegen den Stein.
Zusammen mit den Trümmern des Steines stürzte ich zu Boden, wo ich, vom harten Aufprall benommen, liegenblieb. Ich hatte jedoch keine Zeit, um mich zu erholen, denn Hades stürmte heran.
Diesmal nahm er sich nicht die Zeit, um mit mir zu reden. Er griff sofort an. Ich konnte mich gerade noch zur Seite werfen, um seinem ersten Angriff zu entgehen.
Beim zweiten Mal schaffte ich das nicht. Sein Schlag traf mich an der Brust, und seine scharfen Krallen rissen mein Hemd auf und hinterließen tiefe Kratzer. Der Schmerz war so groß, daß ich fast das Bewußtsein verlor.
Der Dämon griff wieder an, und ich begriff, daß ich verloren war. Der Schuß kam von oben und traf das Ungeheuer in den Rücken. Durch die Wucht des Einschlages wurde die Bestie nach vorne auf mich geschleudert, und ich schaffte es nur mit Mühe, mich schnell genug unter ihr hervorzuarbeiten.
Schwer atmend hielt ich nach dem Schützen Ausschau. Scully und Deputy O'Reilly waren oben an der Treppe aufgetaucht.
Scully winkte mir zu: "Vorsicht, Mulder! Das Ungeheuer bewegt sich wieder."
Sie hatte recht! Hades stand schon wieder auf. Er versperrte mir knurrend den Weg nach oben. So blieb mir nur die Flucht in die Gänge.
Ich warf mich herum und verschwand seitlich im Gang, bevor das Biest reagieren konnte.

Dana Scully

O'Reilly und ich stiegen die gewundene Treppe hinunter. Nach der ersten Biegung standen wir auf einem kleinen Podest und sahen unter uns einen großen Höhlenraum, von dem unzählige Gänge abzweigten. Gleich unter uns entdeckten wir eine Nische, die als Wohnraum eingerichtet war. Von dort kam auch das Gebrüll.
"Zur Hölle!" fluchte O'Reilly.
Hades versuchte gerade meinen Partner zu töten. Ich hob meine Waffe und schoß.

V O L L T R E F F E R !

Die Bestie wurde nach vorne geschleudert, und Mulder konnte mit Mühe aufstehen. Er entdeckte mich, und ich winkte ihm zu. Da sah ich zu meinem Entsetzen, daß Hades sich wieder bewegte. Ich rief meinem Partner eine Warnung zu. Mulder reagierte blitzschnell und verschwand in einem der Gänge. Hades brüllte warnend zu uns hoch, folgte dann jedoch Mulder.
"Hinterher", rief ich O'Reilly zu, der immer noch etwas blaß aussah.
Ein wahres Labyrinth erwartete uns, als wir den Gang, in dem Mulder und der Dämon verschwunden waren, betraten. Schon nach kurzer Zeit zweigten weitere Gänge ab, und wir blieben zögernd stehen.
"Was jetzt?" flüstere O'Reilly in mein Ohr. Es war das erste Wort, das er sagte, seit wir den Geheimgang betreten hatten. Allerdings wußte ich das auch nicht so genau, und so beschlossen wir, uns zu trennen.
Ich holte meinen Lippenstift aus meiner Gürteltasche, und an jeder Abzweigung machte ich ein rotes Kreuz. Schließlich wollte ich auch wieder herausfinden.
Ich verlor jedes Zeitgefühl, während ich durch die Gänge schlich. Meine Augen hatten sich schnell an die Düsternis, die hier unten herrschte, gewöhnt.
Es war unheimlich! Kein Laut war zu hören.
Da war es, vor mir: Ein leises Geräusch! Ich verharrte auf der Stelle und lauschte. Es kam näher! Vor mir schlich jemand durch die Gänge.
Ich drückte mich an die Wand und bemühte mich, meinen Atem zu unterdrücken, um ja nicht meine Anwesenheit zu verraten.
Ein Schatten tauchte auf, vorsichtig und bemüht, ebenfalls kein Geräusch zu verursachen.
Als er auf gleicher Höhe mit mir war, griff ich zu und drückte ihm meine Waffe in den Rücken. "Keine Bewegung! FBI", flüsterte ich, denn laut zu reden wagte ich nicht.
"Sind Sie das, Scully?" kam es ebenso leise zurück.
Ich stutzte! Diese Stimme kannte ich doch, auch wenn sie durch das Flüstern entstellt war.
"Mulder?"
"Scully!" Er drehte sich erleichtert zu mir um und umarmte mich, wobei ihn allerdings seine Handschellen stark behinderten. Ich war ebenso froh, ihn zu sehen. Leider hatte ich keinen Schlüssel für seine Handschellen dabei.
"Wo sind Sheriff Duncan und Austin?" fragte ich ihn leise.
"Irgendwo in diesem Labyrinth unterwegs", antwortete er. "Wir sollten sehen, daß wir hier herauskommen." Plötzlich zuckte Mulder zusammen.
"Was ist los?" fragte ich.
"Der Dämon kommt!"
Mulder packte mich am Arm und zog mich mit sich in einen der Seitengänge hinein. Hinter uns hörten wir Geräusche, die darauf schließen ließen, daß Hades unsere Spur aufgenommen hatte.
Keuchend liefen wir von Gang zu Gang. Diese waren so verzweigt, daß ich bezweifelte, ob wir je einen Ausgang finden würden. Vor uns huschte ein Schatten entlang, und diesmal war ich es, der Mulder am Arm packte.
"Wer war das?" fragte ich Mulder.
"Ich weiß nicht. Vielleicht Duncan oder Austin."
"Es könnte auch O'Reilly sein", gab ich zurück. "Er muß auch noch irgendwo herumschleichen."
Ich lief an Mulder vorbei, da er durch die Handschellen noch behindert und unbewaffnet war. Vorsichtig spähte ich um die Ecke, doch es war zu finster, um etwas sehen zu können.
"Scully, schnell", flüsterte Mulder hinter mir. "Ich glaube, der Dämon ist dicht hinter uns."
Konzentriert lauschte ich. Mulder hatte recht. Ganz deutlich hörte ich ein Keuchen. Ich drehte mich herum, die Pistole erhoben.
Mulder trat neben mich: "Geben Sie mir Ihre Waffe, Scully. Dann laufen Sie so schnell Sie können weg. Das Monster ist nur hinter mir her."
"Ich lasse Sie nicht allein, Mulder!"
"Seien Sie vernünftig. Sie können das Biest nicht töten."
"Nein", sagte ich bestimmt und zog meinen Partner mit mir. Vor uns wurde der Gang breiter und mündete schließlich in eine kleine Halle, und gerade als wir uns in der Mitte befanden, stürmte Hades herbei.
Ich hob meine Pistole und feuerte, doch es war offensichtlich, daß dem Dämon die Schüsse nichts ausmachten.
Schnell machte ich zwei Schritte rückwärts, da wurde mir von hinten ein Arm um meinen Hals geschlungen. Jemand zog mich in den Schutz eines Seitenganges. Das letzte, was ich noch sah, war, wie der Dämon Mulder angriff.

Agent Mulder

Mit einem mächtigen Satz sprang ich zur Seite, während Scully auf den Dämon feuerte. Dann packte jemand sie von hinten und zog sie in einen der Gänge. Mehr konnte ich nicht sehen, denn Hades erforderte meine ganze Aufmerksamkeit. Wenigstens war Scully aus der Reichweite der Bestie.
Der Dämon kam wieder drohend auf mich zu. Angstvoll wich ich vor ihm zurück, doch die Wand hinter mir stoppte mich.
"Töte ihn endlich", rief da eine Stimme.
Beide drehten wir den Kopf in die Richtung des Rufers. Es war Sheriff Duncan, der zusammen mit meiner Partnerin und Austin aus dem Seitengang auftauchte.
Doch Hades fauchte auch sie an, und so blieben die drei in respektvoller Entfernung stehen. Der Dämon wandte sich wieder mir zu, und ich sah den Tod auf mich zukommen.
"Mulder!" hörte ich Scully verzweifelt rufen, doch Duncan und Austin lachten nur. Da krachte ein Schuß, und Austin fiel getroffen zu Boden.
Der Dämon schrie wutererfüllt auf, und ich hatte den Eindruck, als würde er durchscheinend werden. Ich nutzte meine Chance und sprang mit einem mächtigen Satz an ihm vorbei in den Gang direkt neben ihm.
Wer geschossen hatte, bekam ich nicht mit, aber hinter mir hörte ich einen weiteren Schuß knallen und Schreie. Doch ich konnte nicht nachsehen, denn mein Sprung katapultierte mich kopfüber in den abschüssigen Gang hinein. Mit der linken Schulter schlug ich auf und rollte abwärts. Verzweifelt versuchte ich, mich irgendwo festzuhalten, doch vergeblich. Die Handschellen waren einfach zu hinderlich. Ich rollte abwärts, wobei ich mir abwechselnd jedes Körperteil anschlug.
Endlich konnte ich links von mir einen Felsvorsprung ergreifen und meinen rasanten Sturz stoppen. Erleichtert atmete ich auf und sah nach oben. Ich konnte das obere Ende des Ganges nicht mehr erkennen.
Ich bemerkte, daß es unnatürlich hell um mich herum war und sah hinter mich. Ich erschrak! Nun knapp hinter mir endete der Gang im Freien. Doch nicht am Erdboden, sondern mitten in der Felswand, an der das Haus gebaut war. Unter mir rauschte der Fluß vorbei, und die Höhe betrug bestimmt noch zwanzig Meter.
"Mulder, wo sind Sie?"
Scullys Stimme!
"Hier, hier unten Scully!"

Agent Scully

Der Schuß ließ mich erschreckt zusammenfahren. Neben mir schrie Austin auf und ließ meine Waffe, die er mir im Gang abgenommen hatte, fallen.
Wer hatte geschossen?
Der Dämon wollte Mulder gerade den Garaus machen, als der Schuß fiel. Ich hörte das Biest aufschreien und sah, wie es durchscheinend wurde. Mein Blick kehrte zu Austin zurück. Er war tot! Aus den Augenwinkeln sah ich Mulder mit einem mächtigen Satz in einem Seitengang verschwinden. Ein weiterer Schuß fiel.
"Waffe fallen lassen, Duncan!" hörte ich hinter mir O'Reilly rufen. Also hatte er geschossen! Schnell hob ich meine Waffe auf und richtete sie ebenfalls auf den ehemaligen Sheriff. Der Dämon schlug wild brüllend um sich, wurde aber mit jedem Augenblick durchscheinender.
"Was ist mit ihm?" fragte ich O'Reilly.
"Es muß Austin sein! Der Dämon wurde doch aus den negativen Gedanken von Duncan und Austin erschaffen. Die beiden sind also sein Anker in dieser Welt. Die einzige Möglichkeit, das Monster verschwinden zu lassen, ist, diese beiden zu töten."
Ich sah O'Reilly entsetzt an: "Sie wollen deshalb zwei Menschen töten?"
"Die beiden oder wir! Wählen Sie, Agent Scully! Austin ist schon tot. Es ist reine Notwehr."
"Sie müssen komplett verrückt sein, O'Reilly! Damit kommen Sie nicht durch", mischte sich Duncan in unser Gespräch ein.
"Oh doch, Sheriff! Sagen Sie mir...Chef, ich habe doch recht mit meinen Vermutungen, was den Dämon betrifft?"
Duncan lachte nur höhnisch. Hades hörte auf zu wüten, und das Monster kam jetzt drohend und geifernd auf uns zu. Der Dämon war fast durchscheinend, anscheinend hatte O'Reilly recht.
O'Reilly hob entschlossen die Waffe, um auf Duncan zu schießen. "Tut mir leid, Sheriff", sagte er dabei aufrichtig. "Aber Sie oder wir!"
Duncan warf sich auf O'Reilly, und zusammen fielen sie zu Boden. Ein Schuß fiel, und Duncan schrie auf. Auf seiner rechten Schulter zeigte sich ein roter Fleck. Der Dämon schrie immer noch...und flüchtete. Er war jetzt nur noch ein riesiger unheimlicher Schatten.
Wir sahen ihm erstaunt hinterher. Duncan nutzte die Gelegenheit und lief in einen der Gänge. O'Reilly wollte ihn verfolgen, doch ich hielt ihn zurück: "Lassen Sie ihn. Wir müssen Mulder finden."
Ich lief zu dem Seitengang, in den ich meinen Partner hatte springen sehen. Doch erschreckt zuckte ich zurück, der Gang fiel steil nach unten. Durch seinen Sprung war Mulder bestimmt abgestürzt.
Ich rief nach ihm. Ganz schwach hörte ich seine Antwort. Erleichtert atmete ich auf.
"Er ist da unten, O'Reilly." Ich wandte mich wieder dem Gang zu. "Können Sie hochklettern, Mulder?" rief ich nach unten.
"Nein!" kam es zurück.
"Dann müssen wir nach unten klettern", sagte ich. O'Reilly nickte, und so begannen wir vorsichtig mit dem Abstieg. Wir erreichten Mulder, der nur knapp vor einem Ausgang ins Freie lag. Ich sah hinaus. Die Wand hinter dem Ausgang fiel tief hinunter. Unten donnerte der Fluß durch sein enges, gewundenes Bett.
"Oh, Mann! Das war Glück im Unglück, Mulder", sagte O'Reilly, der neben mir in den Abgrund starrte.
Ein wutentbrannter Schrei ließ uns beide herumfahren. Duncan, blutüberströmt, stürzte heran. Er mußte uns unbemerkt gefolgt sein.
Ich hob blitzschnell mein Bein, und Duncan stolperte darüber und verlor dabei das Gleichgewicht. Während O'Reilly und ich uns links und rechts an die Wand pressten, um Duncan passieren zu lassen, hatte Mulder weniger Glück. Duncan stolperte direkt über ihn und riß ihn mit sich.
Mit einem Schrei fielen sie zusammen ins Freie. Ich schrie entsetzt auf. Das hatte ich nicht gewollt!
Ich spähte hinunter.
Mulders Handschellen hatten ihm das Leben gerettet. Sie hatten sich über einem Felsvorsprung verheddert und so seinen Absturz verhindert. Duncan hing an Mulders Beinen und schrie. Der Felsvorsprung bewegte sich etwas. Anscheinend war das doppelte Gewicht zuviel für ihn, denn er drohte abzubrechen.
"Aushalten, Mulder!" rief ich meinem Partner zu. "Wir holen Sie herauf."
"Schnell, Scully! Der Felsen gibt nach."
O'Reilly tauchte neben mir auf. Mulder war nur knapp einen halben Meter unter uns. Duncan strampelte, und durch die Bewegung drohte der Felsen noch schneller abzubröckeln.
"Nicht bewegen, Duncan! Dadurch verliert ihr euren Halt", rief O'Reilly. Doch der strampelte nur um so mehr und verlor plötzlich den Halt. Mit einem Schrei stürzte er in den Abgrund, wo er in den Fluten versank.
"Schnell, beeilt euch", rief Mulder verzweifelt von unten. "Der Felsen bricht gleich ab."
"Ich lasse Sie nach unten, Scully, und halte Sie", schlug O'Reilly vor. "Anschließend ziehe ich Sie beide hoch."
Es gab nichts mehr zu zögern, und so hing ich gleich darauf kopfüber über dem Abgrund.
Ich bekam Mulders Handgelenk zu fassen. "Helfen Sie mir, Mulder! Ich schaffe es nicht, Sie hochzuziehen", rief ich meinem Partner zu. Mulder stellte die Beine an den Felsen und schaffte es so, sich etwas hochzuarbeiten. Mit der anderen Hand ergriff ich die Kette der Handschellen. "O'Reilly, hochziehen!" rief ich nach oben. Gleich darauf bemerkte ich, wie wir Zentimeter um Zentimeter nach oben gezogen wurden.
Unter mir keuchte Mulder vor Schmerzen, denn die Handschellen, an denen er hing, schnitten ihm tief in die Handgelenke. Endlich war ich in der Höhle, und nun war es zu zweit ein leichtes, Mulder vollends hochzuziehen.
Erschöpft blieben wir alle drei liegen. O'Reilly war im Gesicht feuerrot vor Anstrengung.
Mulder sah als erster auf: "Danke!" brachte er nur hervor. O'Reilly war noch zu erschöpft, um darauf etwas zu sagen, und so nickte er nur.
Ich klopfte Mulder beruhigend auf den Rücken und lachte aus vollen Herzen.
"Scully", keuchte Mulder. "Weshalb lachen Sie?"
"Es ist nichts, Mulder! Ich dachte nur daran, in welche seltsamen Abenteuer Sie mich immer wieder stürzen."
"Wollen Sie damit sagen, daß Ihnen so etwas öfter passiert?" fragte O'Reilly.
"Oh ja!" antwortete ich aus vollem Herzen.
"Oh Mann, oh Mann!" entgegnete O'Reilly. "Was für ein aufregendes Leben!"
"Manchmal zu aufregend", gab ich zurück.
O'Reilly zog einen Schlüssel hervor und befreite Mulder endlich von seinen Handschellen, obwohl diese letztendlich sein Leben gerettet hatten. "Ihre Hände", sagte O'Reilly.
In der Tat sahen Mulders Handgelenke böse aus. Die Handschellen hatten sich tief ins Fleisch gebohrt und seine Hände aufgerissen.
"Das ist nichts schlimmes", meinte Mulder nur. "Wir sollten lieber nach oben klettern und von hier verschwinden."
Er hatte natürlich recht, und so machten wir uns auf den Rückweg. Nachdem wir alle wieder sicheren Boden unter den Füßen hatten, suchten wir den Rückweg aus dem Labyrinth. O'Reilly hatte eine Taschenlampe dabei, mit der wir nach meinen Markierungen suchen konnten. Schließlich hatten wir auch das geschafft und befanden uns wieder in der Eingangshalle.
"Jetzt nichts wie raus hier", meinte Mulder und zeigte auf die Treppe, die nach oben führte. Als wir sie erreichten, tauchte Hades aus dem Nichts auf und versperrte den Weg nach oben. Er war nur noch ein Schatten, doch geifernd und brüllend kam er auf uns zu.
"Ich dachte, durch den Tod von Duncan und Austin sei der Dämon vernichtet", sagte O'Reilly entsetzt.
"Das ist er auch", sagte da Mulder zu unserem Erstaunen. "Er kann uns nichts tun. Schließt die Augen und denkt daran, ihn zu vernichten."
"Was soll der Unsinn, Mulder", fragte ich.
"Tun Sie was ich sagte", gab Mulder wütend zurück. "Ich weiß, was ich tue."

Agent Mulder

In der Tat wußte ich, was ich sagte. Scully und O'Reilly schlossen die Augen, während ich mich auf die durchscheinende Gestalt des Dämons konzentrierte.
"Verschwinde", donnerte ich ihn laut an, denn das gesprochene Wort ist eine mächtige Waffe. "In der materiellen Welt hast du nichts mehr zu suchen. Du hast keine Gewalt mehr über uns. Im Namen der hohen Mächte befehle ich dir, steige hinab in die Hölle, aus der du erschaffen wurdest!"
Der Dämon heulte auf, und mit einem Brüllen, das ich bestimmt mein Leben lang nicht vergessen werde, verschwand er.
"Mulder, wie haben Sie das gemacht?" fragte Scully erstaunt.
"Das ist doch ganz einfach! Da der Dämon die materielle Verkörperung der negativen Gedanken von Duncan und Austin war, wurde er mit deren Tod in seine normale Welt zurückverbannt. Er hat in unserer Welt keinen Anker mehr. Hätten wir uns vor ihm gefürchtet, hätte er vielleicht wieder Macht über uns bekommen. So aber fehlte ihm jeder Bezugspunkt, und er mußte vor den höheren Mächten weichen."
"Sie meinen also, der letzte Kampf mit dem Dämon fand nur in unseren Köpfen statt?" fragte O'Reilly.
"So ähnlich", erklärte ich.
"Laßt uns endlich gehen", meinte meine Partnerin. "Ich habe genug von Dämonen, Höhlen und negativen oder höheren Mächten für lange Zeit."

Agent Fox Mulder

Der Tod von Sheriff Duncan und Hilfssheriff Austin wurde als Notwehr erklärt. Die zuständigen Behörden erklärten die beiden für schuldig am Tod der vier Menschen, die Agent Scully und mich nach Thumb, Wyoming geführt hatten. Der Dämon wurde mit keinem Wort erwähnt. Über das Motiv der beiden konnten die Behörden keine Auskünfte geben und erklärten, es würde wohl ewig ein Rätsel bleiben, was die beiden zu dieser Tat veranlaßt hatte. Deputy O'Reilly wurde vorübergehend, bis zur nächsten Wahl, zum Sheriff ernannt.
Auch wenn die Behörden und zuständigen Personen es weitgehend verleugnen, ich weiß, daß es negative Mächte gibt, die uns verführen und vernichten wollen, doch auch, daß es höhere Mächte gibt, die uns die Kraft geben, diese finsteren Kräfte zu bekämpfen.

Monika Abt