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Sein Leben ist die Dunkelheit
Ich traf ihn durch Zufall.
Völlig unvorbereitet betrat ich damals ein Lokal, als ich auf Geschäftsreise war. Meine Kollegin hatte mir erzählt, daß man in dieser Bar ungestört essen könnte, selbst, wenn man allein war. Die Gaststätte war tatsächlich hell und übersichtlich gebaut, so, daß ich ihn schon von weitem an der Bar sitzen sehen konnte. Seinen Mantel hatte er neben sich über den Hocker gebreitet, als müsse er immer bereit zum übereilten Aufbruch sein. Allerdings schien er dafür zu sehr in seinen Drink vertieft. Offensichtlich war er allein.
Eine ganze Weile beobachtete ich ihn aus der Ferne, während ich aß. Seiner Kleidung nach zu urteilen war er Beamter, aber irgendwie saß seine Krawatte schief, war das Hemd nicht richtig gebügelt. Sein Anzug machte einen abgenutzten Eindruck. Trotzdem paßte es zu ihm, zu den breiten Schultern, dem kräftigen Nacken. Die Art, wie er dort auf seinem Sitz kauerte, ließ mich annehmen, daß er ziemlich groß sein mußte.
Ich weiß bis heute nicht genau, was mich an ihm so sehr anzog, daß ich zu ihm hinüberging. Glücklicherweise war der Platz neben ihm der einzige freie. Nach meiner eigenen Bestellung kam ich irgendwie mit ihm ins Gespräch. Und tatsächlich war er vom FBI. Er erzählte mir auch, daß er nur noch auf sein Flugzeug warten würde, nachdem sein Partner erkrankt sei. Und nach einiger Zeit bemerkte ich die Farbe seiner Augen. Ein kaltes, klares Grau, das mich sofort in seinen Bann zog. Im Gegensatz zu seiner hünenhaften Figur waren seine Gesichtszüge weich und angenehm. Manchmal konnte man einen Muskel spielen sehen, wenn er sein Glas hob, wenn er den Kopf bewegte. Seine Haltung sprach von Erschöpfung, berechtigter Furcht und Mißtrauen.
Und immer wieder begegnete ich seinen Augen. Sie sprachen zu mir, erzählten mir ihre Geschichte. Zwar weiß ich nicht mehr, was ich ihm alles über mich erzählte, aber es war belanglos. Genauso leer wie das, was er offen aussprach. Trotz wiederholten Anhebens seines Glases lockerte sich seine Zunge nicht. Auch seine Gesichtszüge schwiegen weiter. Nur seine Augen lüfteten ihr Geheimnis, nur um mich einzuweihen. Und sobald das geschah, war ich auch schon gebunden.
In dem Augenblick, als ich in seinen Blicken las, seine Geschichte verstand, war ich auch gezwungen, ewig zu schweigen. Die Fähigkeit, alles zu begreifen, Menschen zu verstehen, ist für mich nur um so mehr mit dem Fluch verbunden, nicht sprechen zu können. Mit dem Begreifen gab ich diesen Augen das Versprechen, still zu bleiben.
Schon meine Mutter hatte immer gesagt, ich könne Gedanken lesen. Und später in der Schule hatte ich es besser als andere verstanden, in den Augen die geheimsten Gedanken zu erfahren. Doch diesmal wünschte ich, diese Gabe wäre an mir vorübergegangen.
Diese Blicke hatten mehr gesehen, als sie sollten.
Und nicht sein ganzer Geist wurde damit fertig. Ein Teil von ihm schien seinen eigenen Worten nicht zu glauben. Oder war er überhaupt ein ganzer Mensch? Irgend etwas schien ihm zu fehlen. Wie ein Puzzle aus mehr als dreitausend Teilen, dem eine Ecke fehlte. Zwar schön anzusehen, aber irgendwie nicht komplett.
Und während unseres Gesprächs wuchs in mir das Bedürfnis, diese Lücke auszufüllen. Ich wollte seine Gedanken teilen, einen Teil seiner Last mit ihm tragen, nur um zu wissen, daß er in Sicherheit war. Das war mehr als nur Mitleid, was sich in mir regte. Ich wollte verstehen, so wie er es tat.
Aber nach einiger Zeit wurde mir klar, daß es niemals so sein würde. In dem Moment nämlich, als er von seiner Partnerin zu sprechen begann. Seine Augen leuchteten auf wie Diamanten.
Tatsächlich änderte sich an seiner Ausstrahlung nichts. Als ob sein Rest sich gegen diese Zuneigung, von der seine Augen sprachen, wehren würde. Ein Außenstehender hätte auch nicht den kleinsten Schimmer von dem gehabt, was in diesem Mann vorging! Doch seine Augen konnten mir nun nichts mehr verheimlichen. Er war verliebt, verliebt in eine Frau, die seine Erlebnisse geteilt hatte, die gesehen hatte, was ich niemals sehen würde.
Und diese Frau war das fehlende Puzzleteil. Sie machte diesen Mann zu einem Menschen, der mit Fremden sprach und mir jetzt gegenübersaß. Nur sie schien seine Stütze zu sein. Sie war das Feuer, das hinter seinen Augen brannte. Eine heiße, unruhige Flamme, die immer zu lodern schien und seine niedergeschlagene Haltung lügen strafte.
Was verfolgte ihn, oder folgte er etwas? Was stand hinter diesem Mann, was berührte ihn, was stieß ihn ab? Ich wollte es wissen, aber es schien mir nicht erlaubt.
Im Gespräch bemerkte ich überdeutlich die Mauer, die dieser gutaussehende Mensch um sich gebaut hatte. Ein Bollwerk gegen alles Feindliche, aber auch gegen alles, was ihn berühren könnte!
Man sagt, daß nur Menschen, die die Dunkelheit selbst kennengelernt haben, in der Lage sind, ihre eigene Dunkelheit zu erschaffen. Und so war es auch bei ihm. Sein Leben war die Dunkelheit, undurchdringlich, schwarz und kalt. Doch wie sah es dahinter aus?
Er erhob sich plötzlich und lächelte scheu. Wie schön er dabei war...!
Sein Flieger würde bald soweit sein, er müsse jetzt aufbrechen, sagte er leise. Ich konnte nur stumm zu ihm aufsehen.
Vielleicht würde man sich ja mal wiedersehen. Sein Name wäre Mulder, Fox Mulder.
Aber er konnte doch jetzt nicht einfach gehen! Ich wollte noch so viel erfahren! Panik ergriff mich. Ich wollte ihn festhalten, bitten, zu bleiben, aber ich konnte es nicht.
Mein Verstand siegte, während ich mich für die Drinks bedankte und mich verabschiedete.
Wehmütig sah ich ihm nach, der Leibe meines Lebens.
Kurze Zeit nach unserer Begegnung weinte ich viel, da mir klar war, daß ich ihn nie wieder sehen würde. Aber heute weiß ich, daß es so am besten war. Ich bin jetzt verheiratet, habe zwei liebe Kinder und ein sehr schönes Leben. Etwas langweilig zwar in Hinblick auf das, was Mulder mir versprochen hätte, aber sehr akzeptabel.
Doch trotzdem denke ich noch sehr häufig an diesen undurchschaubaren Mann und hoffe für ihn, daß er gefunden hat, was er suchte! Ob er sie wohl geheiratet hat? Ich bete darum, denn dann weiß ich, daß es ihm gutgeht.
Und manchmal bin ich froh, daß er meinen Namen nie erfahren hat, denn ich weiß nicht, was wäre, sollte ich ihm je wieder begegnen. Der Liebe meines Lebens. |